Der Wiener Aktionist Günter Brus im Martin-Gropius-Bau : Schlachtfeld Körper

In Wien machte er Furore, in Berlin fand er zu sich selbst: Der Martin-Gropius-Bau würdigt den Extremkünstler Günter Brus.

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Wiener Spaziergang. Günter Brus am 5. Juli 1965 am Heldenplatz, der Beginn der Kunstrichtung Wiener Aktionismus.
Wiener Spaziergang. Günter Brus am 5. Juli 1965 am Heldenplatz, der Beginn der Kunstrichtung Wiener Aktionismus.Foto: Ludwig Hoffenreich

Soll das jetzt Karneval sein? Dem Citroen 2 CV entsteigt ein komplett weiß übermalter Mann, nur eine schwarz gepinselte Linie zerteilt den Leib in eine rechte und linke Hälfte. Der Berliner mag auf den ersten Blick denken, die 1965 fotografierte Szene könnte sich hier zugetragen haben, vielleicht am Großen Stern, wo ein Jahrzehnt später Ulay, ebenfalls Aktionskünstler, mit einem der Nationalgalerie gestohlenen Spitzweg im VW-Käfer herumkurvt. Doch 1965 geschieht dieser Urknall des Wiener Aktionismus, ein neues Kapitel in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts, natürlich nicht in Berlin, sondern in Wien. Bezeichnenderweise am Heldenplatz, von wo aus sich Günter Brus auf den Weg zum Stephansdom macht. Bis dahin sollte er gar nicht erst kommen, die Polizei hält ihn vorher auf. Der Künstler bekommt anschließend eine Ordnungsstrafe wegen öffentlichem Ärgernis.

Brus treibt den Ausstieg aus dem Bild weit und weiter, die Selbstübermalung ist nur der Anfang. Zunächst ist der Körper noch Leinwand, zuletzt wird er zum Schlachtfeld. In seinen Performances, von denen jede einmalig ist, verletzt sich der Künstler immer mehr, uriniert, defäkiert. Das spärliche Publikum, meist Künstlerfreunde, bleibt verstört, fasziniert zurück. Für den Staat ist der Endpunkt erreicht, als der 30-Jährige im Rahmen der Aktion „Kunst & Revolution“ in der Wiener Universität onanierend die Nationalhymne absingt.

Diesmal wird er als Höchststrafe zu sechs Monaten Arrest verurteilt. Der Künstler flieht 1969 mit Frau und zweijährigem Kind nach West-Berlin, wo er sich durch den Viermächtestatus der Auslieferung entziehen kann. Innerhalb weniger Jahre in der Wiener Kunstszene zur Berühmtheit avanciert und von der Boulevardpresse zum Feindbild deklariert, kommt Brus nun dort an, wo man diesen Grenzgänger schon sehr viel früher gewähnt haben könnte: in Berlin, wohin bereits zahlreiche andere Künstler aus Österreich emigriert sind, wo es keine Sperrstunde gibt und man sich um extravagante Lebensentwürfe wenig schert. Ihr Hauptquartier hatten die Expats im Kreuzberger „Exil“, wo Oswald Wiener ein typisch österreichisches Lokal unterhielt, das längst Legende ist.

Brus und Berlin, das wird zu einer elfjährigen Liaison, die allerdings in Vergessenheit geraten ist. Mit der großen Ausstellung „Störungszonen“ im Martin-Gropius-Bau dürfte das nun anders werden. Britta Schmitz, seit 35 Jahren an der Nationalgalerie, setzt mit dieser Retrospektive einen fulminanten Schlusspunkt unter ihre Karriere bei den Staatlichen Museen. Energisch, zierlich, scheinbar alterslos jung geht die dienstälteste Kuratorin damit in Pension. Als sie ihr Volontariat im Mies-van-der-Rohe-Bau begann, war Brus kurz zuvor in seine Heimat zurückgekehrt. Kennengelernt hatte Schmitz das österreichische Enfant terrible schon zuvor als Kunstgeschichtestudentin auf dem Kölner Kunstmarkt.

Mit der Aktion "Zerreißprobe" beendet Brus seine Performance-Phase

Brus bleibt in Berlin bis 1980, hier stellt er sein Werk ein Jahr nach seiner Ankunft noch einmal komplett um. Die Aktion „Zerreißprobe“ 1970 in München hat ihm selbst vor Augen geführt, dass es extremer nicht mehr geht. Der Künstler schneidet sich in dieser 43. Aktion in die Oberschenkel, uriniert in die Wunde, fesselt seine Knöchel an eine Heizung, schlitzt mit einer Rasierklinge den Hinterkopf auf. Selbst in der Aufzeichnung schaut man lieber weg als hin. Trotzdem ist sie eine Kostbarkeit. Um die wenigen Dokumente, Filme, Fotos, die sich aus dieser aktionistischen Phase erhalten haben, reißt sich heute der Markt. Als im Nachlass des österreichischen Regisseurs Kurt Kren Material auftauchte, griff das Museum of Modern Art in New York sogleich zu. Günter Brus erlebt sein Comeback, seit sich Performance bei jungen Künstlern wieder neuer Beliebtheit erfreut, Selbstverletzungen inklusive – mag auch mit der „Zerreißprobe“ seine eigene darstellerische Phase enden.

Aus dem weiß überpinselten Anzugträger des Anfangs ist fünf Jahre später ein Nackter geworden, dem nun ein blutiges Rinnsal als den Körper teilender Strich über den Rücken läuft. Albrecht Dürer malte sich als Christus, Brus lebt als ähnlicher Stellvertreter das Leiden konkret aus. Er macht sich selbst zum Ort, an dem die unterdrückten Affekte einer regressiven Gesellschaft ausagiert werden. Was sich Jugendliche heimlich mit Schnittwunden antun, als Ventil ihrer psychischen Leiden, das fügt sich Brus in Wien, dem Ursprungsort der Psychoanalyse, als quasi öffentliches Opfer zu. Auch Otto Muehl, Hermann Nitsch, Rudolf Schwarzkogler haben diesen Exzess betrieben, Nitsch führt noch heute sein Orgien-Mysterien-Theater auf. Günter Brus aber musste in der Mauerstadt Berlin neue Wege finden, ein Grenzgänger sollte er bleiben, allerdings nur noch auf dem Papier, auf der Leinwand. Der Künstler kehrte wieder zu seinen Anfängen zurück und entdeckte für sich die Verbindung aus Schrift und Bild.

Die besondere Qualität der Retrospektive im Martin-Gropius-Bau besteht darin, dass sie den ganzen Künstler in den Blick nimmt, nicht nur die sechs Jahre des spektakulären Aktionisten, als der Brus weithin gilt. Wer die Ausstellung durchwandert, wird erstaunt sein, wie viel Jugendstil, wie viel Klimt darin steckt, umso weiter sich das Werk entwickelt. Arbeitete Brus seit seinen Anfängen an der Akademie nur schwarz-weiß, zunächst im Stil des Informel, schließlich mit dem ganzen Körper auf der Leinwand, zuletzt bei seinen Übermalungen als Teil der Performances, so kommt in Berlin plötzlich die Farbe in sein Werk, eine ziselierte Silhouette-Linie taucht auf, wie man sie auch von den Aktbildern Gustav Klimts kennt.

Brus legt in Berlin zwar nicht mehr Hand an sich selbst, milder wird er trotzdem nicht. Geradezu rauschhaft verfasst er schreibend und zeichnend in der Schöneberger Grunewaldstraße seine Erinnerungen, exzessiv, drastisch, verstörend wie die Aktionen, Zeichnungen grotesker Folterszenen wechseln darin mit absurden Beschreibungen ab: „Sie schrie auf vor Inzest und ich entgegnete kühl gelassen: Gusch, bleede Steissgeign!“ Ähnlich wie die Aktionen taugt der „Irrwisch“ mit seinen Illustrationen zum Skandal, heute gilt er als Kultbuch, ein Jahr nach seiner Entstehung holt ihn Harald Szeemann 1972 auf die Documenta nach Kassel.

Brus hat damit seine neue Form gefunden, die ihn allerdings auf romantische Abwege führt. So illustriert er „Vier Abendlieder“ und „Des Knaben Wunderhorn“, in denen flatternde Vögel, Blütenmeere und Sonnenuntergänge auftauchen. Seine Neigung zum Abseitigen, zu den Grenzgängern verfolgt er trotzdem weiter. Brus widmet großformatige Zeichnungen den Exzentrikern Füssli und Christian Friedrich Hill, ihre Nachtgestalten rahmt allerdings eine brav gezeichnete Banderole mit Pflanzen und Getier, der Albtraum erscheint nun kultiviert.

"Ich kann mir nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden" - das gilt auch für Günter Brus

Zum Höhepunkt gelangt Brus’ Bilddichtung mit dem Libretto zu Franz Schrekers Oper „Die Gezeichneten“, auch er ein Österreicher in Berlin und geächtet. Doch die Blätter besitzen nicht mehr die Wucht der Aktionen. Die ins Zweidimensionale verlegte Handlung wirkt durch den Einsatz farbiger Ölkreide ästhetisch-dekorativ. Kein Wunder, dass Brus von einem italienischen Sammler den Auftrag zur Gestaltung eines Gartenpavillons erhält. In der Ausstellung ist der auf hölzerne Tafeln gemalte Entwurf für die neun „Kardinäle der Unzucht“ zu sehen. Die Mitra wandelt sich darin immer wieder neu zum weiblichen Geschlecht, zur Ausführung des kaum noch anstößigen Zyklus kommt es trotzdem nicht.

Der Kippenberger-Spruch „Ich kann mir nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden“ gilt auch für Brus, in die Kunstgeschichte ist er ohnehin eingegangen. Das kapierten auch die letzten Konservativen. 1997 erhält der Künstler den Großen Österreichischen Staatspreis, seit 2011 gibt es in seiner Heimatstadt Graz das „Bruseum“, ein ihm gewidmetes Museum. Er hat es verdient. Und endlich würdigt ihn seine Wirkungsstätte Berlin.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, bis 6. Juni; Mi bis Mo 10–19 Uhr. Katalog (Verlag Walther König) 29 €.

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