Kultur : Der Wüstling und das Mädchen

Saddam Hussein hat ein Liebesmärchen geschrieben. Nun erscheint es auf Deutsch

Stephan Schlak

Als Saddam, dem Höhlenmenschen, vor laufenden Kameras die Mundhöhle ausgeleuchtet wurde, hatten die Amerikaner den Krieg um seinen Körper gewonnen. Auch wenn der Terror im Irak nicht aufhören mag – die Legende vom ewigen Überlebenskünstler, der sich trickreich allen Nachstellungen zu entziehen wusste, war zu Ende. Saddam Husseins verfilzter Rauschebart wird durch keinen Tisch wachsen. Nun aber taucht der gefangene Diktator überraschend in einer neuen Rolle auf: als Held der orientalischen Poesie. „Zabibah und der König“ heißt das Liebesmärchen des Ex-Tyrannen. In der Übersetzung von „Dr. Doris Kilias“ liegt es jetzt auch in Deutschland vor. Steht Saddam damit vor ungeahntem Nachruhm? Der um seine Seriösität bemühte bayerische Thomas-Bauer-Verlag möchte es uns als moderne Schreckensästhetik verkaufen und fragt: „Muss man Literatur verdammen, nur weil sie aus der Feder des Diktators stammt?“

Saddams Märchen ist schnell erzählt: Es war einmal ein weiser gütiger König, der das einfache irakische Volksmädchen Zabibah liebte, bevor eine Verschwörung von Invasoren der Idylle ein Ende machte. Vordergündig erschreckt das Buch durch seine Harmlosigkeit. Man erfährt viel von dem grenzenlosen Wunsch des Königs, geliebt zu werden. Politisch brisant wird das Märchen allein dadurch, dass es als Allegorie auf Saddams Herrschaft gelesen werden will. Auch wenn der König sich hier Gedanken über eine gute Regierung macht, haben wir es nicht mit einem modernen Fürstenspiegel zu tun. Eher schon könnte man den Eindruck gewinnen, Saddam wollte – das Buch erschien im Irak im Jahr 2000, kurze Zeit nach Monicagate – die Fummelaffäre aus dem Weißen Haus im Potenzkrieg der Präsidenten mit einer eigenen romantischen Episode kontern. Lüstern stellt der König hinter den dicken Palastmauern Zabibah nach. „Ob sie es denn gern mit ihrem Mann treibe, wollte er wissen.“

Die Rollen sind klar verteilt. Schurke Nr.1 ist Zabibahs sexbesessener Ehemann, der ihren zierlichen irakischen Körper ausbeutet und über die Beischlaffrequenz Buch führt. In diesem Wüstling sollen wir den schießwütigen großen Satan wiedererkennen. Das Buch legt solch kriminalistische Lektüren nahe, und auch der CIA soll sich drei Monate über Saddams Märchenstrategien gebeugt haben. „Ein raffiniert geschriebenes, intelligentes Buch, das einen bis zur letzten Seite fesselt.“ So wirbt der Verlag mit dem Zitat „eines führenden CIA-Beamten“.

Damit scheint der ästhetische Eigenwert dieses Märchens aber nur ungenügend umrissen. Nichts erinnert in dieser politischen Kitschfibel an die orientalische Märchenwelt oder die zauberhaften Verse des Korans. „Die Tradition kommt für sie nur“, schrieb Hans Magnus Enzensberger in seinem berühmten „Wiedergänger“-Essay über Saddam und Hitler, „als Sprengstoffdepot in Betracht.“

Und so darf in dieser Liebesgeschichte keine Figur nur sie selbst sein. Alle stehen für etwas anderes, tragen im Dienst der Ideologie einen unsichtbaren politischen Sprengstoffgürtel. Die Geschichte kulminiert am 17. Januar, als Zabibah von ihrem Ehemann (vulgo den USA) hinterrücks im Wald vergewaltigt wird. Tatsächlich begann an diesem Tag der alliierte Wüstensturm zur Befreiung Kuwaits.

Saddams agit-poetisches Werk wird nun im kleinen Thomas-Bauer-Verlag zwischen allerlei Duftkerzen, Massagestäbchen und Schaumkugeln feilgeboten. Nassforsch winkt uns der Lifestyle-Verlag aus dem malerischen Bad Wiessee vom Tegernsee herüber – wo vor genau 70 Jahren schon jener andere Schlächter, der als Politiker gerne ein Künstler sein wollte, blutig kurzen Prozess mit seinen Rivalen machte.

Und so verrät „Zabibah und der König“ auch weniger Neues über den orientalischen Diktator als über eine deutsche Badeschaum-Moral, die auch in Zeiten des Terrors auf Saddam als letzten Lektürekitzel nicht verzichten möchte. So frech wird hier der Giftmörder in den Wellness-Bereich überführt, dass das Märchen unter der Hand zu einem Schurkenstück über den Wohlfühl-Terrorismus unserer Zeit wird.

Saddam Hussein: Zabibah und der König. Aus dem Arabischen von Doris Kilias. Thomas-Bauer-Verlag, Bad Wiessee-Holz 2004. 192 S eiten, 18,90 €.

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