Der Zweite Weltkrieg im britischen Kino : Dienstanweisung: Schmalz in die Dialoge

Spots für die Moral an der Heimatfront: Lone Scherfigs filmisches Frauenporträt „Ihre beste Stunde“ mit Gemma Arterton in der Hauptrolle.

Ghostwriter. Catrin Cole (Gemma Arterton) soll den britischen Filmscripts eine weiblichere Note verleihen.
Ghostwriter. Catrin Cole (Gemma Arterton) soll den britischen Filmscripts eine weiblichere Note verleihen.Foto: Concorde Filmverleih

Zwei englische Hausfrauen im Jahr 1940 plaudern beim Wäscheaufhängen. Was sie nur tun könne, sinniert die eine, in diesen schweren Zeiten, wo die Männer an der Front gegen Hitler kämpften. Ihre Freundin legt die Stirn nachdenklich in Falten, und schließlich überkommt sie eine Idee: „Hast du schon einmal an Karottenanbau gedacht?“ Von solch plumper Poesie sind die Propagandaspots des britischen Informationsministeriums, mit denen die Moral an der Heimatfront während des Zweiten Weltkriegs aufrechterhalten werden soll. Mehr „Authentizität und Optimismus“ fordert deshalb der zuständige Minister von seinen Drehbuchschreibern – zwei Gestaltungskriterien, die angesichts der Blitzkrieg-Realität kaum miteinander zu verbinden sind.

Vor allem mit der weiblichen Zielgruppe tun die Filmemacher sich schwer. Und so wird die Sekretärin Catrin Cole (Gemma Arterton) unter Vertrag genommen, um – wie die männlichen Kollegen abfällig erklären – den „Schmalz“ in die Dialoge zu schreiben. Dem Produzenten schwebt ein patriotisches Epos vor, das nicht nur Propaganda, sondern auch großes Kino sein soll. Zur Recherche wird Catrin in ein Küstenstädtchen geschickt, wo zwei Zwillingsschwestern mit dem Boot ihres Vaters verletzte Soldaten aus Dünkirchen gerettet haben sollen.

Auch wenn sich die Geschichte in Wirklichkeit weniger heroisch zugetragen hat, ist sie als Filmstoff bestens geeignet. Das britische Kino schaut in diesem Jahr vermehrt auf die Ära des Zweiten Weltkrieges zurück. Gerade erst hat Jonathan Teplitzky in „Churchill“ die Entscheidungsnöte des britischen Premiers vor dem D-Day beleuchtet. Mit „Darkest Hour“ wird Joe Wright im Herbst ein weiteres Churchill-Biopic vorlegen. Und Christopher Nolan hat sich in „Dunkirk“ (Start: 27. Juli) die Evakuierung britischer Truppen aus Dünkirchen im Jahr 1940 vorgenommen. Eben dieser Strand von Dünkirchen ist auch in Lone Scherfigs „Ihre beste Stunde“ kurz zu sehen. Aber das Bild entpuppt sich als Attrappe. Es ist nur eine Glasscheibe vor der Kamera, auf die Kriegsschiffe und Heerscharen aufgemalt wurden, während dahinter der Strand von Devon friedlich im Sonnenlicht liegt.

Der Krieg ist hier nur als Film im Film eine monumentale Angelegenheit. Im Dasein der Figuren gehört er zum Alltag und bietet der Protagonistin Catrin ein neues Leben mit beruflichen Chancen, auf die sie als Frau in Friedenszeiten noch einige Jahrzehnte hätte warten müssen. Als protofeministische Heldin sucht und findet sie ihren Platz im Filmgeschäft, über dessen Sexismus sie sich lächelnd hinwegsetzt, mit zunehmendem Selbstbewusstsein.

Diese Haltung umschreibt auch die Herangehensweise der dänischen Regisseurin („Italienisch für Anfänger“, „An Education“), die sich von allem Traktathaftem fernhält und den frisch verliebten Blick ihrer Protagonistin aufs Filmemachen jener Jahre nicht ohne Retro-Verklärungen teilt: verrauchte Drehbuchstuben, klappernde Schreibmaschinen, eine herzerweichende Liebesgeschichte hinter der Kamera, bei der Sam Calfin als zynischer Autorenkollege die Sexyness britischen Understatements bestens zur Geltung bringen kann – und natürlich ein bisschen Schmalz, der zum selbstreflektiven Konzept einfach dazugehört.

Astor, Cinemaxx Potsdamer Platz, Kino in der Kulturbrauerei, Zoo Palast, OV: Cinestar Sony-Center, OmU: Kino in der Kulturbrauerei, Rollberg

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