Design Mai : Überwachen und nisten

Objekte mit Geschichte: Das Design Mai Festival heißt jetzt DMY und breitet sich in der ganzen Stadt aus

Eva Kalwa
DesignMai DMY
Neonobjekte von Studenten der FH-Potsdam. -Foto: DMY/promo

BerlinEin Radio zum Aussägen, Elektrokabel zum Stricken, eine Überwachungskamera zum Nisten: Alles neu machen in diesem Mai die Designer in Berlin. Und das nicht nur in Häusern und Gärten, sondern auch auf Veranstaltungsebene: Der Designmai, fünf Jahre lang ein auch international beachtetes Festival für innovatives Design in Berlin, findet 2008 nicht mehr statt – jedenfalls nicht unter diesem Namen.

Stattdessen knüpft vom 21. bis 25. Mai das neue Designfestival DMY (sprich „Di-Em-Wei“) da an, wo die „Design Mai Youngsters“ im vergangenen Jahr aufgehört haben: Laut Festivalchef Jörg Suermann bei jungem, experimentellem Design, das sich verstärkt der Kunst und gesellschaftlichen Prozessen öffnet. „Die Zeit, in der Design aus Berlin für handgemacht oder sogar unprofessionell stand, ist vorbei“, meint Suermann. „Heute arbeiten hier junge Designer aus der ganzen Welt, die nach dem gesellschaftlichen oder künstlerischen Mehrwert von Objekten fragen. Design kann und muss mehr sein als Form und Funktion.“

Dieses Berufsverständnis merke man vielen der eingereichten Arbeiten an, sagt Suermann. Über 300 internationale Designer und Designerkollektive haben sich um einen Platz in der Treptower Arena beworben, rund die Hälfte davon wurde zugelassen. Eine sechsköpfige Jury, der auch Joachim Sauter, seit 1991 Professor für Gestaltung mit digitalen Medien an der Universität der Künste, angehört, wählte unter den Teilnehmern zehn „Favoriten“ aus. Mehrere Kriterien mussten diese prämierten Arbeiten erfüllen: „Wir suchten nach Objekten, die nicht nur eine Primärfunktion, sondern auch eine narrative Ebene haben“, erläutert Sauter. „Und wir wollten keine multiplizierbaren Prototypen, sondern risikofreudige Experimente, nicht zuletzt im Hinblick auf das Spiel mit dem Material.“

Sauters Lieblingsobjekt im Bereich des so genannten „Awareness Design“, das für Design mit gesellschaftspolitischem Bewusstsein steht, ist „Ikarus“ von Aylin Kayser und Christian Metzner von der Fachhochschule Potsdam. Die Lampe besteht zu 98 Prozent aus Wachs, das sich verformt, wenn die elektrische Lichtquelle im Innern eingeschaltet ist. Am Ende – je nach Watt-Stärke des Leuchtmittels kann das bis zu einem Monat dauern – ist „Ikarus“ geschmolzen – und die Endlichkeit von Energieressourcen eindrucksvoll demonstriert.

Auch „Wolfgang S“, ein Nistkasten, widmet sich kritisch und ironisch gesellschaftlichen Entwicklungen. Das Vogelhäuschen in Form einer Überwachungskamera haben drei freischaffende Designer aus Berlin und Hamburg unter dem Label „chris&ruby in friesland“ entworfen. Sie möchten mit „Wolfgang S“ für „mehr unkontrollierte Bewegungsfreiheit“ in deutschen Gärten plädieren – und zur Wachsamkeit gegenüber Politikern aufrufen, die „ein Mehr an gefühlter Sicherheit zum Preis persönlicher Freiheit versprechen“. Bleibt zu hoffen, dass die Überwachungsattrappen nicht Sicherheitsfanatikern in die Hände spielen, weil sie auch die echten Kameras harmlos aussehen lassen.

Warum das Kürzel DMY im Jahr 2008 nicht mehr für „Design Mai Youngsters“ steht, erläutert Suermann, der diesen Teilbereich des Designmai von 2004 bis 2007 leitete: „Die Rechte für den Namen liegen heute nicht mehr bei uns.“ Für das finanzielle und organisatorische Aus des ursprünglichen Festivals macht Suermann Missmanagement, mangelndes Controlling und den Weggang des umtriebigen Designmai-Mitbegründers Mateo Kries verantwortlich. Heute steht das Kürzel für „daily, monthly, yearly“ – täglich, monatlich, jährlich: Die Veranstalter wollen DMY auch als internationales Netzwerk und stete Anlaufstelle etablieren und mehrmals im Jahr auf internationalen Designmessen vorstellen.

Finanziert wird das Festival mit 60 000 Euro vom Berliner Senat, durch Sponsoren aus der Wirtschaft, eine geringe Teilnehmergebühr und durch Eintrittsgelder. „Die Höhe der Finanzierung durch den Senat ist lächerlich gering“, sagt Sauter. „Andere Festivals in London oder Mailand haben diese Summe allein für die Eröffnungsveranstaltung.“ Das Engagement der jungen Designer im Rahmen von DMY grenze für ihn an Selbstausbeutung. Viele kämen nach Berlin, weil das Leben hier im Vergleich zu London oder Paris noch erschwinglich sei. „Und natürlich profitiert unsere Stadt sehr von dieser lebendigen Design-Kultur“, so Sauter. Das diesjährige Festival-Motto „The sky is not the limit“ könnte damit also auch als Aufruf zu mehr Großzügigkeit seitens der Geldgeber verstanden werden: Der Himmel über Berlin kann nicht die Grenze sein.

Berlins Design-Vielfalt soll auch im Rahmen der „DMY Allstars“ präsentiert werden: An 36 externen Veranstaltungsorten wie dem Pergamonmuseum oder der norwegischen Botschaft finden Sonderausstellungen und Shows statt, und die Studios vieler ansässiger Designer sind für Besichtigungen geöffnet. Auch Sound, visuelle Effekte und Raumgestaltung zählen im weiteren Sinne zum Design, davon können sich die Besucher auf den zahlreichen Partys des „DMY Klublabor“ überzeugen.

Das Herzstück von DMY aber bleibt die rund 7000 Quadratmeter große Ausstellungsfläche der Arena in Treptow. Dort werden auch die ebenfalls prämierten Neon-Heizungsrohre gezeigt, die junge Designer der FH Potsdam gemeinsam mit einer Berliner Manufaktur entwickelten. Die sonst eher unansehnlichen Rohre werden durch das Leuchtmittel Neon zum attraktiven, konturgebenden Gestaltungselement. „Die Kooperation zeigt vor allem, was im Bereich der Kleinproduktion möglich ist“, sagt Hermann Weizenegger, Professor für industrielles Design der FH Potsdam.

Nicht viele der ausgestellten Objekte sind im produktionsreifen Stadium – aber darum geht es den Verantwortlichen auch nicht. Kreativität zählt mehr als Produktivität, das experimentelle Spiel mehr als die Orientierung an Marktbedürfnissen. Auch Pannen sind erlaubt, sogar erwünscht: „Das Scheitern ist einer der wichtigsten Schritte im Gestaltungsprozess“, macht Sauter allen Nachwuchs-Designern Mut.

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