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Deutsche Literaturgeschichte : Bekenntnisse eines Gründervaters

12.11.2012 00:00 UhrVon Hannes Schwenger
Gruppenbild mit Bücherwand. Die Autoren Theo Pirker, Hans Weigel, Hans Werner Richter,  Walter Schmieding und Walter Höllerer (v.l.) diskutieren in der ZDF-Sendung „Literarisches Colloquium“ 1972 die Frage „Sind Tagebücher zeitgemäß?“.Bild vergrößern
Gruppenbild mit Bücherwand. Die Autoren Theo Pirker, Hans Weigel, Hans Werner Richter, Walter Schmieding und Walter Höllerer (v.l.) diskutieren in der ZDF-Sendung „Literarisches... - Foto: ullstein bild

Er gilt als ein Genie der Freundschaft. Aber in seinen Tagebüchern 1966 - 1972 schimpft Hans Werner Richter mit ätzender Schärfe über die großen Schriftsteller und Kritiker seiner Zeit. Vor allem über die Mitglieder der Gruppe 47, deren Gottvater er war.

Also doch! Hans Werner Richter, Spiritus Rector und Gottvater der Gruppe 47, der noch 1965 in einem Buchbeitrag erklärte, „warum ich kein Tagebuch schreibe“, hat von 1966 bis 1972 ein Tagebuch geführt. Er hat es weder zu Lebzeiten (1908 – 1993) veröffentlicht, noch seinen Papieren beigefügt, die bereits 1986/87 der Berliner Akademie der Künste übergeben wurden. Arnulf Baring, dem er seine Korrespondenz und weitere Papiere anvertraute, hatte es unter Richters Büchern aufbewahrt „und dort über die Jahre hin einfach vergessen“. So erklärt der Herausgeber Dominik Geppert die verspätete „kleine literarische Sensation“, wie der Verlag wirbt.

Etwas größer darf es schon sein, wenn der Mann, der einer ganzen Autorengeneration nach 1945 die Bühne bereitete, doch noch aus der Rolle des Moderators heraustritt. Da sind zwar die Jahre schon vorbei, in denen sich die deutsche Literatur „von der Nationalliteratur zur Weltliteratur gemausert“ hat (Walter Jens). Aber noch tagt die Gruppe 47 ein letztes und allerletztes Mal: in der oberfränkischen Pulvermühle 1967, in Berlin 1972 und sogar noch 1990 zu einer Art Klassentreffen in Prag. Und Richter vertraut nur seinem Tagebuch an, dass er Walter Jens eigentlich für einen „rechten Feigling“ hält und „er der größte ,Mauserer’ dieser zwei Jahrzehnte war und immer noch ist“. Die wahre Frage sei doch: War das Welthaltige der deutschen Literatur nun das Verdienst der Gruppe 47?

Die Aufzeichnungen beginnen im September 1966. Das spricht dafür, dass diese Frage auch der Motor der Tagebücher war. Denn sie beginnen mit einer Replik auf die Attacken der Schriftsteller Robert Neumann und Hans-Erich Nossack auf die Gruppe in der Zeitschrift „konkret“, die ihr Cliquenwirtschaft vorgeworfen hatten. Für Richter waren das Angriffe „im polemischen Stil des Dritten Reichs“ aber von linken Leuten, die einem „politischen Zuhälter wie dem konkret-Redakteur“ (Klaus Rainer Röhl) auf den Leim gegangen seien. Wie tief er getroffen war, das zeigt ein Eintrag vom 30. Oktober 1966, in dem er eine Erkrankung Neumanns bösartig kommentiert: „Die Rache folgte dem Unheil, das er angerichtet hat, auf dem Fuß.“ Jetzt will Richter sogar wissen, es sei „nach den Indizien wahrscheinlich“, dass Neumann und Röhl vom SED-Kulturpolitiker Alexander Abusch in Ost-Berlin zum „Generalangriff“ angeregt worden seien. Röhl müsse das tun, denn seine Zeitschrift sei viele Jahre „von drüben“ finanziert worden.

Dafür gibt es den Herausgebern zufolge allerdings keinen Beleg. Aber auch keine Indizien? Dass Röhl und Ulrike Meinhof Mitglieder der illegalen KPD waren und für ihre Zeitschrift Geld aus Ost-Berlin erhielten, hat Röhl nach seiner Trennung von beiden – der KPD/SED und Ulrike Meinhof – selbst eingestanden. Und Alexander Abusch nannte die Gruppe 47 im „Neuen Deutschland“ eine ideologische Wunderwaffe der Bundesrepublik, während sie doch eher deren linksintellektuelle Opposition versammelte und von Adenauers Minister Dufhues als „geheime Reichsschrifttumskammer“ geschmäht wurde. Auch war Richter in den Augen der SED ein gefährlicher Renegat, den die KPD schon 1932 wegen Trotzkismus ausgeschlossen hatte und dem die DDR wegen seiner Kontakte zu ihren kritischen Intellektuellen zeitweise die Einreise verbot.

Tatsächlich hat Richters KP-Vergangenheit seinen Blick auf die literarischen und politischen Irrwege der deutschen Kommunisten und ihrer Verbündeten geschärft. Ebenso trugen die vor und nach dem Einreiseverbot wiederholten Besuche in seiner pommerschen Heimat Bansin dazu bei. Notiz vom 3. September 1971: Sie sei „so großartig, dass sie alles erträgt, selbst diesen miserablen Staat“. Der habe ihn „mehr denn je deprimiert, fast könnte ich sagen: Wenn dies Sozialismus sein soll, dann war ich nie Sozialist und bin keiner mehr“.

Das unterscheidet Richter nicht nur von einigen gleichaltrigen Weggenossen in der Gruppe 47, sondern auch von ihren jüngeren Mitgliedern, die sich 1968 der Außerparlamentarischen Opposition annähern, dem gewerkschaftlichen Schriftstellerverband und der neu konstituierten DKP. Die Gruppe 47, notiert er im Herbst 1966, war „schon pluralistisch, bevor unsere Gesellschaft es war“. 1954/55 hatte er sich im Streit mit Alfred Andersch, dem Freund und Mitherausgeber der 47er Zeitschrift „Der Ruf“, für einen Pluralismus mit „linksliberaler Mentalität“ entschieden. Richter kam es auf eine Versachlichung der Literatur und der literarischen Entwicklung an. Bewusst hatte er auch die Großen des deutschen Exils nicht eingeladen (außer Hermann Kesten und Hans Sahl), da sie sich „nie der Mentalität der Gruppe 47 angepasst hätten“ und sie auf eine konservierte Literatur der zwanziger Jahre fixiert seien.

Die jüngeren Autoren der Gruppe hielt Richter dagegen für befangen in den Revolutionsillusionen der Studentenbewegung. Deren literarischen Wortführer, den Luchterhand-Cheflektor Frank Benseler, nennt er im Tagebuch einen „etwas verquollenen Soziologen“, die APO „eine kümmerliche Literatenrevolution mit Protestgedichten eines Erich Fried“. Der Schriftstellerverband VS wolle sich „mit dem mittelmäßigen Dieter Lattmann an der Spitze“ auch noch den Gewerkschaften anschließen: „Wann werden sie begreifen, dass die Soziologie die Literatur verdirbt?“

Selbst die besseren Köpfe der Gruppe 47, die sich der Neuen Linken zuwenden, finden bei Richter keine Gnade. Jeder bekommt sein Fett weg. Enzensberger „verrät alles, sogar sich selbst“, Heinrich Böll „liebt das Geld und ist gegen die Geldwirtschaft“, Martin Walser ist der „stilistisch Beste und politisch Dümmste von ihnen“, ein „Psychopath“, der immer nur Ärger gemacht habe. „Aber was er jetzt ohne Kontrolle anrichtet, das grenzt an Geisteskrankheit.“

Da schlägt der heimliche Wunsch durch, die Gruppe eben doch unter Kontrolle zu halten, die ihm allmählich entgleitet. Dass ihn seine Verteidiger als „Genie der Freundschaft“ rühmen und Jens oder Enzensberger ihm ihre immerwährende Freundschaft versichern, macht ihn eher misstrauisch: „Immer nur Bonhomie, nicht mehr, nur dies! Verkleinern sie mich, um selbst größer zu werden?“

Im Tagebuch findet sich jedenfalls keine Spur von Bonhomie. Richters Urteile über Kollegen und Kritiker sind von einer ätzenden Schärfe, die nur noch von denen seines Freundes Fritz Raddatz übertroffen wird. Ihn lässt Richter zumeist gelten, während Reich-Ranicki als „großer Schwätzer“, Hellmuth Karasek als „Mitläufer“ und Peter Hamm als beleidigte Leberwurst figurieren. Hamm habe den Überfall der sozialistischen Studenten auf die Tagung in der Pulvermühle organisiert: „So weit geht es, wenn jemand, der dreimal durchfällt, nicht wieder eingeladen wird.“ Reich-Ranicki revanchiert sich mit der Bemerkung über die 47er, die Richter sich hinterbringen lässt. Richter sei dumm, „und weil auch sie dumm sind, fühlt er sich ihnen überlegen“.

Fühlte er sich als Autor eher unterlegen? Manchmal blitzt gekränkte Eitelkeit auf, wenn Klaus Roehler ihm einen Romananfang einfach umschreibt oder Siegfried Unseld ihm als Lektor ausgerechnet Martin Walser verordnet. Als Moderator der Gruppe 47 war Richter „mittendrin“, ein Primus inter Pares. Als Autor blieb er eher außen vor, jedenfalls im Vergleich mit Walsers, Enzensbergers und Bölls Welterfolgen. Vielleicht hat er deshalb gezögert, das Tagebuch zu ihren gemeinsamen Lebzeiten zu veröffentlichen.

Hans Werner Richter: Mittendrin. Die Tagebücher 1966–1972. Hg. von Dominik Geppert u. a. C. H. Beck, München 2012, 384 S., 24,95 €. – Am Mittwoch, den 14. November, stellen Friedrich Christian Delius, Dominik Geppert und Hans Dieter Zimmermann um 20 Uhr im Literarischen Colloquium Berlin die Tagebücher vor.

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