Deutsche Oper Berlin : Von null auf heiß

Dietmar Schwarz, der neue Intendant der Deutschen Oper, kommt aus Basel nach Berlin und startet in seine erste Saison. Am Samstag ist Eröffnungspremiere mit Lachenmanns "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern". Porträt eines Gesamtkunstwerkers.

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Meister der Reflexionen. Dietmar Schwarz.
Meister der Reflexionen. Dietmar Schwarz.Foto: Peter Badge/Deutsche Oper

Jetzt kann er endlich loslegen: Vor zweieinhalb Jahren überraschte der Regierende Kultursenator mit der Nachricht, dass er Dietmar Schwarz zum Nachfolger von Kirsten Harms an Berlins größtem Opernhaus auserwählt habe. Keinen big name zauberte Wowereit aus dem Hut, sondern einen Mann aus der zweiten Reihe, den Operndirektor des Basler Theaters. Eine heikle Personalentscheidung. Würde Schwarz der Richtig sein, um das Haus wieder auf Augenhöhe mit den stadtinternen Konkurrenten zu bringen? Zeit genug zur Vorbereitung hatte er immerhin. An diesem Sonnabend nun eröffnet der 54- jährige Schwabe seine erste Saison spektakulär mit einem der Schlüsselwerke des zeitgenössischen Musiktheaters, Helmut Lachenmanns „Mädchen mit den Schwefelhölzern“, Ende Oktober folgt dann, als erste Neuinszenierung im Kernrepertoire, ein neuer „Parsifal“.

Von Hause aus ist Dietmar Schwarz Dramaturg, also ein Denker hinter den Kulissen, der mit den Regisseuren über ihre Konzepte diskutiert (und manchmal auch streitet), sie in kulturhistorischen Fragen berät, den Probenprozess begleitet, aber auch Programmhefttexte schreibt und Einführungsvorträge hält. Als Jugendlicher stand er zu Hause in Biberach an der Riss regelmäßig im örtlichen Liebhabertheater auf der Bühne (seine Paraderolle: Christoph Martin Wieland, der größte Sohn der Stadt), dann aber entschloss er sich, die Passion auch wissenschaftlich zu ergründen. Nach dem Studium von Literatur- und Theaterwissenschaft in München und Paris bekam Schwarz seine erste Anstellung als Dramaturg am Theater Freiburg, wechselte dann nach Bremen, später nach Frankfurt am Main.

1998 erklomm er die nächste Karrierestufe, wurde Operndirektor am Nationaltheater Mannheim, war nun also für die Konzeption des Spielplans verantwortlich. In derselben Funktion holte man ihn 2006 nach Basel, wo er ein so spannendes, vom Publikum leidenschaftlich diskutiertes Programm machte, dass es sogar im fernen Berlin auffiel. In konstruktivem Wettstreit mit den Regie führenden Intendanten Jürgen Flimm an der Staatsoper und Barrie Kosky an der Komischen Oper soll der Kopfarbeiter Schwarz nun das Charlottenburger Haus in der hauptstädtischen Bühnenlandschaft neu positionieren.

Mit seinem Musikdirektor Donald Runnicles versteht er sich blendend, als Chefdramaturg steht ihm der frühere Tagesspiegel-Kritiker Jörg Königsdorf zur Seite, um attraktive Sängerbesetzungen kümmert sich weiterhin der verdiente Operndirektor des Hauses, Christoph Seuferle. 100 Jahre wird die Institution Deutsche Oper in diesem Herbst alt, am 20. Oktober soll der Gründung einer Bürgeroper im aufstrebenden, damals noch von der preußischen Hauptstadt unabhängigen Charlottenburg mit einem Festkonzert gedacht werden.

Ein Haus, das für alle da ist, will die Deutsche Oper auch unter Dietmar Schwarz sein. „Wenn ich mit seinem Team zusammensitze, denken wir zuerst ans Publikum“, betont Dietmar Schwarz – und seine Worte hallen wider im spärlich möblierten Intendantenzimmer. Mit rotsamtenen Vorhängen und einem flauschigen Teppichboden ließe sich die heikle Akustik des Riesenraums sicher in den Griff bekommen. Doch Schwarz ist nicht so für Ausstattungsplunder. Er mag es geradlinig, auch gedanklich. Seine Liebe zur Oper entfachte einst Peter Brook. Als Student erlebt er in den Pariser „Bouffes du Nord“ Brooks legendäre „Carmen“ und stellte begeistert fest, wie nahe selbst eine tausendmal gespielte Gassenhauer-Oper dem Zuschauer kommen kann. Auch in Berlin hat er diese Art lebendigen Musiktheaters erlebt, an der Deutschen Oper, in den Glanzzeiten Götz Friedrichs.

Ein Melomane war Dietmar Schwarz nie, ein Stimmenfetischist und Schallplattenhörer. Weil Musiktheater für ihn etwas Ganzheitliches ist, das sich erst im Live-Erlebnis voll erschließt. Dennoch will er auch für die Fans der Sängerstars da sein, alle Bedürfnisse bedienen.

In Basel war Calixto Bieito einer seiner Hauptregisseure – in Berlin muss er auf ihn verzichten, da ist das Stammhaus des streitbaren Spaniers die Komische Oper. Auf dem Papier liest sich Schwarz' Spielplan fast gemäßigt, mit internationalen Namen wie Robert Carsen oder David Alden. „Ebenso viel Zeit und Energie wie auf die neuen Produktionen wollen wir aber auch aufwenden, um ein interessantes Repertoire anzubieten.“ Denn die zweitgrößte deutsche Opernbühne – mehr Plätze hat nur das Münchner Nationaltheater – kann nur dann bestehen, wenn die Leute auch im Alltag ins Haus strömen, zu einem aufregend besetzten „Figaro“, einer szenisch gepflegten „Aida“.

Ein Schwerpunkt der Ära Schwarz wird auf dem französischen Repertoire der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts liegen. Mit Hector Berlioz’ „Trojanern“ hat Donald Runnicles bereits in der vergangenen Saison diesen Weg beschritten, in der kommenden Spielzeit folgt die „Damnation de Faust“. Anschließend geht es dann um die grand opéra, die fünfaktige Spektakeloper, die ab 1830 von Paris aus ihren Siegeszug um die Welt antrat – und immerhin vom gebürtigen Berliner Giacomo Meyerbeer erfunden wurde.

„So richtig von null auf heißglühend“ aber will Dietmar Schwarz das Haus jetzt zum Saisonstart hochfahren, mit einem Stück, das sich nur in echter Teamarbeit realisieren lässt: „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ stellt alle Abteilungen des Hauses vor enorme Herausforderungen, allein das Orchester hat 65 Proben angesetzt, Ton- und Bühnentechnik tüfteln ebenfalls seit Wochen. Helmut Lachenmann thematisiert in seinem einzigen Musiktheaterwerk das Aufbegehren des Individuums gegen die gesellschaftlichen Zwänge, indem er das bekannte Märchen mit einem Text von Gudrun Ensslin kreuzt. Als musikalisches Material dienen dem Komponisten alle denkbaren Geräusche. Wobei er zwischen „reinen“ und „schmutzigen“ Geräuschen unterscheidet. Sein Ziel ist aber nie die Provokation des Publikums. Er ermutigt lediglich zum offenen Hören. Dass die Premiere bereits ausverkauft ist, macht den Intendanten natürlich stolz – weil damit deutlich wird, dass viele Menschen wirklich neugierig sind auf den Neuanfang an der Deutschen Oper.

Eine Privatadresse hat Dietmar Schwarz in Berlin übrigens auch schon. Zusammen mit seinem Mann, einem Stimmtrainer, der vor allem mit Vielsprechern wie Politikern arbeitet, ist er in eine Altbauwohnung im Sybelstraßen-Kiez gezogen – „nur sieben Fahrradminuten von der Deutschen Oper entfernt“.

Die Premiere am 15.9. ist ausverkauft, für die Folgevorstellungen am 19., 20., 22. und 23 9. gibt es noch Karten.

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