Deutscher Buchpreis 2017 : Futter für den Markt

Der Deutsche Buchpreis ist eine Erfolgsgeschichte. Aber zeichnet er wirklich den besten Roman des Jahres aus?

Engere Auswahl. Diese Bücher haben es auf die Shortlist 2017 geschafft.
Engere Auswahl. Diese Bücher haben es auf die Shortlist 2017 geschafft.Foto: Petra Gass/Börsenverein

Ob der Berliner Schriftsteller Thomas Lehr enttäuscht sein wird, wenn er den Deutschen Buchpreis wieder nicht bekommen sollte, den Preis für den vermeintlich „besten Roman des Jahres“? 2005 war er mit „42“ für die aus sechs Titeln bestehende Shortlist des Preises nominiert, 2010 mit „September. Fata Morgana“. Und dieses Jahr, da der Preis am Montagabend zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse das dreizehnte Mal verliehen wird, ist er erneut chancenreich in der Auswahl mit seinem neuen Roman „Schlafende Sonne“.

Gut möglich, dass Lehr sich seiner Worte erinnert, die er vor seiner zweiten Shortlist-Nominierung in Interviews gesagt hat. Dass das alles kein Problem sei, wenn er nicht gewinne und schon gar nicht im Hinblick auf diesen Preis schreibe. Seine Bücher sollten „wirklich länger halten als ein Jahr.“ Aber wie verhält es sich mit den fünf anderen dieses Mal nominierten Autoren und Autorinnen, mit den österreichischen Schriftstellern Franzobel und Robert Menasse, mit Marion Poschmann, Sasha Marianna Salzmann und Gerhard Falkner? Ist Marion Poschmann allein deshalb locker, weil sie gerade den Berliner Literaturpreis bekommen hat? Oder Sasha Marianna Salzmann, weil sie als Debütantin sowieso nie damit gerechnet hatte, so weit zu kommen? Der Umgang mit der Nominierung, mit der Tatsache, bei der knapp einstündigen Preisverleihung dabei und nervös sein zu müssen und womöglich enttäuscht zu werden, ist auf Autoren- und Autorinnenseite naturgemäß verschieden. 

Mittlerweile haben sich alle mit dem Preis arrangiert

Allerdings scheint es, als hätten sich mit den Jahren doch fast alle arrangiert mit diesem Preis, als stamme der Widerstand, den es gegen ihn, gegen das Procedere von Longlist, Shortlist und Preisvergabe gegeben hat, aus grauester Vorzeit. 

Julia Franck, Siegerin des Jahres 2007, sprach 2008 von dem „Schamgefühl, dass die anderen es nicht bekommen haben“, welches die eigene Freude über den Gewinn überwiege. Michael Lentz und Monika Maron forderten seine Abschaffung – unterstützt von Daniel Kehlmann, der in dem Wissen um die Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens wenigstens Änderungen vorschlug: „Könnte man nicht wenigstens die Longlist loswerden, die inzwischen jeden Herbst den Blick der Rezensenten verengt und dafür gesorgt hat, dass einige der wichtigsten Bücher der letzten Jahre praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit erscheinen mussten?“, fragte er seinerzeit in einem Text für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“. Und: „Warum kann man nicht in einer feierlichen Veranstaltung den Gewinner bekanntgeben, ohne aber die Autoren zum Anreisen zu zwingen und nebeneinander vor die Kamera zu setzen wie Schlagersänger in einer Castingshow?“ Geändert hat sich nichts: nicht an dem Nominierungsbogen in Form erst der langen Liste mit zwanzig Romanen, dann der kurzen; nicht an der trotz ihrer Kürze öden Verleihungszeremonie; nicht an der Jury, die sich personell jährlich neu zusammensetzt. Nur der Longlist hat man versucht mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen: durch sogenannte Blind-Date-Lesungen in der Republik. Wer die besucht, weiß vorher nicht, wer von den zwanzig nominierten Autoren liest. Diejenigen aus der Autorenschaft, die mit ihren Romanen dann auf die Shortlist gelangen, sind inzwischen in den Wochen vor der Buchmesse und der Verleihung im Lesebühnen- und Interview-Dauereinsatz.

Vorbild sind Booker Prize und Prix Goncourt

So muss man wohl konstatieren: Der Deutsche Buchpreis ist eine einzige Erfolgsgeschichte. Als er vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels nach dem Vorbild des britischen Booker Prize und des französischen Prix Goncourt ins Leben gerufen wurde, war es das erklärte Ziel, deutschsprachige Gegenwartsliteratur „ins Gespräch zu bringen“, sie gewissermaßen lange rotieren zu lassen. Daher auch die lange Liste, die es in Frankreich nicht gibt und in England viel weniger Titel enthält. Bei der erstmaligen Verleihung verkündete der Schriftsteller Bodo Kirchhoff, der damals in der Jury saß und den Preis mitentwickelt hatte, ziemlich enthusiasmiert, man wolle Bücher in die Bestsellerlisten zu bringen.

Genau das passiert Jahr für Jahr. Zumindest die mit dem mit 25 000 Euro dotierten Preis ausgezeichneten Romane werden sofort zu veritablen Verkaufsschlagern auf dem Buchmarkt, auch die sperrigeren, unzugänglicheren, angeblich nicht marktauglichen. Manchmal landet der eine oder andere nominierte Titel vorher auf der Bestsellerliste (aktuell sind es Poschmanns „Die Kieferninseln“ und Menasses „Die Hauptstadt), und natürlich orientiert sich der Buchhandel an der Auswahl mit Extra-Buchpreis-Tischen oder, so es die Verlage nicht tun oder die Bücher lange vor Bekanntgabe der Listen ausgeliefert waren, mit eigenen Preis-Hinweisen. So hat sich der Deutsche Buchpreis tatsächlich als anerkanntes Marketinginstrument bewährt.

Alle Feuilletons kommentieren die Listen

Das umso mehr, als dass auch jede Kritik ihm nur nützt. Die Kritik wird von den Verantwortlichen selbst als Teil des Marketings betrachtet, geraten so doch nicht nur die Bücher „ins Gespräch“, sondern auch der Preis selbst. Das war 2008 so; das zeigte sich ein paar Jahre später, als es wegen der männerlastigen Longlist-Auswahl eine Gender-Debatte gab und die selbst mit einem Roman nominierte österreichische Autorin Marlene Streeruwitz den Deutschen Buchpreis in der „Welt“ als Machtkartell geißelte: „Sanft und freundlich – „Sie müssen ja nicht mitmachen“– wird der Markt so umgebaut, dass nur noch Zugelassene sichtbar werden.“ Und das zeigt sich jedes Jahr aufs Neue, wenn die Literaturkritik in den Feuilletons die jeweiligen Listen kommentiert und mal mehr, mal weniger einverstanden ist mit der Auswahl. Selbst wenn sie viel motzt, werden die Shortlist-Titel allesamt vor der Buchmesse in den Feuilletons rezensiert und gern versehen mit der Unterzeile: „Nominiert für den Deutschen Buchpreis“. Nur: Was heißt das eigentlich? Ist das wirklich ein Gütesiegel? Kann ein Roman allein deshalb ein guter, besserer sein als andere? Oder auch umgekehrt, wie es vor kurzem in gleich zwei Verrissen des Longlist-nominierten Romans „Das Jahr der Frauen“ von Christoph Höhtker als Schlusssatz zu lesen war. Darin wurde die Frage gestellt, was dieser Roman bloß auf der Longlist zu suchen gehabt hätte? Das sollte wohl den Verriss noch stärker machen, inklusive ein bisschen Jury-Kritik. Es wirkte im Subtext jedoch, als sei die Longlist der heilige Qualitätsgral.

Ein Platz auf der Longlist schützt vor Verrissen nicht

Verweise wie diese bestätigen die weiterhin bestehende und ja berechtigte Kritik, dass die Buchpreis-Listen die Aufmerksamkeit zu stark auf einige wenige Titel lenken. Dass es so viel mehr andere interessante, auch weniger konsensfähige deutschsprachige Literatur gibt – zumal einige etablierte Autoren sich dem Preis explizit verweigern. Und dass es zwar gute und weniger gute, gelungene und weniger gelungene Literatur gibt, diese aber, wenn sie als gut und gelungen erkannt ist, nicht wettkampfmäßig in ein Preisrennen geschickt werden kann. Was natürlich für alle Kunstformen gilt.

Es spricht viel dafür, dass der Deutsche Buchpreis inzwischen eine Institution im Literaturbetrieb geworden ist, eine mitunter größere, bedeutendere Einrichtung als die Literatur, die er Jahr für Jahr auszeichnet. Eine inhaltliche Kritik mag ihm nur wenig anhaben. Auf seinem ureigenen Gebiet aber, dem des Marktes, dort, wo die Umsätze gemacht werden, und auf dem der Aufmerksamkeitsökonomie sieht das etwas anders aus. Der Preis generiert zwar kurzfristig Bestseller, aber Preisträger oder -trägerinnen wie Kathrin Schmidt, Melinda Nadj Abonji, Ursula Krechel oder Frank Witzel hat er mit ihren Folgebüchern trotzdem nicht zu Stammgästen in den Bestsellerlisten gemacht. Und der deutschsprachige Roman, der im Moment in aller Munde ist, der auf der Buchmesse alles überstrahlen wird, der konnte (und sollte) nicht für den diesjährigen Deutschen Buchpreis nominiert werden. Er heißt „Tyll“, stammt von Daniel Kehlmann und dürfte, wenn es sowas gäbe, der wahre beste Roman dieses Jahres sein.

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