Deutsches Theater : Je oller, je Dollar

Rand-Notizen: Jürgen Kuttner und Tom Kühnel zeigen „Capitalista, Baby!“ in den Kammerspielen des Deutschen Theaters

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Währung mit Schwäche. Daniel Hoevels als Baumeister ohne Job. Foto: David Baltzer
Währung mit Schwäche. Daniel Hoevels als Baumeister ohne Job. Foto: David Baltzer

Man muss schon wissen, mit wem man sich anlegt. Fast auf den Tag genau vor einem Jahr überraschte das Regieteam Jürgen Kuttner und Tom Kühnel mit einer intelligenten, unterhaltsamen Lektion in Geschichte und Ökonomie. „Die Sorgen und die Macht“, das einerseits lange vergessene, andererseits für die Theaterhistorie der DDR so wichtige Stück von Peter Hacks, wurde in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin einer eingehenden Materialprüfung unterzogen. Maloche und Libido, Gefühlsüberschuss und Rohstoffmangel im Zeichen sozialistischer Planwirtschaft: Da kannste was lernen, wie es bei Brecht in der „Dreigroschenoper“ heißt. Die Produktion steht im Oktober wieder auf dem Spielplan.

Da waren Kuttner und Kühnel dicht am Thema dran, kannten sich aus. Der Sozialismus aber ist tot, und dem Kapitalismus ist auch schon ganz schlecht. Also schauen sich die beiden Theatermacher mal den neuen Patienten an. „Capitalista, Baby!“, wieder in den DT-Kammerspielen, basiert auf dem Roman „The Fountainhead“ von Ayn Rand (1905–1982). In den USA haben die Bücher der Amerikanerin, die in St. Petersburg geboren wurde, Millionenauflagen. Sie gilt als Ikone der Wirtschaftsliberalen, die Tea-Party-Hetzer haben sie für sich entdeckt. Ayn Rand war eine glamouröse Erscheinung, sie tummelte sich in Hollywood und schrieb für die Verfilmung ihres „Fountainhead“ 1949 das Drehbuch. Regie führte King Vidor, die Hauptrolle des genialen, unbeugsamen, bis zum Exzess von sich und seinen schöpferischen Kräften eingenommenen Architekten spielte Gary Cooper.

Persönlichkeit und Werk der Ayn Rand – hierzulande weitgehend unbekannt – sind widersprüchlich, faszinierend, abstoßend. Man sollte das wissen, wenn man sich ihr nähert. Als Philosophin und Propagandistin eines beinharten rationalen Egoismus hat sie Generationen von amerikanischen Politikern und Wirtschaftslenkern geprägt. Aber: Sie lehnte Religion ab, partout, und jede Form von Altruismus war ihr zuwider. Sie unterstützte republikanische Präsidentschaftskandidaten, war aber gegen den Vietnamkrieg. Ayn Rand gibt für niemanden eine leichte Beute ab. Schon gar nicht für linke Kritiker. Schließlich hat sie den ungebremsten Kapitalismus imaginiert – und damit auch seine Überhitzung, möglicherweise auch seinen Untergang. Ist von alldem irgendetwas auf der Bühne zu sehen? Nein. Kuttner und Kühnel erzählen – einigermaßen brav nach dem Drehbuch – die „Fountainhead“-Story nach. Architekt will nach oben, macht aber keine Kompromisse. Darunter leidet auch die Liebe, ein paar zwielichtige Gestalten begleiten die unappetitliche Affäre, die in Bankhäusern, Zeitungsredaktionen, Luxushäusern siedelt.

Die böse Welt der Investorenhaie wirkt hier aber eigentlich gar nicht so böse. Die wollen doch nur spielen auf dem riesigen goldenen Dollarzeichen (Bühne: Jo Schramm). Der Grundton der Inszenierung liegt zwischen Märchen und Groteske. Es fehlt allen Darstellern an Schärfe und Kontur, jedoch nicht am Klischee. Daniel Hoevels hat etwas Praktikantenhaftes, Howard Roark, der neue Baumeister der westlichen Wel, ist er jedenfalls nicht. Dominique, die reiche Erbin, die für ihn bestimmt ist, hat ein anderes Problem: Natali Seelig verwechselt Zickigkeit mit Mondänität. Sie sind harmlos: der gemütliche Zeitungsmogul von Michael Schweighöfer ebenso wie sein Berater und Konkurrent Toohey. Matthias Neukirch muss ihn dampfend teuflisch spielen, mit über Mikroport verzerrter Stimme. Jürgen Kuttner flitzt von einer Nachtwächter- in die nächste Vorarbeiterrolle, immer unter Dampf. Und er tritt als Ayn-Rand-Karikatur mit Perücke und Dollar-Anstecker auf: ein bisschen billig! Felix Goeser spielt einen mittelmäßigen Karrieretypen, und dass ihm das recht gut gelingt, sagt eine Menge über diesen Abend.

Man sollte seine Gegnerin kennen. Ayn Rands Hauptwerk „Atlas Shrugged“ erschien 1957. Ein Triumph des Kapitalismus auf 1200 Seiten, wagnerische Dimensionen. Seit der Lehman-Pleite wird das in Amerika wieder verschlungen, eine Überdosis gegen die Krise.

Wieder am 17., 19. und 24. September in den Kammerspielen des Deutschen Theaters.

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