Deutsches Theater : Von Müttern und Memmen

Maxim Gorkis 1910 entstandenes Generationendrama „Wassa Schelesnowa“ ist erschreckend aktuell. Corinna Harfouch brilliert am Deutschen Theater in Stephan Kimmigs Inszenierung des Stücks.

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Prinzipalin. Wassa (Corinna Harfouch) versucht, Firma und Familie zusammenzuhalten. Ihr Sohn Pawel (Alexander Khuon): schlaff, weinerlich, selbstgerecht.
Prinzipalin. Wassa (Corinna Harfouch) versucht, Firma und Familie zusammenzuhalten. Ihr Sohn Pawel (Alexander Khuon): schlaff,...Foto: Eventpress Hoensch

In ausgeblichenen Negligés und verbeulten Boxershorts trudelt Wassa Schelesnowas Familie zum Frühstück am Designertisch ein. Sohn Pawel (Alexander Khuon) kratzt sich unterm hellblauen Schlüpfer hingebungsvoll den Hintern. Schwiegertochter Natalja (Lisa Hrdina) zickt hinter ihrer ungekämmten Haarmatte wegen fehlender Frühstückseier herum. Ihr Gatte Semjon (Christoph Franken) führt Badeschlappen spazieren, als sei das hier eine Rehaklinik für Früherschlaffte. Selbst der Geschäftsführer des Familienunternehmens, Michailo Wassiljew (Bernd Stempel), erscheint very casual im Bademantel zur Mahlzeit.

Die bürgerliche Kernfamilie als Terrorzentrale der Intimität: Kein Wunder, dass der Matriarchin Wassa, die im knallroten Pullover als Einzige so etwas wie Alltags- und Erwerbstätigkeitsbereitschaft signalisiert und sich vom Rest der Sippe Proseminar-Sprüche über den bösen Kapitalismus anhören muss, bereits zur frühen Morgenstunde der Kamm schwillt.

Pate für diesen Generationenkonflikt mit gesellschaftsanalytischem Anspruch im Deutschen Theater Berlin ist Maxim Gorki. Mit ihm betrieb Hausregisseur Stephan Kimmig schon einmal ein weithin gewürdigtes Eliten-Bashing. Vor vier Jahren, in „Kinder der Sonne“, ließ er abgeschottete akademische Leistungsträger von einer gerechteren Gesellschaft schwadronieren und sich dabei süffisant über den Hausmeister lustig machen. Tatsächlich ist Kimmigs Version der 1910 entstandenen „Wassa Schelesnowa“ eine Art Sequel: Die Unternehmerelite ist stark ramponiert, das schauspielerische Staraufgebot indes ungebrochen. Gaben sich damals Nina Hoss und Ulrich Matthes die Lofttür-Klinke in die Hand, verzweifelt jetzt Corinna Harfouch als Wassa am Stahlrohrtisch über den Bilanzen.

Warum das Unternehmen schwächelt, erklärt sie ihrem Lieblingskind Anna (Franziska Machens) in waschechtem Leitartikeldeutsch. Einige Großaufträge seien weggebrochen, auch andere würden zusehends „von den Großen verdrängt“. Wassas Mann liegt im Sterben; sein raffgieriger Bruder Prochor (Michael Goldberg) erweist sich nicht nur als Bedrohung für die eh klamme Firmenkasse, sondern auch für den erotischen Familienfrieden. Die Verquickung zwischen Privat- und Berufsleben, die Katja Haß’ Zwitterbühne aus Dachgeschoss-Loft und Firmenbüro trefflich illustriert, macht die Sache natürlich nicht einfacher. Wassa Schelesnowa, die ihren Namen „die Eiserne“ nicht umsonst trägt, versucht in wachsender Panik, Firma wie Familie zusammenzuhalten. Was bei Gorki eine durchaus ambivalente Angelegenheit ist.

Bei Kimmig hingegen gestaltet sich die Sache ziemlich klar: So weinerlich und selbstgerecht, wie die vermeintliche Erbengeneration hier zwischen Designermobiliar abhängt, kann man sich nur wundern, dass Wassa nicht noch öfter mit Handtüchern und anderen Gebrauchsgegenständen zuschlägt, die ihr während des knapp zweistündigen Abends in die Finger kommen. Schade! Denn eigentlich trifft der Konflikt zwischen elterlicher Macher- und kindlicher Gratismentalität ja einen empfindlichen Gegenwartspunkt. Die ewigen Töchter und Söhne, die in Papas Eigentumswohnung leben und sich von seinem Geld hippe Galeristenkarrieren leisten, um dann mit kapitalismuskritischer Kunst gegen die moralisch fragwürdigen Eltern rebellieren, sind nicht nur in Berlin-Mitte ein Massenphänomen.

Dass der Konflikt aber in plakativen, dem Gorki-Text aufgepfropften Vorabendseriensätzen à la „Was seid ihr denn für eine Generation; kein Kampfgeist, keine Visionen, nichts!“ vergegenwärtigt wird, macht ihn eher klein. Klar: Bei Corinna Harfouch klingen selbst solche Einlassungen noch vieldimensional. Die Ausnahmeschauspielerin versteht die Ambivalenzen ihrer Figur zwischen der von realistischen Existenzängsten heimgesuchten Geschäftsfrau und der ebenso verzweifelten Mutter sogar noch zu steigern.

Der Rest der Figuren bleibt jedoch recht schlicht gezeichnet, trotz Pawelschen Borderline-Syndroms und Semjonscher Komplettregression. Und so ist’s kaum mehr als Soap, wenn die Sippe mit blutigen Fingern übereinander herfällt oder einander exzessiv mit Handtüchern verdrischt.

Wieder 22. & 24. 5, 20 Uhr; 25.5., 19 Uhr

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