Kultur : "Dia"-Ausstellung: Der schöne Spießer

Ronald Berg

Offenbar sind viele vom häuslichen Diaabend mit den immer gleichen Aufnahmen von Mama am Strand von Mallorca und Papa auf der Caféterrasse im Schwarzwald immer noch traumatisiert. Denn das Diapositiv hat bisher wenig Aufmerksamkeit gefunden. Die Neue Gesellschaft für bildende Kunst (NGBK) wagt nun die erste umfassende Ausstellung zu Kulturgeschichte und Kunst jenes ephemeren Mediums. Um Durchsicht geht es bei "Dia / Slide / Transparency", so der Ausstellungstitel. Ohne die Strahlkraft des Lichtes gibt es kein Bild. Diese Erkenntnis führte zum Untertitel "Materialien zur Projektionskunst" für die zweiteilige, zusammen mit dem Kunstamt Kreuzberg veranstaltete Schau.

In den Räumen der NGBK geht es zunächst um die Historie des Mediums. Bis in mythische Urgründe folgt man hier der Genese der Bildprojektion zurück. Von der Erfindung der Kunst als Nachzeichnung des an die Wand projizierten Schattens über den Dia-Einsatz in Klassenzimmer und Hörsaal bis zu psychedelischen Diaprojektionen in der Clubszene reicht der Bogen. Dabei werden Dia und Projektion nicht nur als Thema vorgeführt: Die elf Themenkapitel der Ausstellung vermitteln sich jeweils als Diashow. In höhlenhaftem Halbdunkel rattern und klappern die von der Decke herabhängenden Diakarussels. Sie zeigen die historischen Frühformen - etwa die Laterna Magica - aus Zeiten als man noch mit einer Petroleumlampe projizieren musste. Oder den Koloss des Kaiserpanoramas, dessen hölzerner Rundbau durch die vielen außen angebrachten Okulare mehreren Personen gleichzeitig die damalige "Peep Show" mit Ansichten exotischer Fernen, bedeutender Bauwerke und seltener Naturschönheiten ermöglichte.

Von diesen frühen Bildprojektionen - das eine These der Ausstellung - führt kein direkter Weg zum Kino. Das bewegte Bild bleibt in der Ausstellung ausgespart. Statt dessen gibt es in der mit Liegestühlen möblierten "dialounge" eine kleine Auswahl jener einst als so traumatisch empfundenen Diaserien, die sich heute zu Abertausenden beim Trödler wiederfinden. Helmut Höge hat sie gesammelt und neu sortiert. Tagesspiegel-Leser hatten durch den sonntäglichen "Weltspiegel" bereits Einblick in sein schier unendliches Reservoir von Aufnahmen von "Frauen mit Auto", "Frauen mit Hund", "Frauen am Geländer" usw. Die Konzentration auf das Thema Frau ist kein Zufall: Sie bildet bei Knipserdias das Gros der Motive. Der Mann fotografiert, die Frau posiert, so die Erkenntnis aus Höges Sammelwut.

Nach der Kulturgeschichte in der NGBK kommen im Künstlerhaus Bethanien die Künstler zum Zuge - 15 an der Zahl. Die von Anton Henning schon am ersten Ausstellungsort aufgestellten Lichtbänke, die ebenso als Leuchttisch für Dias Verwendung finden könnten, bilden eine Brücke. Sie überführen das Thema "Dia / Slide / Transparency" aus dem Dunstkreis des heimischen Wohnzimmers in die unendlichen Weiten der künstlerischen Fantasie. Wie inmitten eines wirbelnden Sternenhimmels steht der Besucher bei Mischa Kuballs Installation. Das Licht projiziert Buchstaben auf drei Diskokugeln; der imaginäre Kosmos verdankt sich der Schrift. Den Vorgriff auf das Himmelreich in den gotischen Kathedralen hat die Isländerin V¬¤sk Vilhjámsdottir reinszeniert. Nur bestehen ihre bunten Glasfenster aus lauter Kleinbilddias vom Trödler. Den göttlichen Schein des himmlischen Jerusalems liefern die Knipsermotive des Strandurlaubs. So ändern sich die Zeiten.

Das Thema Projektion lässt sich abstrakt wie Fritz Balthaus mit seinen transparenten Luftpolsterfolien, konzeptuell wie Michel Verjux mit seiner Lichtraumprojektion oder illusionistisch wie bei Stefan Maucks Kombination aus Skulptur und Projektion angehen. Das kann im höchsten Grade komplex geschehen wie in Gunda Försters Mehrfachprojektion mit ihren sich selbst steuernden Regelkreisen aus Bild und Ton oder ganz einfach wie bei den von Balthaus übereinander gelegten Türrahmenfolien, die je nach Position des Betrachters immer neue Muster bilden, Projektion und Transparenz als Themen scheinen unausschöpflich.

Die Vielfalt des künstlerischen Umgangs steht allerdings im Gegensatz zur eklatanten Forschungslücke zum Thema Dia. Auch der informative Katalog kann sie nicht schließen, umreißt aber das Feld. Womöglich hat das doch etwas mit den bleibenden Erinnerungen an die gähnende Langeweile familiärer Diaabende zu tun. "Dia / Slide / Transparency" scheint in diesem Falle das richtige Gegenmittel.

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