"Die alte Dame in Marrakesch" : Der Fluch der alten Dame

Der Marrakesch-Roman von Fouad Laroui erzählt vom schwierigen Verhältnis zwischen Marokko und Frankreich.

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Blick auf Marrakesch.
Blick auf Marrakesch.Foto: Lukas Schulze/dpa

„Wie wäre es, wenn wir uns einen Riad kauften?“ Mit dieser Frage überfällt Francois, wohlhabend und vom Leben in Paris gelangweilt, seine Frau Cécile. Schließlich habe die halbe französische Regierung das Jahresende in Marrakesch verbracht, außerdem hätten Bernard Henri Lévi, Pierre Bergé und Alain Delon auch einen Riad. Seit Hollywood Marrakesch als Drehort entdeckt hat, ist die schillernde Metropole am Fuße des Atlas en vogue in den besseren Kreisen. Marrakesch, ein magischer Name, tausend und eine Nacht, Orientfantasien – Francois möchte gerne dabei sein. Cécile wehrt sich anfangs gegen diesen Plan, doch könnte sie dort ein Buch schreiben... So beginnt Fouad Laroui seinen Roman „Die alte Dame in Marrakesch“, der zwischen beiden Kulturen pendelt.

Eine Balance zwischen den Kulturen

Cécile fragt einen Bekannten aus Tanger, ob er einen Makler in Marrakesch kenne, schließlich komme er von dort. „Kennen Sie einen Immobilienmakler in, sagen wir, Biarritz? Oder Brest? Denn Sie sind doch von hier?“ kontert Abdelkader. Laroui ist in Marokko aufgewachsen, hat in Frankreich studiert und lehrt nun an der Universität Amsterdam. Er balanciert souverän zwischen beiden Kulturen, hält den Europäern mit einem Augenzwinkern den Spiegel vor und spielt virtuos mit dem Marrakesch-Klischee, der geheimnisvollen, magischen Stadt, in der sich die beiden Neubürger etwas ungelenk und ungeschickt bewegen. Das wird großartig erzählt, mit Bruchstücken des Arabischen und Berberischen, sodass die Leser auch nicht schlauer sind als die Protagonisten.

Locker, ironisch, an Tiefe gewinnend

In dem Riad, dem traditionellen marokkanischen Haus, das sie schließlich erwerben, entdecken sie in einem der hintersten Räume eine alte Dame, ganz in schwarz, eher ein Schemen als ein Mensch. Ein Nachbar bietet sich an, Kontakt aufzunehmen zu der Dame und sie zum Verlassen des Hauses zu bewegen. Dabei schreibt er in kurzer Zeit eine abenteuerliche Geschichte über Tayeb auf, einen jungen Mann, der mit dem Nationalhelden Abdelkrim im Rif-Krieg gegen die Spanier und Franzosen gekämpft hatte, wobei unter deutscher Beteiligung im großen Stil auch Senfgas eingesetzt wurde.

Dieses Manuskript über Tayebs Geschichte, in der sich die fatalen Beziehungen zwischen Marokko und Frankreich im vergangenen Jahrhundert exemplarisch widerspiegeln, gehört zu den Höhepunkten dieses Romans, der locker ironisch beginnt und dann an Tiefe gewinnt.

Die Lektüre dieses Manuskripts verändert die Einstellung des Paares. Immer tiefer taucht es in die Kolonialgeschichte ein und übernimmt schließlich am Ende sogar Verantwortung. Eine gelungene Lektion in marokkanisch-europäischer Geschichte.

Fouad Laroui: Die alte Dame in Marrakesch. Roman. Deutsch von Christiane Kayser. Merlin Verlag, Gifkendorf 2015. 200 Seiten, 22 €.

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