"Die andere Heimat" : Regisseur Edgar Reitz: „Wer lesen konnte, wollte weg“

60 Stunden ist sein "Heimat"-Zyklus nun lang, der längste Kinofilm der Welt. Im Interview spricht Edgar Reitz über Deutschland als Auswandererland, die Not im 19. Jahrhundert und Jakob, den unter Fernweh leidenden Helden von „Die andere Heimat“.

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Schwarzweiß mit Farbe. Jakob (Jan Dieter Schneider, mit Hut) ist ein Vorfahre der Simons aus „Heimat“. Marita Breuer spielt hier wie dort die Mutter, links Maximilian Scheidt als Jakobs Bruder.
Schwarzweiß mit Farbe. Jakob (Jan Dieter Schneider, mit Hut) ist ein Vorfahre der Simons aus „Heimat“. Marita Breuer spielt hier...Foto: Concorde Filmverleih

Jakob (Jan Dieter Schneider) liest unentwegt, lernt Indianersprachen, will auswandern aus Schabbach. Im Hunsrück herrscht Not anno 1842, viele wandern aus. Die Trecks der Bauern am Horizont rhythmisieren die „Chronik einer Sehnsucht“, einer Zeitreise in Cinemascope: Jakob ist ein Vorfahre der Simons aus der 30-teiligen „Heimat“-Trilogie von Edgar Reitz. 1932 im Hunsrück geboren, dreht Reitz seit 1984 an seiner Dorfchronik des 20. Jahrhunderts, mit 60 Stunden der längste Kinofilm der Welt. Das Prequel „Die andere Heimat“ versammelt Geschichten von bitterer Armut in Deutschland, von Fernweh und Auswandererplänen. Dialektgeschichten in Schwarzweiß mit Farbeinsprengseln, einem üppigen, mythischen, nuancensatten Schwarzweiß. Die Zeit wird zum Raum, 270 Minuten lang, zur weiten Landschaft, in die Kameramann Gernot Roll die Figuren einbettet. Jakobs Vater, der Schmied (Rüdiger Kriese), die tapfere, vom Leben erschöpfte Mutter (Marita Breuer, auch die Mutter in der ersten „Heimat“), Gustav, der Bruder (Maximilian Scheidt), sie staunen über Jakob, der seinerseits über die Werber aus Brasilien staunt. Am liebsten will er mit Jettchen (Antonia Bill) weg, der Tochter des Edelsteinschleifers. Aber dann ist sie schwanger von Gustav und alles kommt anders...

Herr Reitz, einige Ihrer Vorfahren sind im 19. Jahrhundert aus dem Hunsrück nach Brasilien ausgewandert. Geht es im vierten Teil Ihres jetzt 60-stündigen „Heimat“-Zyklus' deshalb um deutsche Auswanderer?

Während der Dreharbeiten an der dritten „Heimat“ erreichte mich ein Brief, der mich auf die Spur dieser Verwandten brachte. Das war 2001, seitdem beschäftigt mich der Stoff. Die Hauptfigur des Jakob hat jedoch vor allem mit meinem Bruder Guido zu tun. Er ist in seinem Hunsrücker Dorf nie vor die Haustür gegangen und hat die Sprachen der Welt studiert. Ein international beachteter Linguistikforscher, im 19. Jahrhundert hätte man ihn einen Privatgelehrten genannt. Als er starb, fand ich über zehntausend Bücher in seinem Haus, auch endlos viel Literatur über Indianersprachen. Das ist sehr in der deutschen Kultur verwurzelt: dieser Typus, der im Geiste die Welt durchmisst, aber immer zu Hause bleibt.

Es entspricht auch dem Wesen des Kinos.
Und es ist Immanuel Kant, deutsche Geistesgeschichte.

Bilder aus "Die andere Heimat"
Familie Simon, die Vorfahren der "Schabbach"-Familie aus der "Heimat"-Trilogie: (v.l.n.r.) der Onkel (Reinhard Paulus), Lena (Mélanie Fouché), die Großmutter (Eva Zeidler), Mutter Maria (Marita Breuer), die Hauptfigur Jakob (Jan Dieter Schneider), Vater Johann (Rüdiger Kriese) und Bruder Gustav (Maximilian Scheidt).
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1 von 12Foto: Concorde
30.09.2013 16:04Familie Simon, die Vorfahren der "Schabbach"-Familie aus der "Heimat"-Trilogie: (v.l.n.r.) der Onkel (Reinhard Paulus), Lena...

Wie kommt Jakob als Sohn eines Dorfschmieds in den 1840er Jahren denn an Bücher über Brasilien?
Es gab Lesekreise, nicht nur in den Städten, sondern auch in den größeren Dörfern. 1815 führte der preußische Staat die Schulpflicht ein, und was lasen die Leute, sobald sie es konnten? Abenteuer- und Reiseliteratur. Die Alphabetisierung löste das Fernweh aus, so wie die Medien auch bei den heutigen Migrationsbewegungen eine Rolle spielen. Die Menschen in Pakistan oder Afrika erfahren über das Fernsehen und das Internet etwas über ein anderes, besseres Leben an anderen Orten, das weckt ihre Sehnsucht. Damals waren es die Bücher. Und die Zeitungen, die im 19. Jahrhundert ja gerade enstanden.

Die Leute wanderten nicht wegen der Armut aus, sondern wegen ihrer Lektüre?
Elend, Missernten, Hunger, Behördenwillkür, das gab es immer. Erst als die Leute lesen konnten, gingen sie weg. In der Pfalz, in der Eifel, im Hunsrück entleerten sich ganze Ortschaften. In nur zwei Jahren wanderten mehr als 800 000 Deutsche aus. Viele gingen nach Brasilien, denn Kaiser Dom Pedro schickte Werbetrupps durch Europa, auf der Suche nach Landwirten und Handwerkern. In Norddeutschland gab es nur Großgrundbesitzer und unselbstständige Landarbeiter. In den von der Grande Armee besetzten Gebieten war die Leibeigenschaft nach der Französischen Revolution jedoch abgeschafft, deshalb gab es hier Kleinbauern, die selbstständige Eigentümer ihres Landes waren. Aber der soziale Fortschritt hatte eine tragische Kehrseite, die Freiheit führte zur Verarmung. Die Bauern konnten ihre Höfe weitervererben, aber sie mussten ihr Hab und Gut auf zehn, zwölf Kinder verteilen, und die Familie verarmte nach spätestens zwei Generationen.

Warum ist es so wichtig, von dieser Zeit zu erzählen?
Einmal von Schabbach aus die Welt betrachten! Die Perspektivumkehrung ist heilsam, deshalb auch die Länge von fast vier Stunden. Der Konsumwahn und Ressourcenverschleiß unserer Gegenwart, ist das ein Fortschritt? Ich habe da Zweifel.

Ich bin ganz froh, in einer Zeit zu leben, in der in unseren Breitengraden den Müttern nicht die Hälfte der Kinder wegsterben und die Menschen vor lauter Schufterei mit 40 alt und krank sind.
Darüber sind wir alle froh. Aber mit diesen guten Errungenschaften gehen ein rauschhaftes Wegkonsumieren und eine Achtlosigkeit einher, auf die ich den Blick wenden möchten. Und mit welchem Blick schauen wir eigentlich den Fremden in unserem Land ins Gesicht? Warum gehen wir nicht brüderlicher mit ihnen um? Es ist nicht lange her, dass wir Deutschen die Migranten waren, gerade mal 150 Jahre.
Waren Sie inzwischen eigentlich in Brasilien und haben Ihre dortige Verwandtschaft getroffen?
Ich war vor 20 Jahren einmal dort, ohne von meinen entfernten Verwandten zu ahnen. Mittlerweile haben wir korrespondiert. Das Hunsrücker Platt, das dort gesprochen wird, ist übrigens genau die Mundart, die im 19. Jahrhundert im Hunsrück gepflegt wurde. Sie nennen es Rio Grandenser Hunsrückisch, diesen Dialekt haben wir im Film zurückverpflanzt, dorthin wo er herkommt.

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