Kultur : Die Angst ist das Stärkste

Berliner Gastspiel: Theatermagier Peter Brook über Beckett, die Frauen und das Geheimnis der Leere

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Mister Brook, in Ihrem Buch „Der leere Raum“ schreiben Sie, dass eine Inszenierung nicht länger als fünf Jahre lebendig bleibt. „Glückliche Tage“, Ihre erste deutschsprachige Inszenierung, kam vor drei Jahren in Basel heraus. Worauf haben Sie bei der Wiederaufnahme geachtet?

Für jede Regel gibt es Ausnahmen, und eine der interessantesten Ausnahmen im Theater ist Beckett. Beckett ist einzigartig, weil er alle Talente besitzt: Er ist ein Mann der Sprache, der Bilder, der Bewegung, des Klangs und der Stille. Normalerweise geben große Dramatiker keine Regieanweisungen, aber Beckett sah seine Stücke schon als Bühnenbild und er dachte auch an die Musikalität und die Gesten der Schauspieler. Man kann seine Werke mit Partituren vergleichen: Die Melodie, der Klang, die Farbe der Instrumente sind klar bestimmt. Als ich anfing, mit meiner Frau Natasha Parry an „Glückliche Tage“ zu arbeiten, wurde ich wütend, als sie fragte: Wieso machen wir es nicht, wie es bei Beckett steht? Zur Hölle damit, sagte ich, wir improvisieren! Und so haben wir es auch gemacht. Aber Beckett hatte Recht. Wenn er schreibt: „Dreh den Kopf und nimm die Haarbürste mit deiner rechten Hand“, ist es einfach besser als umgekehrt. Eine Beckett-Produktion verjährt nicht.

Haben Sie Beckett deshalb erst Mitte der neunziger Jahre inszeniert, obwohl er für Sie schon viel früher wichtig war?

Ich bewunderte Beckett, aber als Regisseur hat er mich lange nicht gereizt. Er lässt einem zu wenig Freiheit. Dass ich es doch gemacht habe, liegt an den Schauspielern. Ich wollte es mit meiner Frau Natasha machen, und ich wollte es mit Miriam Goldschmidt machen. Außerdem hat mich interessiert, dass in Becketts letztem großen Stück keine Männer im Zentrum stehen, sondern eine Frau, die nicht im Dunklen haust, sondern im strahlenden Licht steht. Das hat mich berührt, weil ich sah, dass in den späten Werken dieses wütenden, antikatholischen, antiprotestantischen Iren etwas Neues durchscheint. Der Mann ist – wie alle Männer – gefangen im Dreck. Die Frau steckt zur Hälfte in einem Hügel, aber die andere Hälfte sehnt sich zum Licht. Sie möchte ein Vogel sein.

Was bedeutet Glück für Winnie?

Sie wünscht sich, jeden Tag einen Grund zum Überleben zu finden. Dass dieser Tag, trotz ihrer Ängste, ein guter Tag wird. Der Titel „Glückliche Tage“ ist ironisch gemeint, aber auch ernst, denn sie findet diesen Grund, Moment für Moment: Ja! Dies ist ein glücklicher Tag!

Was bedeutet Glück für Sie als Regisseur?

Das kann ich nicht definieren. (Pause) Ich habe den Eindruck, dass selbst bei den präzisesten Worten, die wir benutzen, immer etwas jenseits der Worte liegt. Die Kraft des Theaters besteht darin, die Vagheit der Worte deutlich zu machen und ihnen gleichzeitig Fleisch und Blut zu geben. Shakespeares „Sommernachtstraum“ zum Beispiel handelt von Liebe, von körperlicher Liebe, geistiger Liebe, der Liebe zur Arbeit. Über jede einzelne Liebe könnte man an der Universität Arbeiten schreiben, aber in einer guten Aufführung kann man sie alle leibhaftig erleben.

Was muss für einen magischen Moment auf der Bühne zusammenkommen?

Das Geheimnisvolle kommt durch die Konkretion. Es gibt kein besseres Bild für diesen Vorgang als das Kochen. Wie entsteht ein gutes Gericht? Es gibt keine Antwort darauf, außer man greift auf konkrete Dinge zurück. Hat man auf dem Markt die richtige Auswahl getroffen? Wurde die Soße richtig angerührt? Ist das Feuer zu heiß? Wir müssen damit leben, dass wir nicht wissen, wie dieser Moment entsteht. Er ist da, wir können ihn oft nicht finden, aber wenn er geschieht (klatscht in die Hände), erkennen wir ihn.

Glauben Sie, dass Ihre Vision vom einfachen Theater auch etwas mit Ihren Erfahrungen während des Krieges zu tun hat?

Als der Krieg vorbei war, wollten wir alle nur ausbrechen. Für mich bedeutete das: Reisen, Experimentieren. Es gab plötzlich die Möglichkeit, Schönheit, Charme, Aufregung, all das auf der Bühne zu zeigen. Die Worte Klarheit oder Einfachheit im Zusammenhang mit unserer Arbeit sind mir verdächtig. Für mich ist es keine Einfachheit, für mich ist es die Freude des Zugangs. Mein persönlicher Prozess des Weglassens, das ist nicht Einfachheit, es ist Eliminieren.

1972 gingen Sie mit Ihrer Theatergruppe nach Afrika und reisten lange umher, bevor Sie in Paris das Théâtre des bouffes du Nord gründeten. Hatte dieser Schritt auch etwas mit Eliminieren zu tun?

Nein. Im Gegenteil. Jahrelang arbeitete ich in der geschlossenen Kultur des Westens. Dann wurde mir bewusst, dass der Westen kein Ganzes ist, sondern nur ein Fragment. In diesem Moment empfand ich die Notwendigkeit, mit anderen Fragmenten in Kontakt zu kommen.

Was kann der Westen von Afrika lernen?

Die afrikanische Kultur hat etwas, was wir nicht haben. Es geht nicht um Formen, sondern um die nichtdefinierbare, noch immer lebendige Qualität dahinter. Ein Beispiel: Wenn Sie im Westen vor einer Kathedrale stehen, haben Sie sofort ein bestimmtes Gefühl. Das gleiche Gefühl haben Sie vielleicht, wenn sie vor einer Buddha-Statue stehen. Wenn Sie wiederum in Afrika zu einem heiligen Ort gehen, steht dort nichts als ein Baum – und Sie haben den gleichen Eindruck. Es gibt dort ein anderes Verhältnis zur Natur.

Warum braucht der Mensch Rituale?

Ich weiß nicht, ob ich das beantworten kann. Nach meiner Erfahrung ist der kraftvollste und unbegreiflichste Fakt des menschlichen Lebens die Angst. Diese Angst ist so fordernd, dass sie ein Sicherheitsbedürfnis auslöst, das zur Bildung von Strukturen führt. Etwa die Tatsache, dass man politische Parteien ernst nimmt, dass man an Wahlen glaubt. All das sind Mittel, um der Furcht entgegenzutreten, der totalen Leere ins Auge zu sehen. Das führt uns wieder zu Winnie zurück, die alles aus Angst vor der Leere tut. Wir haben Angst vor Stille, wir haben Angst davor, nichts zu tun zu haben, und Winnie singt oder spielt mit Dingen, um den Tag zu füllen.

Es gibt auch eine andere, eine positive Leere. Was passiert darin?

Die Leere, vor der man Angst hat, ist nur zu menschlich. Wenn man aber sieht, wie wahnsinnig schwierig das Leben ist und sich dessen bewusst ist, führt einen das zu etwas absolut Positivem. Wenn man den Mut aufbringt, alle Versicherungen und Beruhigungen loszulassen, gelangt man in den Bereich hinter allen Religionen. Dort lösen sich die Formen auf, und es bleibt die pure Leere. Was in dieser positiven Leere geschieht, kann man als Befreiung von der Zeit beschreiben. Im Theater sind das sehr, sehr seltene Momente, in denen alle, Schauspieler und Publikum, plötzlich und nur für einen Augenblick von etwas berührt werden – von der Aufhebung der Zeit.

– Das Gespräch führte Andreas Schäfer.

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