Kultur : Die besten Seiten von Berlin

Nooteboom, Eugenides, Kertész: Warum sich ausländische Autoren in dieser Stadt inspirieren lassen

Caroline Fetscher

Als der Dichter Adam Mickiewicz, geboren1798, den revolutionären romantischen Aufbruch in der polnischen Literatur auslöste, hatte er Voltaire und Rousseau gelesen, Shakespeare und Byron, Schiller und Goethe. Er war ein europäischer Intellektueller, der 1818 an einen reisenden Freund schrieb: „Vielleicht sind in Berlin Goethes Werke nicht allzu teuer. Falls weniger als zehn Rubel, kauf sie mir und schicke sie.“ Jahre später saß Mickiewicz selbst in Berlin und hörte die Vorlesungen des preußischen Staatsphilosophen Hegel. In der jungen Metropole traf sich Europas Geisteswelt, Adam Mickiewicz und seine Zeitgenossen aber ahnten nichts von der Zukunft dieser Stadt. Dass nach einer Revolution im untergegangenen Zarenreich fast 300000 Russen nach Berlin umsiedeln würden. Vladimir Nabokov war einer von ihnen, der in Berlin-Charlottenburg alias „Charlottengrad“ lange vor seinem Weltruhm die ersten Romane und launige Alltagsbeobachtungen über Berlin verfasste. Etwa zur selben Zeit, als Franz Kafka, verliebt in Dora Diamant, schreibend und an Tuberkulose leidend, in Steglitz wohnte.

Zweimal in der Woche hörte Kafka in der heutigen Tucholskystraße Vorträge über den Talmud, doch die Innenstadt erschöpfte ihn: „...von fast allen Ausflügen nach Berlin kam ich elend zurück und tief dankbar, dass ich in Steglitz wohne.“ Im Februar 1924 wird Kafka als „armer, zahlungsunfähiger Ausländer“ dort aus seinem Zimmer geworfen. Er verlässt die Stadt und stirbt im selben Jahr. Alle drei Schwestern Kafkas kommen später in Konzentrationslagern ums Leben. Am Wannsee beschlossene Morde.

Ab 1933 vertrieb Berlin fast alle seiner intellektuellen Schützlinge, um nach dem Grauen des Weltkrieges drei Generationen lang in zwei Hälften zu existieren. Cees Nooteboom, der 1963 erstmals nach Westberlin kam, notiert 1998: „Was habe ich damals gedacht? Dass man sich diese Situation in der griechischen oder in welcher Antike auch immer vorstellen könne: eine Stadt, die zweigeteilt war durch eine Mauer. Von Legenden und Geschichten umwoben, ein fast vergessenes Sprichwort...“

Auch eine Ururenkelin des polnischen Nationalpoeten Mickiewicz hat sich eines Tages auf den Weg nach Berlin gemacht. Iwona Mickiewicz, geboren 1963, kam ein Jahr vor dem Mauerfall nach Berlin. In Leningrad, heute St. Petersburg, hatte sie Literatur studiert. Was immer die polnische Dichterin schreibt, Kurzprosa, Dramen, Lyrik – mal deutsch, mal polnisch: Es geht um die Brüche, Lücken und Rätsel des 20. Jahrhunderts, um das Entfalten von Bildern und Szenen, die sich mit der Deportation ihrer Familie nach Sibirien befassen, mit Unsagbarem, das Sprache wird, ohne es dokumentieren zu können. „Wenn meine Hände dunkeln/und sie dunkeln entzwei“, mit diesen Versen von Iwona Mickiewicz überschrieb Joachim Sartorius sein Lobpreis der „schönen Unheimlichkeit“ ihrer Lyrik.

„Berlin ist eine Trauma-Stadt“, heißt es 2003 in Mickiewiczs Prosagedicht „Milder Berliner Winter“. Eine Trauma-Stadt: Wie auch nicht? Die hippe, coole, flackernd selbstbezogene, eine neue Mitte erfindende Metropole gehört zum Genre des deutschen „Berlin-Romans“ der Neunziger – während Autoren aus dem Ausland in Berlin ihr Gepäck aus anderen Weltteilen und Epochen sortieren, aufheben, wiederfinden, wegwerfen.

Wie Bora Cosic, 1932 in Zagreb geboren, und vor Milosevics Regime nach Berlin geflohen. Der bekannteste lebende Schriftsteller Ex-Jugoslawiens ist heute in einer winzigen Erdgeschosswohnung in Charlottenburg zu Hause. 2002 bekam er auf der Leipziger Buchmesse den Preis für Europäische Verständigung. In seiner jüngsten Erzählung „Die Zollerklärung“ nimmt Cosic Abschied von Belgrad. Aus dem Gedächtnis musste er für die Behörden die Inventurliste seiner Bibliothek erstellen, um Bücherkisten nach draußen schaffen zu dürfen: Kisten, in denen er seine Biografie wiederfindet. An dieser „Zollstation der Geschichte“ erschreibt sich Cosic eine Unabhängigkeitserklärung. Vieles, viele lässt er hinter sich, Emigration erweist sich als Reduktion auf das Notwendige. „Die Toten. Das Berlin meiner Gedichte“ nennt Cosic seine jüngste poetische Spurensicherung, 2002 erschienen.

Nicht weit von Cosic wohnt die kroatische Dichterin Irena Vrkljan, über 70 Jahre alt, sie gilt als die unerkannte große Autorin ihrer Generation, Vorbild für Dubravka Ugresic, Slavenka Drakulic und andere. „Wenn ich in Charlottenburg bin und träume/ stirbt der ganze innere Kern von Zagreb/wie eine zertretene Frucht“ schrieb sie 1981 in ihrem ersten Band „Stationen“. Auch ihr „Schattenberlin“ (1990) ist ein poetisches Zeugnis der Emigration.

Von innen gesehen und zugleich von außen, entsteht ein polychromes Prisma von Berlin als „Station“ immigrierter oder (weiter)reisender Autoren. Sogar ein Schweizer Autor wie Urs Jaeggi sah in Berlin 1984 vor allem Extreme: „Eine morose Stadt, immer nah am Wahnsinn, immer bedroht, nicht von sowjetischen oder amerikanischen Raketen oder DDR-Soldaten. Kollabieren von innen. Inversionswetter. Katastrophengeflüster allüberall. Und Lebenshunger. Eine Stadt für Flaneure, Connaisseure und Andersartige.“ Die wenigsten kamen während der Mauerzeit, um zu bleiben.

Damals, als Imre Kertész im Mai 1980 Ostberlin besuchte – er lebt heute im Westen der Stadt – war der spätere Nobelpreisträger ein Gast. Ein belasteter. „Wieder das monströse und stickige Berlin“, so empfand er den leblosen Ballungsraum mörderischer Vergangenheit. Nach der Wende besichtigt Kertész dann den Potsdamer Platz: „Matte Vormittagssonne; eine Einöde voller Staub und Schutt, mitten in der Stadt, wo einst die Mauer war und umliegendes Gelände. Wie nach schweren, verheerenden Luftangriffen. Feiner Aschegeruch im milden Licht, Straßen Richtung Nirgendwo, Stimmen und Gerüche, die an das Frühjahr 1945 erinnern, unfaßbare Melancholie des Überlebens..."

Ob bei Kertész oder Györgyi Konrád, bei István Eörsi, Richard Wagner, Herta Müller, Oskar Pastior – Berlin ist als Narbe der Geschichte bei fast allen hier lebenden osteuropäischen Autoren ein Thema. Auch für die rumänische Erzählerin Carmen Francesca Banciu, 1955 geboren, die in ihrem Roman "Vaterflucht" von 1998 die Erfahrungen in Rumäniens Diktatur verarbeitet. Heute schreibt Banciu auf Deutsch, und Berlin, das sie als „ihr Paris“ bezeichnet, ist näher und realer geworden, in einer leichter, heiterer wirkenden Prosa. Vielleicht ist sie ein Beispiel für Emigration nicht nur als Trauma, sondern auch als Traumatherapie.

Ganz anders setzt sich Vladimir Kaminer über alle Dunkelheit hinweg. Der Popstar unter den Ostimmigranten-Autoren, 1967 in Moskau zur Welt gekommen, beschreibt Land und Leute als skurril und exotisch. In den Erzählungen „Russendisko“ (2000) erläutert er den Glücksfall von „Stalingrad“: einer statistenreichen Filmproduktion, bei der „in Berlin lebende Russen, die sonst perfekte Kandidaten für Langzeitarbeitslosigkeit sind, endlich mal Jobs bekamen“. Kaminers Berlin ist ein komischer Multikultikosmos, worin die „Spielbank Berlin“ manchmal „wie eine Sondersitzung der UNO“ aussieht, wenn Thailänder, Araber, Briten, Franzosen, Vietnamesen, Russen und Deutsche gemeinsam das Glück suchen, das Geld heißt.

Genau das: Geld, Jobs, Lebensunterhalt, das waren die Auslöser der stärksten Migrantenwelle der Neuzeit, die Kreuzberg in das „Klein-Istanbul“ verwandelte, das heute sogar von Touristenbussen heimgesucht wird. Nicht die Flucht vor einem Trauma, sondern der Traum vom besseren Leben bewegte die Migranten. Und bald hatten auch türkische Berliner das Schreiben entdeckt. Namen wie Aras Ören, Safer Senocak, Yade Kara, Cehra Cirak, Esmahan Aykol und die Bachmann-Preisträgerin Sevgi Emine Özdamar sind bekannt geworden.

Özdamars großer Roman „Die Brücke vom Goldenen Horn“ (1998) schildert etwas dem deutschen Mainstream Unbekanntes: Leben, Liebe, Alltag einer im Wohnheim untergebrachten türkischen Fabrikarbeiterin, Ende der Sechzigerjahre. Die Gegenwart bricht in diese „Ausländerliteratur“ ein, ohne Nostalgie, Panik oder Exilantenschmerz, sondern als befremdender, überwältigender Aufbruch ins Andere: „Die ersten Wochen lebten wir zwischen Wonaymtür, Hertietür, Bustür, Radiolampenfabriktür, Fabriktoilettentür, Wonaymzimmertisch und Fabrikgrüneisentisch. (...) Wenn sie aus der Radiolampenfabrik ins Wonaym kamen, zogen sie sich ihre Nachthemden an, kochten in der Küche Kartoffeln, Makkaroni, Bratkartoffeln, Eier. Das Pfannenzischen mischte sich mit ihren dünnen, dicken Stimmen, und alles stieg in der Küchenluft hoch, ihre Wörter, ihre Gesichter, ihre verschiedenen Dialekte, Messerglanz in ihren Händen, die ... wartenden Körper, laufendes Küchenwasser, im Teller eine fremde Spucke." Özdamar, 1946 geboren in Malatya, arbeitete ab 1965 zwei Jahre in einer Westberliner Fabrik, kehrte zurück in die Türkei, wurde Schauspielerin und kam 1976 zur Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, wo sie Dramaturgin bei Benno Besson und Matthias Langhoff war. Schuld ist womöglich der „kommunistische Heimleiter“ des „Wonayms“: „Mit ihm kamen in unser Frauenwonaym andere Männer: Dostojewski, Gorki, Jack London, Tolstoi, Joyce, Sartre und eine Frau, Rosa Luxemburg...“ Westberlins Politisierung, mit den Studentendemos, Kommunen und Wohngemeinschaften, griff auch nach den neuen Immigranten. Nicht alle aber brauchten Nachhilfe – manche kamen schon als politisch Verfolgte. Auch aus Chile, wie Antonio Skarmeta, der in Berlin seinen Weltbestseller „Mit brennender Geduld“ verfasste und später Botschafter seines Landes in der wiedervereinigten, neuen Hauptstadt Berlin wurde.

Yade Karas „Selam Berlin“ von 2003 jagt einen jungen Türken durch das heutige Berlin. Realistisch, satirisch, teilweise fantastisch, bewegt der Held sich zwischen Kreuzberger Altlinken-Milieu, Filmszene und Neonazis aus dem Osten. „Ick heiß Hasan, bin in Berlin jeboren...“ beginnt der 19-Jährige seine Testaufnahme beim Casting für einen „Tatort“. Weder mit Deutschland noch mit der Türkei kann Hasan sich vollkommen identifizieren, im Raum dazwischen entsteht bei der Autorin eine neue, scharfsichtige Darstellung der Berliner Realität. Ein literarischer Mittelort.

Dass der Amerikaner Jeffrey Eugenides, der für seinen Riesenroman „Middlesex" dieses Jahr den Pulitzerpreis erhielt, sich Berlin als Wohnort für seine Familie gesucht hat, hat pragmatische Gründe. Hier sind die Lebenshaltungskosten niedrig, sagt Eugenides, der neun Jahre an seinem Werk bosselte. Kein Vergleich zu New York oder Detroit. Er schätzt die großzügige Literaturförderung – wie so viele kam er mit einem Stipendium des DAAD in die Stadt. Berlin ist für ihn weder Traum noch Trauma , sondern Herausforderung: „Nette Städte inspirieren Reiseschriftsteller, schwierige Städte produzieren Literatur.“ Außerdem treffe man in Berlin nicht dauernd Rivalen aus der Literaturszene, wie zum Beispiel in Brooklyn. Und wenn der Held in „Middlesex“ durch Mies van der Rohes Glasfront der Neuen Nationalgalerie sieht, erinnert ihn der Potsdamer Platz nicht an 1945 oder an die Mauer, sondern an Vancouver.

Gottfried Keller, der 1850 mit einem Stipendium aus Zürich nach Berlin kam und hier fünf Jahre seinen „Grünen Heinrich“ schrieb, beschwerte sich in einem Brief über die „verfluchte Hohlheit und Charakterlosigkeit“ der Eingeborenen, endete gleichwohl versöhnlich: „Ein vorübergehender Aufenthalt hingegen“ sei „für künstlerische und andere Seiltänzernaturen gut“. Danke, Jottfried.

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