Kultur : Die Brille des Gesetzes

Killer, Kleinstadt, Kanada: Ed Gass-Donnellys leiser Thriller „Small Town Murder Songs“.

Julian Hanich
Mein Gott, Walter. Peter Stormare spielt den Sheriff in Nöten. Foto: Cine Global
Mein Gott, Walter. Peter Stormare spielt den Sheriff in Nöten. Foto: Cine Global

Es ist Herbst. Hoher Himmel mit grauen Wolken. Felder am Rande einer Kleinstadt. Bald werden die Bauern kommen mit ihren Traktoren. An einem See liegt eine nackte Frauenleiche. Sheriff Walter (Peter Stormare) wird mit seinem Kollegen Jim (Aaron Poole) zum Tatort gerufen. Bald stellt sich heraus: Für den Sheriff wird der Fall eher einer göttlichen Probe als einer üblichen beruflichen Herausforderung gleichen.

Walter ist ein etwas tapsig auftretender Mann in seinen späten Fünfzigern, mit schwarzem Schnauzbart und reichlich groß geratener Brille. In seiner tief konservativen und zugleich, wie man so sagt, friedlichen Mennoniten-Gemeinde im tiefsten Ontario hatte er seit Jahren kein Gewaltverbrechen mehr aufzuklären. Nicht verkehrt, wenn man manches mit sich selbst ins Reine bringen muss: Sheriff Walter ist ein Mann mit Vergangenheit. Nur: Welcher Vergangenheit?

Tief verborgen in der Fülle seines weichen Körpers liegt ein harter animalischer Kern. Das Tier in ihm mag gebändigt sein durch die Hingabe zu Gott. Doch, wer weiß, vielleicht springt der innere Schweinehund bald schon wieder wütend gegen die Gitter des Zivilisationskäfigs? Der wiedergeborene Christ Walter bittet da sicherheitshalber nicht nur um Vergebung vergangener Taten – er fleht Gott auch um das Ausbleiben künftiger Sünden an.

Peter Stormare, unvergessen als Gruselfigur aus „Fargo“ (1995) der Coen-Brüder und allerhand anderen Brutalo-Killer erfordernden Filmen, spielt den feisten Walter mit schön unterspielter Bräsigkeit. Wobei es einen hübschen ParallelWitz hat, dass die Bilder seiner sonstigen Fast-Wahnsinns-Rollen nun auch in diesem so scheinbar anderen Ambiente wie eine Schattenarmee im Zuschauergedächtnis mitlaufen.

„Small Town Murder Songs“, der zweite Spielfilm des 34-jährigen Kanadiers Ed Gass-Donnelly (nach „This Beautiful City“, 2007) ist ein Kriminalfilm, ein Kleinstadtfilm, ein Kanadafilm. Vor allem aber ist er ein kurzer Film über Gewalt, Buße und Erlösung. Genauer: über die Hoffnung auf die zähmende Kraft des Gottvertrauens. Der Film ist eingeteilt in Kapitel, denen religiöse Maximen vorausgehen: „Tue Buße und bekenne deinen Glauben“ lautet eine von ihnen. Dazu kehrt mit leitmotivischer Beharrlichkeit die Gospel-Musik von Bruce Peninsula wieder. Selbst die Farbarmut der Bilder, die gleitenden Kamerafahrten und die Zeitlupen gewinnen in diesem Zusammenhang eine spirituelle Note.

In knapp 75 Filmminuten zeigt Gass-Donnelly eine Faszination für das Einfache, Archaische, Religiöse, wie sie vielleicht nur jemand an den Tag legen kann, der aus einer ultramodernen Großstadt wie Toronto kommt. Doch der Regisseur ist klug genug, seiner Faszination nicht zu erliegen, sondern seine ambivalente Haltung immer wieder mit kleinen Details deutlich zu machen: Während Walter Abhilfe gegen seine Gewaltausbrüche in der Kirche sucht, vertraut sein Polizei-Kollege lieber auf weltliche Hilfe. Er liest einen psychologischen Anti-Aggressivitäts-Ratgeber.

Central Hackescher Markt, Eiszeit,

fsk und Tilsiter-Lichtspiele (alle OmU)

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