Kultur : Die Diva mit den tollkühnen Tricks

Zum 70. Geburtstag der großen Schriftstellerin und außerordentlichen Stilistin Brigitte Kronauer

Meike Fessmann
Spottlustig. Brigitte Kronauer. Foto: dpa
Spottlustig. Brigitte Kronauer. Foto: dpaFoto: dpa

Ein Jahr bevor Brigitte Kronauer 2005 der Büchner-Preis verliehen wurde, erschien bei Reclam ein Bändchen mit 15 Geschichten. Gekleidet in das zeitlose Gelb der Klassikerreihe, prangten auf dem Paperback gleichwohl zwei Signale, die unmissverständlich klar machten, wer da gerade zum Klassiker geadelt wurde: eine trickreiche Erzählerin von überaus aparter Gestalt, die auf dem Umschlagbild von Dieter Asmus elegant eine Zigarette zum Mund führt, das klare Gesicht von einem geradlinig geschnittenen hellblonden Helm umrahmt. Der aufgeweckte Blick zielt lässig an einem Lilienstrauß vorbei, so als ließe sich dessen Symbolik ohne Weiteres ignorieren, auch oder gerade weil der Titel des Buchs so offenkundig scheint: „Die Tricks der Diva“. Erstmals in der 137-jährigen Reclam-Geschichte verschickte der Verlag Leseexemplare, um den raren Fall einer Erstausgabe hervorzuheben.

Brigitte Kronauer, die am 29. Dezember 1940 in Essen geboren wurde, lebt seit vielen Jahren in Hamburg. Sie ist eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Gegenwartsliteratur. Und dies nicht nur, weil sie eine der wenigen Frauen ist, die vom Feuilleton gefeiert werden. Als „Großmeisterin der Boshaftigkeit“ hat die „Zeit“ sie letztes Jahr porträtiert, auch weil sie den jungen, nicht gerade schüchternen Kritiker lange mit einer Frage zappeln ließ, die er nicht zu stellen wagte, die sie ihm aber längst vom Gesicht abgelesen hatte: Ob sie wirklich mit den beiden Männern zusammenlebe, deren Namen neben dem ihren an der Klingel des elbnahen Backsteinhauses stehen. Also nicht nur mit dem Kunstkritiker Armin Schreiber, mit dem sie verheiratet ist, sondern auch mit dem Maler Dieter Asmus?

Eine hellwache, allem Menschlichen zugewandte Freundlichkeit paart sich bei Kronauer mit tollkühner Spottlust. Ihren Figuren fährt sie ebenso in die Parade wie dem eigenen Erzählen, wenn der dringliche Wunsch nach der Wiederverzauberung der Welt sich allzu sehr aufbläht.

Niemals kann sich der Leser in Sicherheit wiegen. Ob in der Beschreibung erhabener Naturerlebnisse oder im schönsten Liebesrausch, plötzlich gibt es eine Kehrtwende, und das Erhabene sieht lächerlich aus, der Rausch verfliegt. Dass jeder Mensch die Realität unablässig bearbeitet, es also genau genommen keine Realität jenseits von Geschichten und Stilisierungen gibt, gehört zu ihrem Credo.

Seit ihren frühen Erzählungen und dem Roman „Frau Mühlenbeck im Gehäus“, in dem eine ältere Frau, deren Vorbild ihre Mutter ist, einer jüngeren beibringt, dass das Leben erträglicher wird, wenn man es erzählend zu sinnvollen Einheiten bündelt, schreibt sie an einem Werk, das eigenwillig und abwechslungsreich ist. „Berittener Bogenschütze“ ist ein klassischer moderner Bildungsroman, in dem sie den Helden, einen zunächst eher selbstgenügsamen Literaturwissenschaftler, der sich leidenschaftlich in das Werk Joseph Conrads versenkt, durch die Höhen und Tiefen der Liebe schickt.

„Die Frau in den Kissen“, sicher ihr radikalstes Buch, eine Art Anti-Globalisierungsroman avant la lettre, ist eine ekstatische Reflexion jenes Modernisierungsprozesses, den wir inzwischen routiniert Globalisierung nennen, zu einem Zeitpunkt erfasst, als dessen Gewalt noch spürbar war. Eine Frau liegt im Bett und imaginiert die verlorene Ganzheit der Welt. In prächtigsten Farben schildert sie, was Flora und Fauna, Himmel und Erde, Kunst und Technik zu bieten haben. So entsteht ein grandioser epischer Trauergesang, der im Wappen des Faultiers die Poesie zum Medium der Wiederverzauberung erhebt. Spätestens mit „Teufelsbrück“, dem im Sinne von Clemens Brentanos „Godwi“ bewusst „verwilderten“ Roman, wurde klar, dass Kronauers Schaffen vom Widerspruchsgeist der Romantik angetrieben wird, einer gegen die Faktizität der Welt gerichteten Verzauberungs- und Reflexionslust. Es geht darin um Paarungen aller Art, beobachtet mit einem Blick, der zwischen naturkundlichem Interesse, romantischer Verzückung, philosophischer Kontemplation und kunsthistorischer Betrachtung hin und her springt. Nebenbei ist „Teufelsbrück“ eine Hommage auf zwei sehr schöne deutsche Städte: auf Hamburg und die Romantikerstadt Heidelberg.

Es ist unmöglich, alle ihre Romane, Erzählungen und Essays aufzuzählen. Doch kann der Leser seinen eigenen Weg ins Werk dieser außerordentlichen Stilistin finden. Kronauer verleiht der deutschen Syntax neuen Glanz. Die liebevollsten Frauenporträts finden sich in „Rita Münster“, das Bildnis eines rührendes Kauzes in „Das Taschentuch“. Und ihr jüngster Roman „Zwei schwarze Jäger“ verortet das aus lauter Binnenerzählungen zusammengesetzte Geschehen rund um eine Schriftstellerin namens Rita Palka.

Rita heißt auch die Icherzählerin jener berückenden Geschichten, die 2008 unter dem Titel „Die Kleider der Frauen“ als zweiter Reclam-Band erschienen sind. Sie bilden die fiktive Autobiografie der Autorin. Durchglüht von der Wärme und Intensität vergegenwärtigter Erinnerung, schildern sie das Leben einer „gewissen unzuverlässigen Rita“, wie Kronauer ihr Alter Ego nennt. Am Ende imaginiert sie sich als über 90-jährige Frau, die noch immer 15 Jahre jünger geschätzt wird und sich darüber gehörig lustig macht. Also sparen wir es uns, zu betonen, dass Brigitte Kronauer heute zwar 70 Jahre alt wird, aber keineswegs so aussieht.

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