Kultur : Die Erschaffung der Frau

Pedro Almodóvars labyrinthisches Melodram „Die Haut, in der ich wohne“

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Ein Verhältnis der besonderen Art. Der Chirurg Robert Ledgard (Antonio Banderas) und Vera (Elena Anaya). Foto: Tobis
Ein Verhältnis der besonderen Art. Der Chirurg Robert Ledgard (Antonio Banderas) und Vera (Elena Anaya). Foto: Tobis

Die Kamera nähert sich einem herrschaftlichen ländlichen Anwesen, hinter einem Vorhang werden die Umrisse einer weiblichen Gestalt erkennbar – eine Frau, scheinbar nackt, vollführt anspruchsvolle Yoga-Übungen. Schon in den ersten Einstellungen von „Die Haut, in der ich wohne“ wird das titelgebende Motiv mehrfach etabliert: die Oberfläche und was darunter wohnt. Der Vorhang, der Vera (Elena Anaya) vor Blicken von außen abschirmt. Ihre Nacktheit, die bei näherem Hinsehen gar keine ist: Vera trägt eine hautfarbene Ganzkörperstrumpfhose, sie schützt und verhüllt ihre Haut unter einer zweiten. Und schließlich Yoga, das Sanskrit-Wort für „Joch“, die Unterwerfung des Körpers unter den Willen, den Geist, die Seele. Wenn Vera Yoga übt, dann kämpft sie dagegen an, dass mit ihr das Gegenteil geschehen ist. Ihr Wille wurde ihrem Körper unterworfen.

Der Raum, in dem sich Vera aufhält, ist fast völlig leer und klinisch rein. Über einen Lastenaufzug wird sie mit Essen und Büchern versorgt, während Überwachungskameras, auch das ein Element des Oberflächen-Motivs, jede ihrer Bewegungen erfassen und auf Monitore übertragen. Vera ist eingesperrt in diesem luxuriösen Gut, doch von wem, und vor allem: Warum? Die erste Frage wird umgehend beantwortet, der Chirurg Robert Ledgard (Antonio Banderas), der an der Entwicklung von künstlicher, widerstandsfähigerer Haut arbeitet, hält sie gefangen. Zu ihrem Schutz? Oder zu dem Ledgards, den sie offenbar sexuell begehrt, während er sich mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu entzieht? Ist sie seine Patientin, sein Versuchsobjekt, seine Schöpfung? Ledgards ominöse Haushälterin Marilia (Marisa Paredes) erwähnt, dass Vera seiner verstorbenen Frau zum Verwechseln ähnelt. Was ist die Verbindung?

Es ist eine Geschichte offener Rätsel, dunkler Familiengeheimnisse, schicksalhafter Begegnungen und unerwarteter Wendungen. Pedro Almodóvar, der mit „Die Haut, in der ich wohne“ ziemlich frei Thierry Jonquets gleichnamigen Roman adaptiert, ist sichtlich in seinem Element, reicht über Rückblenden und Träume Informationen nach, nur um weitere Fragen aufzuwerfen, und jongliert gekonnt mit Genres. Eine Geschichte von reinstem Body Horror, angereichert um Thriller- und Science-Fiction-Elemente, verwandelt sich unter seiner Regie in ein typisches Almodóvar-Melodram, das, farbenprächtig ausgestattet und perfekt beleuchtet, bisweilen bewusst die Grenze zum Trivialen, zur Telenovela, zu Kitsch und Camp überschreitet.

Almodóvars ästhetisches Programm verbindet sich ideal mit dem titelgebenden Thema der Oberfläche, neben dem er ein zweites Leitmotiv etabliert. In jeder Zeitebene des Films ist ein Mensch eingesperrt, erst Vera, dann Ledgards Frau, anschließend seine Tochter und schließlich ein junger Mann namens Vicente (Jan Cornet). Verbindungen drängen sich auf: Wie ist das mit dem „Wohnen“ in der Haut? Ist der Mensch nicht eigentlich in ihr eingesperrt? Oder lässt sich vielleicht von einer Haut in eine andere umziehen? Kann ein Mensch einen anderen in einer Haut gefangen halten? Explizit wie selten befasst sich Almodóvar mit seinem Lieblingsthema Identität, vor allem: sexuelle Identität.

Erstmals seit über zwanzig Jahren auch arbeiten Pedro Almodóvar und Antonio Banderas wieder in einem Film zusammen – beide verhalfen sich Anfang der achtziger Jahre gegenseitig zum Durchbruch und drehten bis 1990 fünf gemeinsame Filme. Banderas brilliert in der Rolle des skrupellosen Dr. Ledgard, sein minimalistisches Spiel eröffnet ein Assoziationsfeld, das von mythischen Vorgängern wie Prometheus und Pygmalion über den von seiner Arbeit besessenen Halbgott in Weiß eines beliebigen Arztromans bis zu Dr. Frankenstein und Scottie Ferguson aus Hitchcocks „Vertigo“ reicht. An die Komplexität von „Vertigo“ jedoch kommt die Geschichte um Obsession, Perversion, Vergewaltigung, Selbstmord und Rache nicht heran. Anders als Hitchcock interessiert sich Almodóvar nun einmal mehr für die Haut als für ihren Bewohner.

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