Kultur : Die fetten Jahre kommen noch

Es begann im Eimer: Das Berliner Independent-Label Kitty-Yo feiert heute seinen 10. Geburtstag

Sebastian Handke

Zwei Jahre nach dem Mauerfall, eine Stadt im Aufbruch. Einer steht zur rechten Zeit am rechten Fleck, und etwas Großes nimmt seinen Anfang. In diesem Fall ist es Raik Hölzel, er steht bei einem Konzert im alten Eimer Club, und liest beiläufig den Flyer einer unbekannten Band. Die Band heißt Surrogat, ihr Sänger Patrick Wagner, und sie beeindruckt den Antiquar Hölzel so sehr, dass er von seinem Ersparten drei Vinyl-Singles produziert. Mit den jungen Bands Surrogat, Kerosin und Wuhling. So entstand Hölzels und Wagners Plattenfirma Kitty-Yo. Heute feiert sie ihr Zehnjähriges.

Eine Erfolgsgeschichte, mitten in der Branchenkrise. Vor zehn Jahren betätigte sich Hölzel aufs Geratewohl mit dem damals viel zu hohen Betrag von 7000 DM als Underground-Mäzen – und hatte noch keinen Gedanken daran verschwendet, dass Platten auch verkauft werden wollen. Doch auf Konzerten und Partys fing schon das Tuscheln an: der Raik von Kitty-Yo, das ist doch dieses respektierte Label! „Ich dachte: habt ihr sie noch alle? Ich habe gerade erst drei Singles gemacht – und die kaufte kaum einer.“ Es war der erste Hype. Andere sollten folgen.

Gerüchte schaffen Fakten. Allmählich wurden Platten verkauft – die erste angeblich in Japan. „Ich bin damals tatsächlich nach Tokyo gefahren und in die Läden gegangen“, erzählt Hölzel. „ Die haben mir das seltene Vinyl aus Berlin förmlich aus der Hand gerissen.“ Die langen Bastelstunden an den Faltboxen für die Singles hatten sich gelohnt. Im Stammland taten sich die Kitty-Yos trotz ehrfürchtiger Mundpropaganda schwer. Ein Musikvertrieb gab ihnen den denkwürdigen Satz mit auf den Weg: „Es gibt kein Interesse an interessanter Musik.“ In England, der Schweiz, Japan und den USA dagegen schon. Denn mit seinen ersten Platten hatte Kitty-Yo dort, wo deutsche Musik noch immer mit den Einstürzenden Neubauten, Kraftwerk und Krautrock assoziiert wird, unwissentlich einen brachliegenden Markt bedient. Die Picture Disc von „To Rococo Rot“, der erste kommerzielle Erfolg, bot die richtige Musik zur richtigen Zeit – irgendwo zwischen Indierock und der aufkommenden elektronischen Musik. Die Platten von „Tarwater“, „Surrogat“, „Kante“ und „Laub“ feierte die Musikpresse und der jüngst verstorbene Radio-DJ John Peel spielte alle Kitty-Platten in seiner Sendung. Die Zahlen sahen weniger gut aus. Im Zehn-qm-Büro in der Brunnenstrasse löste man damals ungestempelte Briefmarken von der Post ab und bis vor kurzem lebten die Kittys noch vom Kellnern.

Die Vielfalt war von Anfang an Programm. „Die Leute müssen eher menschlich zu uns passen als musikalisch, denn wir bauen unsere Künstler langfristig auf. Das braucht Vertrauen.“ Der gefeiterte Liedermacher Maximilian Hecker, der im Januar sein drittes Album „Lady Sleep“ veröffentlichen wird, bestätigt das: „In meinem Vertrag steht tatsächlich, dass im Zweifelsfall der Künstler die letzte Entscheidung hat.“

Und Kitty-Yo-Neuzugang Richard Davis kann sich keine bessere Heimat für seine dunkle Mixtur aus House und Pop vorstellen. „Die können genauso gut mit House umgehen wie ein Techno-Label. Wenn ich aber auf die Idee käme, Bläser einzusetzen, würden sie sogar sagen: toll!“ Wenn Kitty-Yo nun mit neuen Künstlern und dem neuen Sublabel „Kyo“ einen Neuanfang wagt, wird einer nicht mehr dabei sein. „Patrick Wagner war das Großmaul von Kitty-Yo, im gutem wie in schlechtem Sinne“ steht auf der Website von Kitty-Yo. Das klingt weniger nett. Wer mit Leidenschaft für eine Sache streitet, kann sich darüber eben auch zerstreiten – bis vors Gericht. „Das Kraftvolle und der Mut zum Risiko fehlte mir am Ende“, sagt Patrick Wagner, der heute sein eigenes Label „Louisville“ hat.

Die neuen Platten klingen eher zahm – für ein Label, dass den Noise-Rock von Surrogat, aggressive Erotik von Peaches oder glamouröses Elektropop-Entertainment von Gonzales im Programm hatte. Raik Hölzel nennt es Konsolidierung: „Berlin und Kitty-Yo haben noch alle Hypes überstanden. Jetzt kann man in Ruhe an Qualität arbeiten.“

Geburtstagskonzert heute in der Volksbühne (Rosa-Luxemburg-Platz, 21.30 Uhr) . Zum Jubiläum erscheint die Doppel-CD „Team Kitty-Yo"(K-Y/Rough Trade).

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