Die Fotos von Pieter Hugo : Hölle auf Erden

Bilder von den Rändern der Gesellschaft: Das Kunstmuseum Wolfsburg widmet dem südafrikanischen Fotografen Pieter Hugo erstmals eine Einzelausstellung in Deutschland.

Schrott für die Welt. "David Akore, Agbogbloshie Market, Accra, Ghana" aus der Serie "Permanent Error". In einem Stadtteil von Accra schlachten Einwohner auf Kosten ihrer Gesundheit den Elektroschrott aus, den westliche Wohlstandsgesellschaften gut entsorgt glauben.
Schrott für die Welt. "David Akore, Agbogbloshie Market, Accra, Ghana" aus der Serie "Permanent Error". In einem Stadtteil von...Foto: Pieter Hugo

Pieter Hugo mag das nicht, man sieht es ihm an. Im Zentrum der Aufmerksamkeit sein, fotografiert und befragt zu werden. Da steht er, breitbeinig in seiner Ausstellung „Between the Devil and the Deep Blue Sea“, mit verschränkten Armen, auf denen Tattoos unter dem schwarzen T- Shirt sichtbar werden. Schließlich zückt er selbst sein Smartphone und knipst seinerseits die Journalisten. Die Schar ist groß, denn der Fotograf aus Südafrika macht seit Jahren Furore. Wer seine Aufnahmen von Wanderartisten mit Hyänen oder die Slumbewohner von Ghanas Hauptstadt Accra auf den Schrottbergen der Zivilisation nur einmal gesehen hat, vergisst diese Bilder nicht.

Hugo geht dorthin, wo der Himmel dunkel von verbrennenden Kunststoffen ist und die Luft toxisch. Oder gleich die ganze Landschaft wie in Ruanda. Im Land des Völkermordes an den Tutsi hat er für seinen Zyklus „1994“ Kinder fotografiert, die lange nach dem Genozid geboren sind, aber so ernst in die Kamera schauen, dass man glaubt, jeder Quadratmeter ihrer Umgebung sei kontaminiert und dünste dies weiterhin aus.

Kinder, sagt Hugo, habe er früher eigentlich übersehen. Inzwischen ist der 40-Jährige selbst Vater und das Thema so wichtig für ihn geworden, dass er seine Retrospektive im Kunstmuseum Wolfsburg – die erste große Ausstellung in Deutschland überhaupt – mit großen Abzügen von „1994“ beginnt. Dabei steht sein Werk originär für etwas anderes: Seit Hugo 2004 seine Arbeit als Fotoreporter aufgegeben hat, um künstlerisch frei(er) zu arbeiten, macht er die kolonialen Spuren in Afrika sichtbar.

Dass sie bis in die Gegenwart reichen, bezweifelt man nach seinen bitteren Bildern aus Agbogbloshie nicht mehr. Der Stadtteil von Accra ist Himmel und Hölle, weil sich im globalen Elektronikmüll jene Rohstoffe verbergen, durch deren Verkauf die Slumbewohner überleben. Dafür müssen sie die Handys und Laptops mit Feuer zerstören – was so viel Gift freisetzt, dass jeder hier seine Gesundheit ruiniert. Hugo hat Agbogbloshie zweimal besucht und die Bewohner porträtiert. Einzeln treten sie für die Serie „Permanent Error“ (2009/10) vor seine Kamera, blicken ihn kurz und intensiv an – und sind schon auf dem Sprung zurück zur einzigen Arbeit, die es hier gibt.

„Permanent Error“, das ist das Ende sich türmender Fernseher und Computer. Aber auch ein Fehler im System: Während wir uns im Glauben an ein umweltfreundliches Recycling unseres Mülls beruhigt zurücklehnen, recherchiert Hugo an den Rändern dieser Wahrnehmung. Das Ergebnis sind – bei allem sichtbaren Elend – hoch ästhetische Aufnahmen, die Hinschauen erzwingen. Und sei es, weil man die Motive oft nicht sogleich versteht.

Pieter Hugo taucht selbst in seinen Fotografien auf

Dazu zählt „There’s a Place in Hell for Me and My Friends“, eine Porträtserie von 2011/12. Es sind Freunde, die wie der Künstler in Südafrika geboren wurden oder das Land „zu ihrer Heimat gemacht haben“, schreibt er in seiner Erläuterung. Und auch, weshalb ihre Gesichter so fleckig erscheinen. Hugo hat die Farbaufnahmen konvertiert. Auf diese Weise werden die von „UV-Strahlen verursachten Hautschäden“ sichtbar: Je hellhäutiger die Freunde sind, desto stärker wirkt die Sonne unter der Haut. Man kann das als Fall für den Dermatologen betrachten. Oder als eine subtile Provokation. Wem gehört dieses Land? Wer war schon immer hier und ist akklimatisiert?

Die erste Frage beantwortet Hugo mit zwei Aufnahmen der Reihe „Kin“. Aus der Vogelperspektive erkennt man Johannesburgs Kontraste. Ein trockener Slum neben einer aufgeräumten „Gated Community“ mit Pools in den Vorgärten. Auf der anderen Seite lässt Hugo auch die abgehängten Weißen nicht aus. Obdachlose, sozial Schwache und die seltenen Momente einer über die Ethnien hinausreichenden Solidarität – ein weißes Paar, das zur Untermiete bei einer schwarzen Familie wohnt, seit der Mann bei einem Arbeitsunfall sein Bein verlor, und sich um den Sohn des kranken Vermieters kümmert. Der Künstler taucht als Porträt ebenfalls immer wieder auf. Hugo hütet sich vor expliziter Sozialkritik wie vor den Handys der Journalisten. Dass er sich dennoch selbst fotografisch einreiht und nach seinem Platz in dieser disparaten Gesellschaft befragt, macht ihn zum Involvierten statt zum beobachtenden Voyeur.

Im grandiosen Katalog zur Ausstellung wird gleich mehrfach auf August Sanders neusachliche Menschenbilder vom Beginn des 20. Jahrhunderts verwiesen. Ähnlichkeiten sind vorhanden, was die Unmittelbarkeit der Bildnisse oder die Einbettung in den jeweiligen Lebens- und Arbeitskontext betrifft. Die Anziehungskraft der Motive von Hugo basiert häufig auf den Widersprüchen etwa der Serie „The Hyena & Other Men“ (2005/07). Hyänen in der Naturfotografie sind Alltag, in den Straßen von Lagos aber, wo die „Hyänenmänner“ die Tiere an Leinen wie Riesenhunde ausführen, werden sie zur Freakshow. Dies unterscheidet sie von Sanders’ Aufnahmen, der Randexistenzen wenig Aufmerksamkeit schenkte. Pieter Hugo nimmt sich nicht aus, wenn er den Sohn nackt vor sich hält, der mit Babyglatze und zerknautschtem Gesicht dem Vater auf dem Doppelporträt unendlich ähnelt.

In jüngerer Zeit dehnt der Künstler seine Reisen aus. „Californian Wildflowers“ (2014/15) ist ein Resultat seiner Recherchen in San Francisco und Los Angeles. Wo er fotografiert hat, leben jene, für die der „American Way of Life“ leeres Versprechen bleibt. Die berührenden Impressionen von Verlierern zeigen allerdings auch Hugos Grenzen auf – wenn man sie mit seiner jüngsten Serie „Flat Noodle Soup Talk“ vergleicht.

Ein Aufenthalt in Peking war der Anlass, die junge, vom Konsum verwöhnte Gesellschaft abzulichten. Als „entfremdet und dekadent“ beschreibt sie der Fotograf. Doch die Bilder dazu bleiben merkwürdig stumm. Vier Wochen reichen nicht, so scheint es, um die Fassade einer Kultur aufzubrechen, in die man nicht geboren wurde.

Kunstmuseum Wolfsburg, bis 23. 7., Katalog (Prestel Verlag) 32 € bzw. 49,95 €.

1 Kommentar

Neuester Kommentar