Kultur : Die gebrochene Blume

Bewegend: „Tanja – Life in Movement“ im Kino.

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Höhenflug. Tanja Liedtkes Leben endete tragisch mitten im Aufwind. Foto: Verleih
Höhenflug. Tanja Liedtkes Leben endete tragisch mitten im Aufwind. Foto: Verleih

Schon in der ersten Szene verliebt man sich in den rothaarigen Wirbelwind. Da erzählt die Choreografin Tanja Liedtke amüsiert, wie sie als Dreijährige mal gefragt wurde, was sie werden wolle. „Eine Blume“, antwortete sie prompt. Die Reaktionen der Erwachsenen kann man sich ausmalen. Doch dann sah sie eine Schulaufführung des Blumenwalzers – und war fortan überzeugt: „Man kann doch eine Blume sein!“

Kein Zweifel, Tanja Liedtke hatte den Mut zum Träumen. Und fast hätte sich ihr großer Traum erfüllt. Mit nur 29 Jahren wurde sie zur Leiterin der berühmten Sydney Dance Company ernannt. Doch ehe die 1977 in Stuttgart geborene Tänzerin und Choreografin sich ihrer neuen Aufgabe widmen konnte, kam sie bei einem Verkehrsunfall in Sydney ums Leben. Sie wurde von einem Müllwagen überfahren.

Bryan Masons und Sophie Hydes berührende Hommage „Tanja – Life in Movement“ will die Erinnerung an diese außergewöhnliche Künstlerin, an ihre wilde Lebens- und Tanzlust und unbändige Kreativität lebendig halten. Frühe Aufnahmen zeigen Liedtke als schlaksige Ballett-Elevin, die aus dem Spind springt und Grimassen schneidet – eine ähnliche Szene findet sich in ihrer Choreografie „The Twelfth Floor“, die das erzwungene Zusammenleben von Menschen thematisiert. Einmal versetzt sich Liedtke, allein im Probenraum, schallende Ohrfeigen und ruft: „Reiß dich zusammen!“ Dann wieder hüpft sie mit einem Jutebeutel überm Kopf durchs Schlafzimmer, im Hintergrund die nächtliche Skyline von Sidney.

Tanja Liedtke war lustig, verrückt. hatte Hinreißendes und Mitreißendes, aber sie plagte sich ebenso sehr mit Selbstzweifeln. Wie alle starken Menschen hatte sie eine zerbrechliche Seite, meint der britische Choreograf Lloyd Newson. Von dieser Fragilität erzählen auch ihre Choreografien, die sich durch eine eigenwillige Bewegungssprache und wunderbaren Humor auszeichnen.

Neben dem Lebensgefährten Solon Ulbrich und Familienmitgliedern kommen auch die Tänzer ihrer Company zu Wort. Die beiden Regisseure begleiteten sie, anderthalb Jahre nach Liedtkes Tod, auf einer Welttournee. Wie geht es für die Tänzer ohne die Inspiratorin weiter, deren Erbe sie mit ihrem Körper zu bewahren suchen? Der Film lässt sich auch als Trauerarbeit begreifen – ähnlich wie „Pina“von Wim Wenders. Dessen Hommage an die verstorbene Choreografin Pina Bausch geriet aber arg weihevoll. „Tanja – Life in Movement“ hat nichts von einer Hagiografie. Ein Leben ist jäh abgebrochen, ein Werk bleibt unvollendet: Das macht der Film auf schmerzhafte Weise bewusst. Sandra Luzina

Bali, Eiszeit, Eva, Lichtblick

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