Kultur : Die Gefängniszelle ist das Herz des Staates

Dessau und der Todesfall Oury Jalloh: eine theatrale Stadtbegehung

Nantke Garrelt

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit!“, ruft der Afrikaner in Zweispitz und Frack aus gelbem Stoff über Beethovens Neunte hinweg. Jamal Kalif aus Mogadischu spielt den Franz, Abak Safaei-Rad die Luise aus Schillers „Kabale und Liebe“. Die beiden sind anscheinend einwandfrei europäisiert, haben die Aufklärung in sich aufgesogen. Was zum perfekten Europäer jetzt noch fehlt, ist ein Pass. Mag da nicht mal jemand aushelfen? Kein Problem, Passfee Franzi bringt den Kasten mit den zuvor eingesammelten Ausweisen der Besucher. Nun ist Franz Rechtsanwalt und glücklicher Deutscher.

Die Parodie auf die Multikulti-Gesellschaft spielt im Zentrum von Dessau, gegenüber von dem Park, in dem vor elf Jahren der Mosambikaner Alberto Adriano zu Tode geprügelt wurde. Einen Kilometer Luftlinie entfernt, im Polizeirevier der Stadt, verbrannte am 7. Mai 2005 Oury Jalloh: 36 Jahre, aus Sierra Leone, ein Geduldeter, dessen Asylantrag abgelehnt worden war. Wenige Wochen vor seinem Tod hatte man ihn zu dreieinhalb Jahren Gefängnis wegen Drogenhandels verurteilt. „Dieser Oury Jalloh war ja auch kein Waisenknabe!“, ist ein Satz, den die Mitarbeiter von Regisseurin Nina Gühlstorff im Vorfeld zu ihrem Stück oft von Dessauern gehört haben. Die häufigste Aussage aber war: „Solange der Prozess läuft, kann ich keine Auskunft geben.“ Da das Ende des Gerichtsverfahrens am Magdeburger Landgericht nicht abzusehen ist, beruft eine Handpuppe kurzerhand ihre eigene Gerichtsverhandlung ein und ruft die Stadt Dessau in den Zeugenstand. Doch die erscheint nicht.

Wer also will in so einer Stadt eine Stadtführung machen? Genau das ist die Idee von „Schwarzweiß“, einer theatralen Stadtbegehung des Anhaltischen Theaters. Es nimmt den Fall Oury Jalloh zum Anlass, das Publikum an Orte zu bringen, die es sonst höchstwahrscheinlich nur selten oder gar nicht betritt. Das Bauhaus wird ignoriert, stattdessen wird Station in einer Moschee, einem afrikanischen Telecafé und einer Moschee gemacht. Dort sprechen Schauspieler die Interviews mit den Dessauern nach.

Ganz am Anfang warnt eine Polizistenpuppe: „Auch Sie könnten Zeuge vom Hörensagen werden!“ Doch sind es gerade die hier vorgeführten subjektiven Versionen der Dessauer, die mehr Aufschluss über die Geschichte des Oury Jalloh geben als offizielle Verlautbarungen. Hans-Jürgen Müller-Hohensee spielt einen altgedienten Polizisten, der leise schildert, wie institutionelle Mauern zustande kommen. Sein junger Kollege (Jan Kersjes) ruft dagegen: „Die Zelle ist das Herz des Staates!“ Gibt es also doch den „guten und den schlechten Bullen“? Solche eindeutigen Kategorien werden dem Zuschauer hier abgewöhnt. Der junge Polizist hat schon längst keine Gewissensbisse mehr, wenn er bei Demonstrationen den Schlagstock einsetzt. Er fordert Gerechtigkeit, hat aber den Glauben daran verloren. Einmal taucht eine Schweizerin auf, die von ihrem Luxusleben im Senegal berichtet. Sie fordert Integration, ist aber selbst nicht bereit dazu. Erkenntnisreich, wie hier der Diskurs über den Fall Jalloh hinaus geweitet wird. „Verantwortung, Dialog, Menschenwürde“ steht auf den Kaftanen und Mützen, die sich die Zuschauer anziehen müssen.

Geschickt thematisiert die Inszenierung auch die Performativität von Hautfarben. „Warum spielt das hier kein Schwarzer?“ schreit Abak Safaei-Rad den Schauspieler Mathieu Svetchine an, während er die Geschichte eines in Deutschland lebenden Afrikaners erzählt. Svetchine schmiert sich braune Schuhcreme ins weiße Gesicht und versucht vergeblich, die Farbe wieder abzuwaschen. Im „Afrika Döner“ schildert er die „Angst vorm schwarzen Mann“ beim Besuch in Johannesburg als einziger Weißer. „Das Gefühl wünsche ich jedem Deutschen.“ Erfahrenswert auch die Erzählung des Imams der Dessauer Moschee vom Freitagsgottesdienst und vom Totengebet für den Muslim Oury Jalloh. Der Leichnam sei zu verkohlt gewesen, sagt er, um an ihm die letzte Waschung vorzunehmen. Nantke Garrelts

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