Kultur : Die gefühlte Bedrohung

Mit Yassin Musharbashs „Radikal“ erscheint endlich ein glaubhafter Roman über Terrorismus in Deutschland / Von Hatice Akyün

Yassin Musharbash, Autor des Romans „Radikal“, ist kein Muslim, auch wenn sein Name dies auf den ersten Blick vermuten lässt. Als Sohn eines Jordaniers und einer Deutschen weiß er, wovon er schreibt. Nicht, weil er einen Migrationshintergrund hat, der oft schon ausreicht, eine Kompetenz für Integration bis Islamismus zugeschrieben zu bekommen. Nein, Musharbash hat sich sein Wissen durch Studium und Weiterbildung erarbeitet. Er hat Arabistik und Politologie in Göttingen und an der Bir Zeit University in Palästina studiert und berichtet für „Spiegel Online“ über das Terrornetzwerk Al Qaida. Dass Yassin Musharbashs Vater zur christlichen Minderheit in Jordanien gehört,spricht ihn einmal mehr vom Vorwurf des Kuschelmuslim frei.

Musharbash ist mit „Radikal“ etwas gelungen, was längst überfällig war. Er beschreibt anhand realer Umstände das politische Umfeld und die Stimmungen in Deutschland und entwickelt um einen Terroranschlag in Berlin herum ein Szenario, das dem Leser Einblicke in die Strukturen des Islamismus, der staatlichen Abwehrmaßnahmen, der Medien und der Bedrohung unserer Freiheit durch organisierte Islamophobie gibt.

Da gibt es den charismatischen Politiker Lutfi Latif, einen Seiteneinsteiger. Er hat einen ägyptischen Migrationshintergrund und die Mission, in Deutschland einem liberalen Islam den Weg zu bereiten. Musharbash verortet ihn bei den Grünen, wo er als deutscher Barack Obama Karriere macht. Das weitere Personal: Sumaya, eine junge Deutsch-Libanesin, die als Mitarbeiterin bei Latif anheuert. Samuel Sonntag, der sich Samson nennt, und als Rechercheur und Zulieferer von Informationen die islamistische Szene beobachtet – auch weil er ein Geheimnis hütet, das mit dem 11. September 2001 zu tun hat. Ansgar Dengelow, ein ausgebrannter Ermittler des Bundeskriminalamts, dem eine Ehekrise zusetzt. Ein Staatssekretär der Innenbehörde, der einen Zirkel islamfeindlicher Aktivisten anführt, eine Hauptstadtkorrespondentin und ihr Presseorgan, das unter Leitung grauer Eminenzen Meinungen instrumentalisiert, der getreue Studienfreund vom Verfassungsschutz und der Cousin, der ein Internetcafé in Kreuzberg betreibt.

Jeder Charakter spiegelt also auch eine Facette unserer Gesellschaft und der terroristischen Bedrohung wider. Die Geschichte ist schnell erzählt: Der neue Stern am Himmel der Bundespolitik wird nach seiner Wahl in den Bundestag von vorgeblich islamistischer Seite massiv bedroht (allerdings auch von islamophober Seite, was anfänglich vernachlässigt wird). Das ruft das BKA und die Hauptstadtpresse auf den Plan. Ein externer Sicherheitsberater, Samson, wird hinzugezogen. Es kommt zum Attentat, das geradezu zwangsläufig dem islamistischen Terrorismus zugeordnet wird. Dem Sicherheitsberater und seiner Mitarbeiterin kommen Zweifel, also schleust er sich in den Zirkel der islamfeindlichen Aktivisten ein.

Das alles ist ungeheuer spannend und faktenreich erzählt. Man erfährt viel über das Empfinden der Immigranten, über das Nebeneinander und Gegeneinander der Sicherheitsbehörden, über intellektuell gesteuerte Vorbehalte gegen den Islam. Man bekommt ein Gefühl dafür, wie weit weg die Bedrohung ist und als wie nah sie dennoch empfunden wird. Das liegt nicht nur am Wesen des Terrorismus, sondern auch an den Automatismen, die wir wie Leitplanken in unsere Wahrnehmung eingezogen haben. Und man lernt, wie leicht es ist, Ressentiments gegen Mitbürger mit dem sogenannten Migrationshintergrund zu bedienen und feindliche Reflexe auszulösen.

Die Beschreibung der Medienlandschaft reizt bei der Lektüre oft zum Lachen. Ein Lachen allerdings, das einem im Halse stecken bleibt. Yassin Musharbash zeigt, wie eine Abschreiberjournaille staatlich gelenkte Feindbilder reproduziert, anstatt sie kritisch zu hinterfragen. Es findet kein Diskurs statt, sondern man muss sich zuerst das richtige Schild umhängen, bevor man das Wort ergreift. Hier liegt die Stärke des Buchs: etwas Reales zu beschreiben und gleichzeitig darauf hinzuweisen , wie wir auf bestimmte Reize konditioniert sind.

Die Begeisterung für das Buch wird durch zweierlei eingeschränkt. In einem Kapitel wird der Sicherheitsberater in den inneren Zirkel der islamfeindlichen Organisation eingeschleust. Das riecht zu sehr nach Wagenburg. Was umso mehr stört, da der Typus des Islamhassers ansonsten plastisch beschrieben wird. Musharbashs fantastisch aufgebaute Thesen werden dadurch ein wenig entwertet. Und die Liebesgeschichte zwischen dem Sicherheitsberater und der Mitarbeiterin setzt die Liebesfähigkeit der Beteiligten voraus. Die wirkt allerdings aufgepfropft. Am Ende des Romanssind sie ein Paar, ohne sich ein einziges Mal geküsst zu haben.

Yassin Musharbash hat mit „Radikal“ ein Buch geschrieben, das auf unterhaltsame Weise schwierige Fragen stellt. Wenn der Autor am heutigen Dienstag in der Berliner Volksbühne sein Buch vorstellt, wird neben der Journalistin Carolin Emcke auch der Bundestagsabgeordnete der Grünen Omid Nouripour dabei sein. Musharbash liest aus dem Roman, Nouripour wird von Drohungen der Islamisten und von Islamhassern berichten. Fiktion trifft auf Realität. Eine unheimliche Mischung.

Yassin Musharbash stellt sein Buch am heutigen Dienstag um 20 Uhr im Roten Salon der Volksbühne mit Omid Nouripour und Carolin Emcke vor. – Hatice Akyün lebt als Schriftstellerin in Berlin. Ihre Tagesspiegel-Kolumne erscheint jeden Montag im Berlinteil.











Yassin Musharbash:
Radikal.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011,

336 Seiten, 14,90 €.

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