Die Geschichte der Pop- und Musikzeitschrift "Spex" : Eine sentimentale Erziehung

Vom Magazin zum Kultobjekt: Ein Buch dokumentiert die Geschichte der „Spex“ und 33 1/3 Jahre Pop - und wie diese Zeitschrift das Denken und Schreiben über die Popkultur veränderte.

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Spex-Titel aus dem Oktober 1981, damals noch schwarzweiß und im Din-A-3-Format
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Foto: repro/tsp/Archiv
06.03.2013 16:50Spex-Titel aus dem Oktober 1981, damals noch schwarzweiß und im Din-A-3-Format

Der Titel dieses „Spex“-Buches ist schön doppeldeutig. „33 1/3 Jahre Pop“, das weist auf die lange Zeit hin, die das Popkulturmagazin seit seiner Gründung 1980 in Köln durchgängig existiert. Ein „Akt der Selbstvergewisserung und der Manifestation von Gegenöffentlichkeit“ sei das damals gewesen, so Peter Bömmels, einer der sechs Mitbegründer. Die Zahl im Titel erinnert aber unweigerlich auch an die gute alte Schallplatte, das Vinylalbum mit seinen 33 1/3 Umdrehungen pro Minute auf dem Plattenteller. Die „Spex“, diese Analogie liegt nahe, ist also ein genauso historisches Medium wie das Vinylalbum. Beide haben ungeheure popkulturelle Verdienste, führen jedoch heutzutage ein Nischendasein.

Diese Veröffentlichung durch den neugegründeten, zum Berliner Aufbau-Haus gehörenden Metrolit-Verlag passt ins Bild. Denn das Buch hat rein dokumentarischen Charakter, um nicht zu sagen, dass es die „Spex“ fit fürs Museum macht. „33 1/3 Jahre Pop“ präsentiert über siebzig Texte aus den „Spex“-Ausgaben von 1980 bis heute. „Schlüsseltexte“ seien das, glauben die Herausgeber Anne Waak und Max Dax, der nach dem Unzug nach Berlin 2006 bis 2010 „Spex“-Chefredakteur war. Sie wollen damit den Versuch wagen, so Dax im Vorwort, „Kontinuitäten und Brüche einer über drei Jahrzehnte währenden Sprachfindung offenzulegen – einer kontinuierlichen Praxis der Selbstvergewisserung, die nicht nur veränderte, wie wir über die Musik und die Popkultur denken, sondern en passant unser Denken neu sortierte.“

Mal abgesehen davon, dass solche verkrumpelten Sätze immer eines der Probleme der Zeitschrift waren, sie das heute noch manchmal sind, dass Sprachfindung das eine ist, komplizierte Sachverhalte einfach auszudrücken das andere – abgesehen davon stimmt es: Die „Spex“ hat gerade in den achtziger und zum Teil in den neunziger Jahren das Denken über Popmusik und -kultur verändert, das Schreiben darüber, den Stellenwert von Pop im Kulturbetrieb überhaupt. Sie dürfte manche Biografie verändert oder gar geprägt haben, sie hat Haltungen, Denkweisen und Geschmack ihrer Leserschaft entscheidend beeinflusst.

Denn es ging in dem Blatt zwar immer hauptsächlich um Popmusik, um neue Platten, um neue, manchmal berühmte Bands. Und von Beginn an kümmerte sich die Redaktion auch um die Popmusik-Historie. Wenn etwa die Diederichsen-Brüder mit den musizierenden Gebrüdern Nikki Sudden und Epic Soundtracks 1986 in einem Gespräch das damals schon beachtliche Werk von Neil Young einzuordnen versuchten. Oder wenn man an tote Helden wie Arthur Lee erinnerte oder Musiker wie Alex Chilton oder Robert Wyatt porträtierte.

Unübersehbar und effektiv beschäftigte sich die Redaktion aber auch mit zeitgenössischer Kunst, so in den Kolumnen von Mrs. Benway, wie sich die langjährige „Spex“-Herausgeberin Jutta Koether in ihrer Eigenschaft als Kunstkritikerin nannte; Künstler wie Albert Oehlen und Martin Kippenberger gehörten zum Umfeld der „Spex“. Dann wurde hier eine bestimmte Art von Literatur vorgestellt, die Vorläuferin der Ende der neunziger Jahre im etablierten Literaturbetrieb reüssierenden Popliteratur. Und man beschäftigte sich mit Politik und Theorie, mit linker Politik und französischer Theorie, wobei das eine das andere nicht ausschloss. Schnell wurde im Lauf der Zeit offensichtlich, dass die Politik der Grünen, die ja ebenfalls 1980 gegründet wurden, die grüne Bewegung überhaupt, und die vitale, sich in den achtziger Jahren erstmals ausdifferenzierende Popkultur auf zwei sehr unterschiedlichen Planeten zuhause waren. Oder der real existierende Lotterpunk der Fußgängerzonen und der Postpunk englischer und amerikanischer Prägung. Subversion durch Stil war das Gebot der Stunde. Oder auch Widerstand durch Affirmation, das „große Ja in der modernen Welt des permanenten Nein", wie es der Schriftsteller und Musiker Thomas Meinecke formulierte.

Ein exemplarisches Heft ist das vom Februar 1984, mit dem Soft-Cell-Sänger Marc Almond auf dem Cover. Darin findet sich vorn der für Musikzeitschriften übliche Teil mit Gossip und Mitteilungen über Bands wie die Chameleons, Tödliche Doris oder über Herbie Hancock; unvermittelt taucht dazwischen jedoch eine Seite mit einer Kritik über John Carpenters Film „Christine“ und einem Kommentar zur Kießling-Wörner-Affäre auf. Das Fundament dieser Ausgabe ist natürlich ein großer Musikteil. Dazu aber gibt es ein Interview mit dem „Konkret“–Herausgeber Hermann L. Gremliza; eine Reportage über Schallplattengeschäfte (ausgerechnet! Den „Nur-vom-Feinsten-Laden“, den aber findet der Reporter nicht). Und einen fünfseitigen Wutausbruch von Rainald Goetz, der sich darüber beklagt, dass „das, was mit Abstand das Beste sein könnte, der Popjournalismus, bei uns mit Abstand das lächerlichste, doofste, armseligste ist.“

Die „Spex“ sorgte für Abhilfe. Das Magazin vermittelte den besseren Geschmack, das coolere Wissen, die korrektere Weltanschauung. Im günstigsten Fall gelang ihren Autoren und Autorinnen all das beim Schreiben über einen Song, ein Album, eine Band. In ungünstigeren Fällen, die es natürlich auch viele gab, unterschieden sich „Spex“-Texte nicht von denen anderer Musikzeitschriften. Der Anspruch aber war, dass Popmusik mehr als nur der Klang einer Gitarre oder die gelungene Zusammenarbeit von Musikern zu sein hatte, sondern auch auf gesellschaftliche, von bestimmten Szenen und Subszenen ausgehende Entwicklungen hinwies.

Der legendäre Ruf des Blattes, der gute Name bis heute basiert auf einem Zeitraum bis in die frühen neunziger Jahre. Bis zum Mauerfall war die Welt relativ überschaubar, auch die der Popkultur. Es gab Gut und Böse (oder Schlecht), es gab den Mainstream und die Subkultur, es gab zwar schon viel elektronische Musik, aber noch keinen Techno. Als in Rostock und Hoyerswerda bei den rassistischen Überfällen auf Asylbewerberheime junge Leute gesichtet wurden, die „Malcolm-X“-Kappen und Public-Enemy- oder Dinosaur-Jr-T-Shirts trugen und Diedrich Diederichsen seinen Aufsatz „The Kids are not alright“ schrieb, wurde offensichtlich, dass die Subkultur nicht mehr per se politisch korrekt ist.

So begann auch der schleichende Niedergang der „Spex“. Eine „Dauerkrise“ nannte die „taz“ das im Jahr 2000, nachdem die „Spex“ ihre Unabhängigkeit verloren hatte und an den Münchener Piranha-Verlag verkauft worden war (damals unter anderem verantwortlich für Funsport-Magazine und das „Burger- King“–Magazin). Diese Krise war mitunter selbst verschuldet und hatte auch produktive Momente, wenn es um inhaltliche Richtungskämpfe ging: um mehr HipHop und weniger Rock zum Beispiel. Oder um mehr Techno/House und weniger Rock. Wenngleich für die elektronischen Spielarten von Pop in der „Spex“ niemals eine Erzählweise gefunden werden konnte. Das gelang anderen besser, den mit der Techno-Bewegung aufkommenden Magazinen wie „Frontpage“ „De:Bug“ oder „Groove“. Aber auch das Feuilleton hatte Nachholbedarf, eignete sich „Spex“-Kernkompetenzen (Rock, HipHop, Diskurs) an und bemühte sich erfolgreich um Klarheit im sprachlichen Ausdruck.

Der Popjournalismus war plötzlich überall, und er war respektiert, klug und reich. Die „Spex“ hatte ihre Schuldigkeit getan, ihre Notwendigkeit verloren.

Weshalb „33 1/3 Jahre“ Pop in seiner 500-seitigen Gewichtigkeit auch etwas Abschließendes hat, das Buch der Ikonisierung genauso Vorschub leistet wie man es auf sein Kaffeetischchen legen kann, zum Blättern und Wiedererinnern. Dass die letzten „Spex“-Jahre ebenfalls abgebildet werden, ist verständlich und ehrenvoll. Die späten Texte stammen jedoch meist von Feuilleton-Popredakteuren oder Autoren wie Klaus Theweleit und Georg Seeßlen, sie hätten woanders genauso gut stehen können. Max Dax erklärt, die „Spex“-Geschichte „nicht als Veteranengeschichte erzählen“, sondern gleichzeitig „die bewegte Gegenwart“ abbilden zu wollen. Doch sind es paradoxerweise die Ausgaben unter seiner Ägide, die gut demonstrierten, wie die Zeit über das Blatt hinweggegangen ist.

Dax versuchte, mit der „Spex“ an deren goldene Zeiten anzuknüpfen, sie wieder radikal zu einem nach allen kulturellen Richtungen offenen, geschmacks- und gesinnungsbildenden Popdiskurs-Blatt zu machen. Ein Claude-Lanzmann-Interview, ein Schlingensief-Titel, eine Helene-Hegemann-Debatte – alles schön, toll und gut, aber auch nicht gerade exklusiv, zumal bei einer mitalternden Leserschaft. Da zeichnete sich das „Spex“-Blattmachen nicht zuletzt durch viel sentimentale Verbundenheit aus. Die Gegenöffentlichkeit, der es bei aller Konzentration der Popfeuilletons auf die Bowies, Stones und Madonnas musikalisch, aber auch sonst weiterhin bedarf, die findet man längst woanders. Zum Beispiel im Netz.

Max Dax, Anne Waak (Hg): Spex- 33 1/3 Jahre Pop. Metrolit, Berlin 2013. 480 S. , 28 €

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