Kultur : Die Gitarren des Bösen

Elvis Presley, Nazis und die Vatikan-Connection: In Berlin entsteht der ultimative Verschwörungsfilm

Daniel Völzke

Als alles aus ist, die Rote Armee vor der Stadt, der Untergang ins Haus steht, erinnert sich der Nazi-Physiker Hermann Freiherr von Wildenburg seiner Liebe zum deutschen Liedgut. In einer Wandergitarre versteckt er die letzte Hoffnung des Dritten Reiches: einen Mikrofilm mit dem Rezept für eine Wunderwaffe, die das Blatt noch einmal wenden könnte. Jahre später kauft der junge, in Deutschland stationierte GI Elvis Aron Presley die Gitarre, unter seinen Händen verwandelt sie sich in eine Devotionalie. So wird das Instrument – wieder Jahre später – nicht nur von Neonazis, Geheimdiensten, dem Vatikan und anderen zwielichtigen Organisationen gesucht und gejagt, sondern auch von Elvis-Fans.

Filmfreak und Regisseur Thomas Wind weiß, dass eine Gitarre mehr sein kann als ein Instrument, ein Ring mehr als Schmuck, ein Koffer alle Geheimnisse der Welt verstecken kann. Zusammen mit dem Cutter Werner Bednarz und dem Kameramann Michael Redolfi hat Wind, ebenfalls ausgebildeter Kameramann, das Drehbuch zum Spielfilm „Guitar Men“ geschrieben. In diesem Streifen ist nicht nur die Gitarre doppelt und dreifach mit Bedeutung belegt. Auch fast alle Szenen stehen nicht allein für sich, sondern zitieren Kinogeschichte. Die drei Filmleute, die seit zwanzig Jahren in der Branche arbeiten, spielen mit Versatzstücken aus Western, Science-Fiction, Kung-Fu, Blaxploitation, Gangster- und Actionklamotte.

„Ich habe als Kind, in den frühen siebziger Jahren zu viel Fernsehen geschaut“, erzählt der 39 Jahre alte Thomas Wind. Wenn der Fernseher aus blieb, war er mit dem Großvater im Kino. Nun schleppt Wind, der seine popkulturelle Beschlagenheit auch als DJ Schmackos in Berliner Clubs unter Beweis stellt, ein riesiges Wissen und eine große Liebe für B-Movies mit sich herum. Und dieses Wissen, diese Liebe verdichtet sich zur Vorstellung davon, wie ein erster eigener Kinofilm aussehen müsste. Handkamera, Reißzooms und lange Brennweiten sollen an Eastern und italienische Filme der Siebziger erinnern, der Sound an James Bond, Dialoge und Figuren an halb vergessene Helden auf verlorenen Posten.

„Wir wollen uns vom Sklaventum der Film- und Fernsehwirtschaft befreien, um eigenen Ideen umzusetzen“, erzählt Wind in einer Drehpause. Irgendwann hätten Bednarz, Redolfi und er es satt gehabt, ausschließlich für andere Leute zu arbeiten. So gründeten sie die kleine Film- und TV-Produktionsfirma Killingpictures, die Musikvideos, Werbeclips und kurze Filme produziert.

Doch nach einiger Zeit reichte auch die noch so feine Klitsche nicht mehr: Die drei wollten endlich ihren eigenen Langfilm produzieren, mit allem Pipapo: rasante Verfolgungsjagden, Ninja-Ballett, Erzschurken, Trash und Glamour. Inzwischen ist mit High-Definition-Video ein Filmmaterial auf dem Markt, mit dem sich eine Kino-Ästhetik auch mit überschaubarem Budget herstellen lässt. Dennoch hätten sich die Film-Desperados, die nun auch Produzenten sind, erst mal „kamikazemäßig“ verschuldet, wie es Wind fröhlich ausdrückt. Filmförderung wurde abgelehnt, Kosten für Szenenbild, Kostüme, Drehgenehmigungen, Versicherungen, Wachdienste und Transport summieren sich. „Von dem Geld könnten wir ein paar Mal weit weg in den Urlaub fahren. Aber dieser Film ist uns wichtiger.“

Und so können sie in diesem Sommer loslegen, die Bilder in ihrem Kopf, die Bilder ihrer Kindheit in Szene setzen. Das Las Vegas der Sechziger, Stasizentralen, die flimmernde Hitze von Italo-Western, den Vatikanstaat, das Labor verrückter Wissenschaftler und das Berlin der Zukunft lassen sie im Berlin der Gegenwart entstehen. Im Moment dreht die Crew in einem alten Postamt in Wilmersdorf. Auf einem langen Gang und in einem Zimmer hat die Setdesignerin ein Hong Konger Stundenhotel nachgebaut.

Dazu benutzte sie einen Bildband mit Fotos eines chinesischen Pornofotografen, der in den achtziger Jahren in Rotlichtvierteln Aufnahmen machte. Das flackernde Neonlicht, der Tischventilator, an dem Papierfetzen wehen, die verdreckte Klimaanlage – Einsamkeit kann kaum besser bebildert werden. Den japanischen Killer, der sich im Bordell verkriecht, spielt ein Asiate mit mahlendem Unterkiefer. Der kenne all die zitierten Filme, sagt Wind. „Dem sagt man: Spiel mal ein bisschen mehr wie ‚Sonny Chiba: Der unerbittliche Vollstrecker’ – und er weiß Bescheid.“ Die Besetzung für einen bösen Nazi-Kardinal fand Wind auf dem Flohmarkt: Das Charaktergesicht eines Verkäufers kam ihm aus alten Produktionen bekannt vor, Wind fragte nach, der Mann hatte tatsächlich in den Siebzigern in vielen Low-Budget-Movies gespielt. Stars fehlen. Zwar wären vielleicht auch bekannte Schauspieler für solche Liebhaberexperimente zu haben, doch wollte das Produzententeam unverbrauchte Gesichter, die den Zuschauer nicht sofort in bekannte Zonen führen. Denn obwohl der Film eine Hommage an älteres Genrekino ist, soll er doch für das deutsche Publikum neu und aufregend sein. Und so hofft Wind, dass sich auch ohne Schauspielstars ein Verleih findet, damit der Film Anfang nächsten Jahres im Kino zu sehen ist.

Doch darüber kann man sich später Sorgen machen. Thomas Wind geht in das Achtziger-Jahre-Stundenhotel. Die Crew wartet schon, der Killer auch. An der Wand steht ein Gitarrenkasten und tut, als wäre er ein Requisit unter anderen.

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