Kultur : Die große Illusion

Gemeinsam einsam: spröde, schöne Filme von Barbara Albert und Alain Resnais auf dem Filmfest von Venedig

Jan Schulz-Ojala

Sie sind knapp über dreißig, stehen mitten im Leben oder stehen nur rum mitten in ihrem Leben, und was sie jetzt zusammenführt, ist der Tod. Ihr Klassenlehrer ist gestorben, ein bisschen über fünfzig war er, ein bisschen verliebt waren sie in ihn, oder war da ein bisschen mehr, lange her. Komisches Klassentreffen, so eine Trauerfeier, komisches Wiedersehen, aus dem dann plötzlich anderthalb Tage werden oder auch zwei.

Die Schauspielerin Carmen (Kathrin Resetarits), die Lehrerin Brigitte (Birgit Minichmayr), die Arbeitsamtsangestellte Alex (Ursula Strauss), die hochschwangere und arbeitslose Nina (Nina Proll) und die Freigängerin Nicole (Gabriela Hegedüs) sind die Alltagsheldinnen von Barbara Alberts „Fallen“ – ein schönes zeitweiliges Ensemble eigentlich einsamer Frauen. Sie kommen mehr oder auch deutlich weniger klar mit sich, das entfaltet sich in Gesten, in Erinnerungs- und Gegenwartsfragmenten, während sie weiterziehen in Cafés, in ein Zufallshochzeitszelt und in die Disko „Brooklyn“, die sie noch von damals kennen, und irgendwann spät in der Nacht gibt es Tränen und wird ein Geheimnis weitergesagt und glimmt ein Lagerfeuer aus, wie früher.

Nichts ist neu und überraschend in dem Wettbewerbsbeitrag der Österreicherin, die vor sieben Jahren in Venedig, da war sie selber knapp dreißig, ihren Durchbruch gefeiert hat mit „Nordrand“, wenn man so ein leises Ereignis überhaupt Durchbruch nennen kann. Und doch rührt der scheinbar schmucklos inszenierte Film, der nur mit kurzen Zwischenschnitten Schulzeiterinnerung evoziert, an Tieferes als so manches Überwältigungsgetöse auf diesem Festival – eine feine Studie über jenes Lebensgefühl jenseits der dreißig, wenn die eigene Jugend zum Zitat wird und sich die ersten biografischen Vergeblichkeitsspuren nicht mehr verdecken lassen. Und dass „Fallen“ irgendwann selber ein bisschen ausfranst und ausstrauchelt? Filme, auf denen ein Zauber liegt, dürfen auch mal kein Ende finden.

Von einsamen Menschen, die immerzu unter Menschen sind, erzählt auch der 84-jährige Alain Resnais in „Cœurs“ nach dem Alan-Ayckbourn-Stück „Private Fears in Public Places“ – und er tut es auf die melankomische Weise. Sehr sanft durch Schneegriesel-Überblendungen voneinander getrennt, erzählen diese Short Cuts à la française von einer Art Verliebtheitsunfall zwischen Makler und Sekretärin (sublim aneinander vorbei: André Dussolier und Sabine Azéma), von einem sich entliebenden Ehepaar (schön nervend: Lambert Wilson und Laura Morante), und Pierre Arditi und Isabelle Carré sind, als lebensweiser Barkeeper und liebessüchtiges spätes Mädchen, auch noch da. Glück, so erzählt es dieser unendlich entspannte Film des Altmeisters, gibt es nicht auf dieser Erde, wohl aber die sich stets erneuernde Chance zur Illusion, und das ist doch auch was Feines.

Barbara Albert beobachtet ihr Solitären-Ensemble mit Wärme, Alain Resnais lächelt zärtlich über das seine und lässt seine Protagonisten im klügsten Fall über sich selbst lächeln; Tsai Ming-liang stellt sie bloß hin und aus und vorbei. „Hei Yanquan“, der Wettbewerbsbeitrag des großen Taiwanesen, hat am Lido pure Ratlosigkeit ausgelöst. Ein Arbeiter aus Bangladesh lässt einen kranken Obdachlosen auf seiner Matratze schlafen und pflegt und wäscht ihn; ein junges Mädchen, das abends in einem Schnellrestaurant arbeitet, pflegt und wäscht einen jungen Gelähmten; in endlos langen Plansequenzen zwischen überwiegend stumm bleibenden Figuren geschieht kaum mehr als dies. Wie immer lässt Tsai Ming-liang viel mit Wasser hantieren, wie immer inszeniert er aufregend verkommene Räume – aber kein emotionaler Zugang diesmal, nirgends. Nur ein trauriger Manierismus der Bilder.

Da sehnt sich selbst das ästhetischen Experimenten stets aufgeschlossene Cineastenherz nach Unterhaltung – und bekommt sie dann auf eine Weise geboten, die im Wettbewerb eines A-Festivals denn doch verblüfft. Alfonso Cuarón legt mit der amerikanischen Major-Produktion „Children of Men“ eine futuristische Action-Klamotte hin, dass sich die Balken biegen, und Darren Aronofsky suhlt sich mit „The Fountain“, ebenfalls in US-Großauftrag, 97 lange Minuten lang in Eso-Kitsch. „Children of Men“ führt ins England des Jahres 2027: Nach einer Weltkatastrophe, die die Menschheit vor 18 Jahren unfruchtbar gemacht hat, ist die Insel zum einzigen Überlebensort geworden – und schottet sich gegen illegale Einwanderer brutalstmöglich ab, mit Konzentrationslagern, die an die Bilder aus Guantánamo erinnern. Doch, oh Wunder, eine junge Schwarze ist hochschwanger und muss zwecks Rettung der Menschheit selber gerettet werden. Julianne Moore spielt eine früh verscheidende Gutmenschen-Terroristin in diesem Trivialprodukt, das „Brave New World“ und „1984“ ins gefühlte Übermorgen zu transponieren sucht; Michael Caine als grotesk chargierender Althippie wird ein bisschen später exterminiert; den Tod Clive Owens, der die Schwangere als angenehm unhysterischer Retter durch das wachsende Chaos führt, in dem schließlich die Kamera selber Kunstblut ins Auge kriegt, hat sich Cuarón dankenswerterweise bis zum Schluss aufgehoben.

Der Bildersalat in „The Fountain“ dagegen ist vom Feinsten angerichtet, in einer Kaskade nimmermüder Zentralperspektiven zwischen dem 16. Jahrhundert und der Gegenwart wechselnd. Hugh Jackman und Rachel Weisz geben einen spanischen Eroberer und seine Königin sowie ein neuzeitliches Ehepaar – sie droht an Krebs zu sterben, er experimentiert als Forscher und Chirurg mit der Rinde von Wunderlebensbäumen. Mit erlesenem Pathos und in visuell und akustisch überwiegend güldenen Tönen zelebriert der Film seinen Mix aus Maya-Kultur, Christentum und Buddhismus und vereint die Liebenden schließlich in transmortaler Unendlichkeit. Darauf einen Castaneda.

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