"Die Hochzeit des Figaro" in Salzburg : Das lässt schief blicken

Regisseur Sven-Eric Bechtolf macht aus Mozarts „Hochzeit des Figaro“ bei den Salzburger Festspielen eine Kammerposse.

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Mit den Waffen einer Frau. Anett Fritsch als Gräfin und Luca Pisaroni als Graf Almaviva.
Mit den Waffen einer Frau. Anett Fritsch als Gräfin und Luca Pisaroni als Graf Almaviva.Foto: dpa

Wir erwarten viel zu viel von Mozart – und in Salzburg dazu noch meist das Falsche. Hier ist er geboren, von hier ist er geflohen. Im Haus, in dem er das Licht der Welt erblickte, residiert heute ein Supermarkt im Erdgeschoss. Und kein Kaffee kann so herb sein, dass man dazu die Begleitung einer Mozartkugel wirklich zu schätzen wüsste. Mozart gehört ungefragt zu den Gründervätern der Salzburger Festspiele, sie haben ihm sogar einen Saal gebaut, das 2006 mit „Le Nozze di Figaro“ eröffnete Haus für Mozart. Heuer komplettiert sich dort der neue Salzburger Da-Ponte-Zyklus, den niemand mehr so nennen mag.

Das Vorhaben ohne Fortune datiert aus der kurzen Intendanz von Alexander Pereira und sollte wiederholen, was schon in Zürich nicht sonderlich aufregend war: Sven-Eric Bechtolf inszeniert, Franz Welser-Möst dirigiert die Trilogie. Daraus wurde nichts, weil der österreichische Dirigent seinen Beruf mit dem eines Busfahrers verwechselte und man sich partout nicht über Ruhezeiten zwischen den Aufführungen einigen konnte. „Bei großen Künstlern sind wir nicht nachtragend“, versichert Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler mit feinstem Schmäh. Mit Welser-Möst, der in diesem Jahr den neuen „Fidelio“ und eine Wiederaufnahme des „Rosenkavaliers“ leitet, habe man auch für die Zukunft schöne Pläne.

Zunächst aber muss mit einem finalen „Figaro“ die verfluchte Trias geknackt werden. Bechtolf, Schauspielchef und Interimsintendant der Festspiele, geht auf Nummer sicher und beschert der Opernsaison nach der Rihm-Eröffnung nun betont leicht zubereitete Mozart-Kost. Die ist vor allem nett anzusehen: In einem englischen Herrenhaus der zwanziger Jahre hat sich der Feudalismus zugleich überlebt und konserviert. Das erinnert ein bisschen an die Serie „Downtown Abbey“. Auf zwei Bühnenetagen leben die Herrschaft und ihre Diener doch recht eng beieinander. Da fällt es eigentlich gar nicht auf, dass das neue Zimmer von Susanna und ihrem Figaro noch näher am Gemach des Grafen liegen soll. Hier sind ohnehin alle Wege kurz – und die Gedanken nicht bedeutend länger.

Keine Politik? Umso stärker müsste das erotische Moment im "Figaro" aufgeladen werden

Die Türchen-auf-Türchen-zu-Komödie weitet sich dabei unwesentlich zur Kammerposse. Und immer wieder erscheint es, als gehe es hier theatermechanisch eher um Rossini als um Mozart. Am oft beschworenen revolutionären Impetus des „Figaro“ meldet Bechtolf ohnehin Zweifel an. Umso mehr aber müsste das erotische Moment aufgeladen werden und die daraus resultierende Verstörung einmal wirklich tief blicken lassen. Dafür taugt der Rahmen wenig, obwohl das weite Schlafzimmer der Gräfin an den „Rosenkavalier“ denken lässt und an seine Marschallin, die sich so tapfer dem Vergehen von Zeit und Liebreiz stellt.

Man könnte wohl auf stärkere szenische Zuwürzung verzichten, wenn dieser „Figaro“ musikalisch in seine Kraft käme. Doch Dan Ettinger, der sich auf Christoph Eschenbach („Cosí“ und „Giovanni“) folgend am Pult der Wiener Philharmoniker als Mozart-Interpret versucht, bietet nur schlichte Hausmannskost. Während der Ouvertüre glaubt man noch an akustische Täuschung: So wenig Kontur und Feuer kann nicht sein. Es geht aber noch ärger, denn Ettinger, selbst ausgebildeter Sänger, dirigiert nicht für seine Solisten. Jeder muss sich selbst seinen Weg suchen. Die musikalische Stringenz erreicht mit Mühe das Niveau einer Verständigungsprobe.

Das ist auf die Dauer fade – und schade für ein Ensemble, das eigentlich gar nicht schlecht zueinander passt. Luca Pisaroni (samt seinem begeisterungsfähigen Hund) ist ein stimmlich wie darstellerisch sehr agiler Graf, den man in seinem Weinkeller nur etwas in die Tiefe der Empfindung hätte locken müssen. Seine von Betrug bedrohte Gräfin findet in Anett Fritsch eine beherzte Sängerin, die sich nicht vor zarter Brüchigkeit scheut, wenn es ernst wird. Und die staunen kann. Martina Janková erlaubt sich kleine Schärfen in der Höhe, die ihre Susanna effektiv vor allzu noblen Tönen bewahrt. Ihr leicht schwejkhafter Figaro Adam Plachetka ist eher von schlichtem Witz, aber solide bei Stimme. Margarita Gritskova hingegen gestaltet ihren Cherubino vokal wie darstellerisch mit samtiger Eleganz.

Ein neues Salzburger Mozart-Ensemble sollte dieser Da-Ponte-Zyklus zusammenbringen. Daraus ist vorerst nichts geworden. Ohne einen inspirierenden musikalischen Gesamtleiter können Sänger nicht über sich hinauswachsen und das Unmögliche schaffen, das wir von ihnen erwarten. Wenn der Zyklus im nächsten Jahr komplett aufgeführt wird, werden gar drei Dirigenten am Start sein, jeder mit einer Produktion: Neben Christoph Eschenbach und Dan Ettinger steht dann auch Alain Altinoglu am Philharmoniker-Pult. Danach tritt mit Markus Hinterhäuser der neue Intendant an. Dass er keine Produktionen seiner Vorgänger übernehmen will, hat er bereits verraten.

Diesen Effekt werden wir dann schon vermissen: Im „Figaro“-Festschlussbild blendet Regisseur Bechtolf mit dem nun endlich fließenden Champagners hinüber in das dürstende Publikum. Man beklatscht quasi sich selbst, und das gelingt immer prächtig. Ein bisschen geht es zu wie in der klassischen griechischen Komödie: Die Lage ist völlig verfahren, also lasst uns feiern und bitte nicht fragen, wer die Zeche zahlen soll.

Der zarte Widerhaken, den die zunächst abseits stehende und nur zögerlich mitprostende Gräfin setzt, wird schnell hinuntergespült. Und man hat ihn schon vergessen, wenn der Weg durch die Salzburger Nacht über den Makartsteg führt. An seinem Geländer baumeln Hunderte kleiner Vorhängeschlösser, auf denen jeweils zwei Namen geschrieben oder eingraviert stehen. Unter dem Steg zieht die tintig schwarze Salzach, während der Mond kurz durch die dichten Wolken bricht. Liebesversprechen überm dunklen Strom – ein wahrer Mozart-Ort.

Weitere Aufführungen am 2., 5., 9., 12., 15. und 18. August, weitere Informationen unter www.salzburgfestival.at

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