Die Kanzler und die Literatur : Kassandras Kopf im Sand

Ob Kohl, Schröder oder Merkel: Mit den Persönlichkeiten im Kanzleramt tun sich die deutschsprachigen Schriftsteller schwer. Politik? Dann lieber Pop.

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Er und sein Mädchen. Helmut Kohl und Angela Merkel im Jahr 2000 bei den Einheitsfeierlichkeiten in Berlin.
Er und sein Mädchen. Helmut Kohl und Angela Merkel im Jahr 2000 bei den Einheitsfeierlichkeiten in Berlin.Foto: Michael Urban/Reuters

Es kann nur ein Zufall sein, dass Helmut Kohl so kurz vor seinem Tod doch noch einen Auftritt in der deutschsprachigen Literatur hat. Marcel Beyer erinnert in seinem Buch „Das blindgeweinte Jahrhundert“ daran, wie Kohl kurz vor der Wiedervereinigung im April 1989 Rainer Maria Rilkes Grab in der Schweiz aufsuchte, in dem Walliser Dorf Raron; ein Besuch, den Beyer im Nachhinein rätselhaft findet, auch weil Kohl alles andere als ein literarischer Mensch war: „Niemand – als Letzter wohl er selbst – würde behaupten, der Staatsgast pflege engen Kontakt zu Schriftstellern, sieht man einmal von jenem schwerlich als Schriftsteller zu bezeichnenden Mann ab, der ihn auf seinem Staatsbesuch in Israel begleitet hat.“

Kurt Ziesel hieß dieser Mann, dessen Name Beyer nicht nennen mag, weil er ihm Ekel verursacht, ein höchst umstrittener rechter Publizist. Lieber schiebt Beyer Vergangenheit und Zukunft ineinander, sieht Kohl später am Grab seiner Gattin stehen, zieht imaginäre Verknüpfungen zwischen Kohls Stolpern in Raron und dem von Proust in Venedig, mutmaßt, ob Kohl seine literarische „Harmlosigkeit“ mit Autoren wie Ziesel oder Ernst Jünger konterkarieren wollte. Und Beyer stellt sich die Tränen vor, die Kohl weint, vielleicht am Rilke-Grab, mehr noch an dem von Hannelore, aber auch die Tränen, die eine seinerzeit junge Umweltministerin und heutige Immer-noch-Bundeskanzlerin geweint haben soll, weil Kohl ihr vorwarf, sie habe „ihre Hausaufgaben nicht gemacht“.

Von dem „weitgehend literaturfern lebenden Bundeskanzler“ hat sich aber auch die Literatur selbst ferngehalten. Als Kohl vergangene Woche starb, mochte sich kaum ein Schriftsteller, eine Schriftstellerin über ihn äußern (den Job übernahmen dann in der „Welt“ immerhin David Wagner und Georg Klein), geschweige denn, dass sich Kohl als Figur in der Gegenwartsliteratur findet. Sein Name fällt nicht einmal in dem Roman, in dem er zumindest als Nachbar eine größere Nebenrolle spielt: in Peter Renners 2003 veröffentlichtem Adoleszenz- und Ludwigshafen-Roman „Griff in die Luft“.

Renner erzählt von einer Jugend im Schatten des großen Oggersheimers

Dessen Held, der Abiturient Martin, wohnt mit seinen Eltern in Ludwigshafen. Ihr Garten grenzt an den der Kohls, und wenn von dem Kohl-Bungalow die Rede ist, immer nur in Form der Straße und Hausnummer, „Schillerweg-Sieben“, wo stets Bundesgrenzschutz und Polizei vor der Tür wachen und nicht weit davon ein Hubschrauberlandeplatz ist. Was immer mal zu Verwerfungen in Martins Familie führt, weil das mit der Ruhe so eine Sache ist. Martins Vaters aber glaubt: „Die tauschen den sicher bald aus“ – „Womit er“, weiß der Erzähler, „bekanntlich voll danebenlag.“

Peter Renner erzählt von „einer Jugend im Schatten des großen Oggersheimers und der BASF“ – so warb der Verlag damals –, von einer Generation, die der Provinz und beruflichen Vorherbestimmungen zu entkommen versucht. Doch der Schatten des massigen Bundeskanzlers hat sich auf die gesamte, später wahlweise als Golf, Nutella oder Umhängetasche firmierende Generation gelegt. Als sei nicht zuletzt Kohl dafür verantwortlich, dass diese Generation lieber Pop-Literatur als politische Romane schreiben wollte.

Politik und Literatur stehen sowieso in einem schwierigen, undurchsichtig-prekären Verhältnis. Der Politiker, die Politikerin ist als literarische Figur die Ausnahme, nicht die Regel. „Wir alle leben mit der Politik, sind ihre Objekte, vielleicht schon ihre Opfer. Es geht um Kopf und Kragen (...) Wie darf da der Schriftsteller den Vogel Strauß mimen, und wer, wenn nicht der Schriftsteller, soll in unserer Gesellschaft die Rolle der Kassandra spielen?“ – das fragte Wolfgang Koeppen Anfang der sechziger Jahre.

Diese Worte nahmen sich zwar ein paar Jahre später einige seiner Kollegen zu Herzen, als sie für Willy Brandt in den Wahlkampf zogen oder ihn auf Reisen begleiteten. Doch Koeppens Held aus dem Roman „Das Treibhaus“, dem SPD-Bundestagsabgeordneten Felix Keetenheuve, sind nicht viele Wiedergänger gefolgt: nicht in der Grass-Walser-Lenz-Generation, nicht in der unter Kohl (obwohl Martin Walser 1996 den Roman „Finks Krieg“ über die Gauland-Affäre in der hessischen Staatskanzlei schrieb), auch nicht zur Zeit der Schröder-Fischer-Regentschaft.

2008 gab es von Michael Kumpfmüller („Nachricht an alle“) und Dirk Kurbjuweit („Nichts als die Wahrheit“) Romane mit Politikern als Hauptfiguren; Politiker mit vielen privaten Seiten, die ihren Beruf mit Leib und Seele ausüben und wie Koeppens Held Keetenheuve ein durchaus idealistisches Demokratieverständnis haben, gegen die Zwänge und Fallen des Systems jedoch nicht ankommen.

Rainald Goetz hatte sich mit seinem Polit-Roman "in die Falschheit verrannt"

Beide Romane sind nah dran an der Realität, manchmal zu nahe, um große literarische Würfe zu sein. Zumal Kurbjuweit als Leiter des „Spiegel“-Büros seine Recherchen gewissermaßen aus erster Hand hatte. Jener Dirk Kurbjuweit war es auch, der Rainald Goetz die Augen öffnete, als dieser sich vergeblich mit einen Roman über den Berliner Politikbetrieb mühte und sich „in die Falschheit verrannt“ hatte. In seinem Buch „Loslabern“ erzählt Goetz, wie Kurbjuweit ihm 2005 ein Gerhard-Schröder-Porträt, das er „quasi als Bewerbungsschreiben für das Politik-Ressort des ,Spiegel‘ “ geschrieben hatte, als zu floskelhaft und sprachlich defizitär zurückgab.

Goetz ließ das mit dem Politroman, beschreibt aber in „Loslabern“ präzise, wie sich 2008 beim Herbstempfang der „FAZ“ im Hotel de Rome die Herausgeber dieser Frankfurter Zeitung um die Bundeskanzlerin scharen, wie alle Beteiligten, nicht zuletzt Merkel, gestikulieren, sich bewegen und verhalten, stets in dem Wissen, dass es hier „nicht nur um den Austausch von Informationen und Argumenten ging, sondern vor allem auch um die Aufführung des kollektiven Einverstandenseins aller Anwesenden mit den bestehenden Verhältnissen, gerade auch denen der Macht“.

Goetz’ Scheitern ist beispielhaft. „Loslabern“ trägt den Gattungsbegriff „Bericht“. Darin bekommt Goetz ein Machtgefüge wie das von ihm im Hotel de Rome beobachtete scharf ins Visier. Aber er gesteht, dass ihm seine „Alienationsposition“ im Weg steht, seine Ich-Bezogenheit und soziales Anderssein. Woraus man schlussfolgern kann, dass jene Ich-fixierten, insbesondere nicht journalistisch denkenden und tätigen Schriftsteller nicht geeignet sind, überzeugende Figuren aus dem Politmilieu zu kreieren.

Insofern wirkt etwa Volker Zastrows detaillierte, die jeweiligen Politiker nicht nur als Machtfiguren, sondern als Menschen porträtierende Recherche „Die Vier“ über die vier hessischen SPD-Landtagsabgeordneten, die 2008 ihrer Parteivorsitzenden Andrea Ypsilanti die Gefolgschaft verweigerten, bei aller Authentizität romanhafter, literarischer als Kumpfmüllers und Kurbjuweits Romane. Ähnliches gilt für Robin Alexanders „Die Getriebenen“ über die Tage und Monate, als Angela Merkel hunderttausende Geflüchtete ins Land ließ, im Vergleich mit Konstantin Richters ausdrücklich als „Fiktion“ ausgewiesenem Buch „Die Kanzlerin“. (Kein & Aber, Zürich 2017, 172 S., 18 €.)

Konstantin Richter versucht die Gedanken und Gefühle von Merkel zu imaginieren

Richter versucht, die Gedanken- und Gefühlswelt Angela Merkels zu imaginieren, ebenfalls im Jahr 2015, doch das macht er ungenügend. „Sie mochte klassische Musik, besonders Opern. So stand es zumindest auf ihrer Homepage“, heißt es zu Beginn schon entlarvend. Richter erzählt chronologisch, was seiner Heldin widerfährt: von ihrem Besuch im sächsischen Heidenau, wo sie unflätig beschimpft wird („Die Kanzlerin runzelte verwundert die Stirn“), über ihre Entscheidung, die Flüchtlinge ins Land zu lassen (sie wachte „mit dem Gefühl auf, ein rauschendes Fest hinter sich zu haben“) bis hin zu einer Reise nach Indien einige Monate später sowie einem Besuch in der Praxis ihrer jüngeren Schwester: „Sie hatte sich Blößen gegeben, sie hatte sich der Schwester geradezu ausgeliefert – und alles was dieser dazu einfiel, war Küchenpsychologie.“

Von einem gehaltvollen, ja: fantasievollen Psychogramm ist Richter weit entfernt, dazu hält er sich an zu viel Bekanntes. Sein Buch hat einen gerade mal dünnen fiktionalen Überstrich. Womöglich ist eine öffentliche Person wie Merkel zu überschrieben, zu auserzählt. Nicht zuletzt gibt es haufenweise Biografien, als dass sie als reizvolle fiktive Figur taugen könnte. Das Mittel der Wahl ist es eher, öffentliche Aussagen und Sinneswandel zu analysieren und reale Ereignisse spannend effektvoll nachzuerzählen, so wie Robin Alexander es tut, um einen besseren Einblick in das Innenleben von Politikern und Parteien zu verschaffen.

Manchmal reicht ja ein Satz, um eine Polit-Ära auf den Punkt zu bringen und abzuhaken: „Mir ist einer wie Kohl als Bundeskanzler lieber als ein Intellektueller“, so sagt es Eugen Rapp in dem letzten, 1997 veröffentlichten Buch von Hermann Lenz. Ansonsten kein Wort über Kohl – es hatte sich für Lenz nicht gelohnt, diesen zu literarisieren. Dafür war er zu sehr mit sich selbst und seinem ewigen Alter Ego Eugen Rapp beschäftigt.

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