"Die Kassette" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg : Geiz und Grusel der Bourgeoisie

Pointenbeschleuniger Herbert Fritsch inszeniert Carl Sternheims „Die Kassette“ in Hamburg - endlosenergetisch und extraexpressionistisch.

Katrin Ullmann

„Potztausend!“ freut sich der verarmte Oberlehrer Heinrich Krull, als ihm sein Tantchen Elsbeth eine beachtliche Erbschaft in Aussicht stellt. Sein Konto ist in den roten Zahlen, sein Lebensstandard nicht gerade bescheiden und seine blutjunge zweite Frau Fanny ebenfalls. Zwar muss der Protagonist aus Carl Sternheims „Die Kassette“ Gefühle heucheln und Ehrhaftigkeit vortäuschen – doch wer interessiert sich schon für die Moral, wenn es um die große Kohle geht? Ab sofort wird intrigiert und korrumpiert, gelogen und verführt. Bald gerät Krull mit seiner eifersüchtigen Tochter Lydia, dem hintertriebenen Fotografen Seidenschnur und seiner koketten Frau Fanny in schwere Interessenkonflikte. Ein jeder hat da seinen eigenen Plan, und natürlich scheitern am Schluss alle.

Die „Kassette“, eine scharfe Satire über die Besessenheit einer von Geldgier beherrschten Familie, war der erste große Erfolg Sternheims als Komödienautor und gehört zu dem sechsteiligen Dramenzyklus „Aus dem bürgerlichen Heldenleben“. Am Hamburger Schauspielhaus hat Herbert Fritsch das selten gespielte Stück auf die Bühne gebracht. Es ist die zweite Regiearbeit von Fritsch an dieser Hamburger Bühne, nach Molières „Die Schule der Frauen“.

Als Regisseur ist der langjährige Castorf-Schauspieler ein beherzter Komödienkatalysator und Pointenbeschleuniger, bekannt für schrille Figuren mit überzeichneten Gesten, beliebt für sein überdrehtes Schauspielertheater, für Abende auf der Überholspur. Man könnte meinen, er und Sternheims virtuoses Komödienkonstrukt seien ein perfektes Paar. Einiges spricht auch dafür. Etwa das Bühnenbild: Fritsch hat sich selbst einen überdimensionalen Rundplafond mit floraler Mustertapete gehängt. Mittig thront ein marmorner Kamin samt digital animiertem Feuer. Eingerahmt wird das gutbürgerliche Zeichenspiel von einem gigantischen Stapel Kaminholz einerseits, einem schwarzen Flügel andererseits.

Die durchweg großartigen, artistischen und spaßbereiten Schauspieler (Karoline Bär, Jonas Hien, Anja Laïs, Bastian Reiber, Götz Schubert, Michael Weber, Gala Othero Winter) agieren entsprechend: mit rollenden Augen, klimpernden Lidern, schürzenden Lippen, exakten Gesten und verdrehten Körperteilen. Extraexpressionistisch. Endlosenergetisch. Victoria Behr hat ihnen gewohnt schräg-schrullige Kostüme übergezogen. In pastellenen Bunttönen, mit bedrohlich aufgepumpten Puffärmeln und hochgetürmten Haarkonstrukten zeichnet sie ein Gruselbild der Bourgeoisie – mit Ausbrüchen ins Albtraumhafte, Surreale, Zombiehafte.

Doch Fritschs wilder Aktionismus und überdrehter Manierismus verbreiten statt der gewohnten schwindelnd-hysterischen und ironisch-kurzweiligen Unterhaltung eine bizarre Mischung aus Reizüberflutung und Langeweile. Es scheint, als sei Sternheims expressionistische wortverspielte Sprache selbst schon zu exaltiert, um eine erhöhte Fritsch-Dosis zu verkraften. Als ertrinke die temporeiche und mit schnellen Szenenwechseln gebaute Komödie geradezu in der Virtuosität des Regisseurs, in dessen wildem Aktionismus und überdrehten Manierismus. Es scheint, als ergäbe Plus und Plus an diesem Abend eben Minus.

Das kann auch die herrlich überinszenierte Applausordnung mit einen Spezialauftritt des Regisseurs aus dem Kamin nicht mehr ausgleichen. Die Rechnung ist einfach nicht aufgegangen, so wie damals, als Carl Sternheims „Kassette“ – in einer ebensolchen sind die zu vererbenden Schatzbriefe aufbewahrt – 1911 in Berlin uraufgeführt wurde. Da tobte das bürgerliche Publikum, so kann man lesen, vor Entsetzen.

wieder am 14. und 17. Oktober, 8. November und 27. Dezember

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