Die Klanginstallationen von Emeka Ogboh : „Boñango bo be bwasam“

„Brüderlich mit Herz und Hand“, die deutsche Hymne mal anders: Warum die Soundinstallation des Nigerianers Emeka Ogboh, derzeit auf der Biennale in Venedig, ins Humboldt-Forum gehört.

Marie Luise Knott
Klangkünstler. Emeka Ogboh, Jahrgang 1977, lebt in Lagos und Berlin. Foto: Thilo Rückeis
Klangkünstler. Emeka Ogboh, Jahrgang 1977, lebt in Lagos und Berlin.Foto: Thilo Rückeis

Klang sei das stärkste Medium, sagt der nigerianische Künstler Emeka Ogboh, der zur Zeit in Berlin lebt. Klang könne Gefühle bündeln, in Klangräumen sei man immer mittendrin. Und es stimmt: Wegsehen kann man, weghören nicht. Und kein Klang stellt eine engere Bindung her als die menschliche Stimme.

Emeka Ogboh, Jahrgang 1977, ist mit einer Arbeit auf der diesjährigen KunstBiennale in Venedig vertreten. Schon von Weitem schallt dem Besucher aus einem Wachturm am Ende des Arsenale die Deutschlandhymne entgegen. GermanBashing?, fragt man sich. Noch bevor man den mit Holz ausgekleideten Raum mit den zehn schwarzen Lautsprechern betritt, ist man befremdet. Ogbohs Installation „The Song of the Germans“ mag harmonisch klingen, aber der Text ist unverständlich. Ein Begleitbuch gibt Auskunft: Mitglieder eines Berliner Gospel-Chors, der aus afrikanischen Migranten besteht, haben die Hymne übersetzt und singen sie auf Douala, Igbo, Ewondo, Bamun, Kikongo, Sango, More, Twi, Yoruba und Lingála. Alles indigene afrikanische Sprachen. Jeder Lautsprecher eine Sprache, eine Stimme. Einer hebt an, die anderen folgen, jedes Mal gibt ein anderes Idiom den Impuls zum Chorgesang.

Es ist ein symbolische Ort: Hier im Arsenale nahm Venedigs Weltherrschaft ihren Ausgang, hier erlebte sie später ihren Niedergang. Hier stach einst Marco Polo in See, exportierte westliches Wissen und kehrte Jahre später zurück – reich an Eindrücken und Beuteschätzen. Von hier brach man zum Kreuzzug nach Jerusalem auf; hier wurden die Heeresschiffe gebaut, mit welchen die Venezianer Byzanz zerstörten.

Im Wachturm singt jeder Sänger „Einigkeit und Recht und Freiheit“ in der eigenen Muttersprache. Die Besucher können das Begleitbuch aufschlagen, „boñango bo be bwasam“ auf Douala mitsingen und dabei die deutsche Übersetzung „brüderlich mit Herz und Hand“ mitdenken.

Trotz C-Dur kommt melancholische Stimmung auf

Der anfänglich schwungvolle Eindruck verflüchtigt sich bald. Das mag auch an der Instrumentalbegleitung liegen: Ogboh hat sich nicht für die übliche, symphonische Tschingderassa-Fußball-Hymne entschieden, sondern für das Original, für Haydns fragiles Streichquartett. So kommt trotz C-Dur melancholische Stimmung auf und man gerät ins Nachdenken über die heutige Gemengelage. Warum halten wir unsere Eingewanderten seit Gastarbeiterzeiten auf staatsbürgerliche Distanz? Wie weit ist Deutschland (noch) davon entfernt, ein Einwanderungsland zu sein? Und: Fühlen „sie“ sich unserer Hymne verbunden?

So minimal die Installation, sie hat es in sich, zumal in Deutschland gerade unentwegt über die Flüchtlingsströme debattiert wird, auch über die aus Afrika. Jahrelang ist Emeka Ogboh mit Aufnahmegeräten durch Lagos gestreift und hat immer neue Hörbilder und Klangporträts der Megacity geschaffen. So trägt er den Sound von Lagos in die Welt. Im letzten Winter hat er vor der Berliner St. Elisabeth-Kirche Lautsprecher aufgestellt. Generatoren brummen, DanfoBusse hupen, dazwischen Gemurmel, Kirchenglocken, die Rufe der Schaffner – all das drang ins Ohr der Passanten. Demnächst bringt er die Stimmen von Straßenverkäufern, die Früchte, Hühnchen und Reisgerichte anpreisen, in ein Museum in Washington.

In Streifzügen erkundet Emeka Ogboh den Sound von Berlin

Emeka Ogboh lebt zurzeit auf Einladung des DAAD-Künstlerprogramms in Berlin. In Europa sei es zu leise, sagt der international arbeitende Soundinstallateur mit Basis in Lagos und jetzt auch in der deutschen Hauptstadt. „Hier halten die Menschen Geräusche für Umweltverschmutzung.“ Anfangs konnte er nicht schlafen. Welchen Sound hat Berlin? Inzwischen erkundet er auf seinen Streifzügen, wie es den Migranten gelingt, hier anzukommen, und was sie aus der Heimat mitbringen. Neben den Auseinandersetzungen um das Flüchtlingscamp am Oranienplatz beschäftigen ihn eingewanderte Esskulturen – vietnamesische Märkte, nigerianische Restaurants. Und er erforscht inzwischen andere Klangarchive.

2014 gewann Ogboh den Kunstwettbewerb für das im Bau befindliche Gebäude für Frieden und Sicherheit der Afrikanischen Union in Addis Abeba. Künftig wird nicht ein Bild, sondern ein Klang Politiker und Wirtschaftsleute aus aller Welt ins Gebäude geleiten: die panafrikanische Nationalhymne, gesungen in den indigenen Sprachen des Kontinents. Dazwischen ertönen Ausschnitte aus den OAU-Eröffnungsreden von 1963.

Ab 2019 soll das Humboldt-Forum im rekonstruierten Schloss die außereuropäischen Sammlungen aus Dahlem präsentieren. Dazu gehört auch das 16 000 Wachszylinder umfassende Tonarchiv mit Aufnahmen von teils ausgestorbenen Sprachen und Gesängen der unterschiedlichsten Volksstämme. Das Humboldt-Forum hat sich vorgenommen, die schönste aller Neugierden zu wecken: jenes Interesse an der Fremde, den Anderen, das Marco Polo und Alexander von Humboldt in die Welt hinaus trieb. Die traditionelle Museumspräsentation hält diese Fremde bequem auf Distanz. Wir schauen uns an, wie „sie“ gelebt, was „sie“ besessen haben – früher, anderswo. Dabei sind die Menschen den Kulturschätzen längst hinterhergereist, und beide kamen nicht nur auf legalem Wege, wenn auch auf denkbar unterschiedliche Weise.

Das Humboldt-Forum, auch das ein Versprechen seiner Macher, will die Schätze anders, lebendiger präsentieren; auch gibt es wie bei allen öffentlichen Neubauten einen Etat für zeitgenössische Kunst. Was gibt es Besseres, als „Songs of the Germans“ anzukaufen? Dann kann die „boñango bo be bwasam“-Hymne die Besucher auf ihrem Gang durch die „Halle des Weltgedächtnisses“ zu den Schaukästen und Tonwalzen begleiten.

Im Forums-Prospekt liest man: „Im Idealfall ist ein Museum ein Ort, an dem im Besucher eine Verwandlung stattfindet.“ Eben das leistet Ogbohs Klangkunstwerk. Es entmusealisiert die Neugier, holt die Stimmen der Migranten ins Land hinein, fragt nach dem Zusammenhang zwischen den historischen Schätzen und den heutigen Lebensumständen der Menschen außerhalb Europas. Der Gesang der Deutschen als Gesang für die Deutschen, er gehört ins Humboldt-Forum.

Ab 18. September zeigt die Galerie Wedding (Müllerstr. 146/147) Ogbohs EssensAusstellung „No Food For Lazy Man“ (bis 31. 10.). Bei der Eröffnung am 17. 9. zapft der Künstler selbst gebrautes Bier, nach einem aus Geschmacksumfragen unter afrikanischen Migranten entwickelten Rezept.

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