Die Krise des Berlin-Romans : Über alles, über die Welt

Wer suchet, der findet nicht. Zumindest, wenn es um den Berlin-Roman in diesem Bücherherbst geht. Braucht es ihn überhaupt in einer Zeit der Globalisierung?

Weitläufig, modernisiert - uninspirierend? Berlins Mitte von oben gesehen.
Weitläufig, modernisiert - uninspirierend? Berlins Mitte von oben gesehen.Foto: dpa/Bernd Settnik

Über die Krise des Berlin-Romans habe ich kürzlich schon einmal in dieser Zeitung geschrieben. Über sein Fehlen, zumindest die mangelnde Notwendigkeit, diesen in einer globalisierten Welt zu schreiben, in einer Welt voller Unruhe und Bewegung, in der die Provinz genauso taugt als Abbild und Gesellschaftsmodell und in der die Metropolen sowieso viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt zu scheinen.

Tatsächlich bestätigt der Bücherherbst diese Berlinroman-Krise nur. Allein das neueste Buch des seit Ewigkeiten in Berlin lebenden Schweizer Autors Matthias Zschokke würde dafür reichen. Denn gerade Zschokke hat seine Romanhelden gern und viel durch die Stadt flanieren lassen, und das weniger an den typischen Hotspots, sondern in Außenbezirken, Hinterhöfen und touristischen No-gos, dort, wo Berlin noch so richtig Berlin ist.

Hauptstadt heißt jetzt Brüssel

Aber worüber schreibt Zschokke jetzt? Über seinen Kampf mit Marcel Prousts Jahrhundertwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, über seine Lektüreerfahrung: „Der fünfte Band hat mir mit seinem hysterischen Gezicke in Endlosschleife den letzten Rest gegeben.“

Inspirieren lassen hat er sich sicherlich auch, womöglich gar von den Pariser Straßenszenen der „Recherche“, der von Proust oft geschilderten Geräuschkulisse der Stadt beim Aufwachen – auf dass er, Zschokke, sich womöglich eines Tages Berlin doch wieder in sein Schlaf- und Schreibzimmer holen möge.

Immerhin: Im Neu-Berliner Verlag Suhrkamp, der nicht zuletzt deshalb nach Berlin gezogen ist, weil gerade hier angeblich der Geist weht, weil die Stadt eine ideale „Schnittstelle von Ost und West“ (Ulla Berkéwicz) ist, erscheint ein Roman des österreichischen Schriftstellers Robert Menasse, der „Die Hauptstadt“ heißt. Nur ist mit dieser Hauptstadt nicht Wien gemeint oder gar Berlin, wie man denken könnte, sondern Brüssel. Und Menasses Roman spannt, so wirbt der Suhrkamp Verlag, „einen weiten Bogen zwischen den Zeiten, den Nationen, dem Unausweichlichen und der Ironie des Schicksals, zwischen kleinlicher Bürokratie und großen Gefühlen.“ Brüssel ist nicht das neue Berlin, und am Ende eignet sich unsere kleine Stadt vielleicht wirklich vor allem für große Zeitbögen.

Zeit- Geschichts- und Dorfromane - aber kein Berlin

Auch der Berliner Schriftsteller Thomas Lehr lässt in seinem neuen Roman „Schlafende Sonne“ seinen Helden, den Dokumentarfilmer, Essayisten und Dozenten Rudolf Zacharias, an einem Sommertag des Jahres 2011 nach Berlin reisen und die Ausstellungsvernissage einer ehemaligen Studentin besuchen, allerdings nur, um gleich das ganze Jahrhundert in den Blick zu nehmen: „Themen, Epochen, Augenblicke, die um Jahrzehnte auseinanderliegen, rückt Thomas Lehrs kunstvolle Sprache in unmittelbare Nachbarschaft, macht sie zu unserer eigenen Gegenwart“, jubelt der Verlag. Ein veritabler Zeitroman?

Wie auch immer, es ist ein einziges Gesuche nach dem Berlin- oder gar Metropolenroman. Uwe Timm? Veröffentlicht einen Roman über die vermeintliche „Stunde Null“ im Jahr 1945. Ingo Schulze? Lässt einen Roman von einem gewissen Peter Holtz erzählen, einen Deutschland-, Gesellschafts- und Geschichtsroman; Holtz ist im Osten des Landes zum Immobilienmillionär geworden. Carmen Stephan? Hat ihren neuen Roman 1941 in Brasilien angesiedelt. Sabrina Janesch? Begibt sich mit „Die Goldene Stadt“ ins Peru des 19. Jahrhunderts. Katrin Seddig? Veröffentlicht einen Roman mit dem Titel „Das Dorf“. Und so weiter und so fort.

Es gibt noch Hoffnung

Gut, dass da jetzt diese Meldung kommt. Der junge Autor Franz Ferdinand bastelt an einer App über einen Mann, der multimedial einen letzten Berliner Montag im Mai beschreibt. Dafür läuft er durch den Wedding, fährt zum Wannsee und trifft in Kreuzberg eine alte Schulfreundin. Es gibt also Hoffnung für den Berlin-Roman. Ansonsten gilt stärker denn je, was Ulla Berkéwicz zu Suhrkamps Umzugszeiten in Interviews verlautbarte: „Wer nur an seinem Ort bleiben will, wird den Halt verlieren. Die Orte sind nicht mehr vorgegeben. Sie müssen erarbeitet werden. Das Zuhause, das wir uns schaffen, wird provisorisch, diasporisch sein.“

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