Kultur : Die Liebe zu den drei Äpfeln

Verlockend virtuos: Die Stargeigerinnen Viktoria Mullova, Midori und Anne-Sophie Mutter mit neuen CDs

Frederik Hanssen

Es gibt Momente, da findet sich der Kritiker in der Rolle des trojanischen Jünglings Paris wieder: Drei Damen, jung, schön, hold und weise, halten ihre neuen CDs hoch und rufen: Knabe mit dem Apfel in der Hand, wer spielt am besten im ganzen Land?

Reflexartig wendet er sich zunächst Victoria Mullova zu: Siegessicher wie Athene lächelt sie vom Cover, ein very sexy Lederkleid umschmeichelt ihre schlanken Formen, die baren Füße haben bereits einen rot gestrichenen Schemel unterjocht und der Blitzstrahl der Augen verspricht weitere Eroberungen.

Mullova hat sich Mozart vorgenommen (Philips) – und eine Truppe schlagkräftiger Unterstützer mitgebracht. Das Orchestra of the Age of Enlightenment gibt sich nicht mit der Rolle der Anstandsdame zufrieden, die Musiker haben auf ihren historischen Instrumenten bei diesen Konzerten für Violine und Orchester ein gehöriges Wörtchen mitzureden: Sie reißen mit ihrem rhetorisch versierten, rhythmisch äußerst prägnanten Spiel die Klanglandschaft auf, durch die Viktoria Mullova schreiten kann. Hier hat jeder Ton seine Botschaft, hier wird noch die Nebenfloskel mit Bedeutung aufgeladen.

Und auch Mullova spielt die Konzerte Nr. 1, 3 und 4 so, wie man sie heute hören will. Nicht als Süßigkeiten vom Wunderwolferl, sondern als Denkanstöße eines höchst wachen Geistes. Cool möchte man diese Interpretation nennen, ohne damit die gefühlte Partiturtemperatur zu meinen. Viktoria Mullova spielt absolut mit innerer Anteilnahme, und ist dabei eben doch auch ungemein lässig. Das klingt heutig – und doch schleicht sich bei all der antiromantischen Geradlinigkeit doch eine kleine Sehnsucht ein, die süße Erinnerung an Anne-Sophie Mutters frühe Aufnahmen der Mozart-Konzerte: Allerfeinstes Rokoko war da zu bestaunen, von Herbert von Karajan höchstselbst mit güldenem Rand verstehen.

In seiner Qual der Wahl wirft Paris den Blick zum zweiten dann doch auf die Aphrodite der Geigerinnen, auf jenes engelsgleich von allen Fotos lächelnde Wesen, das ihm verspricht, bei ihrem Spiel sähe er bald Helenen in jedem Weibe. Denn der mädchenhafte Charme der Mlle. Mutter hat sich längst ins Gouvernantenhafte verkehrt. Das Staunen über ihre frühreife Virtuosität ist der großen Enttäuschung gewichen – weil die Entwicklung zur interpretatorischen Reife ausblieb. Die Höhe ihrer technischen Meisterschaft ist weiterhin weltweit unerreicht. Doch die Fülle von Manierismen, mit denen sie jede Komposition überzieht, ist nur noch schwer auszuhalten. So auch jetzt bei Beethovens Violinkonzert: Kurt Masur geht das Stück mit dem New York Philharmonic effektvoll-theatralisch an (Deutsche Grammophon). Doch Mutter kämmt dem Komponisten seine wilde Originalgenie-Mähne glatt: Jede Phrase klingt, als spiele sie mit abgespreiztem kleinen Finger, auf jedem Höhepunkt nimmt sie die aufgebaute Spannung schon wieder zurück, so, als stünden überall in der Partitur Spielanweisungen wie „schwärmerisch“ oder „mit zärtlichster Empfindung“ . Ab und zu setzt sie unvermittelt ein paar schroffe „Teufelsgeiger“-Töne, vor allem in den Kadenzen von Fritz Kreisler – und gleich ist die contenance wieder da, und sie geigt die „romantischen“ Passagen so zuckrig wie sich die Protagonistinnen in Barbara-Cartland-Romanen die Liebe vorstellen. Nein, an diese wächserne Anmut mag man weder Herz noch Apfel verschenken!

Und so schweift der Blick schließlich ostwärts, gen Japan, zur Meisterviolinistin ohne Unterleib und Nachnamen, zu Midori. Ihr fällt nach dem Ausschlussprinzip bei diesem Wettbewerb die Rolle der Hera zu. Edel, schlank und ganz unprätenziös ist der Klang ihres Instruments. Die Stimme einer Königin, die es nicht nötig hat, mit ihrem Adel zu protzen. Und darum hat sich die 1971 Geborene zu ihrem 20. Bühnenjubiläum eine CD geschenkt, die so richtig funkelt. So schneidig und rasant gespielt, möchte man das erste Violinkonzert von Kitschgroßmeister Henryk Wieniawski glatt für gute Musik halten: Midori lässt sich keinen Effekt entgehen, aber sie braucht keine große Show, um zu brillieren, weder Schminke noch Schmiere, um standing ovations herauszufordern (Sony).

Wie positiv sich Midori in den letzten Jahren entwickelt hat, wird auch beim anschließenden Reigen schicker Salonschmankerl deutlich. Sie ist hörbar reifer geworden, geschmackssicher. Ob Kreisler oder Prokofiew, ob Elgar oder Ede Poldini, das Sentiment wirkt hier nie peinlich, sondern macht Spaß. Weil Midori ohne Mätzchen auskommt, sparsam mit dem Vibrato umgeht und auch mal mutig hinlangt wo’s passt. Dann wieder modelliert sie fein geschwunge Melodielinien, entwickelt in den höchsten einen fast gläsernen Klang.

Was soll er nun tun, der Kritiker, wem der drei Holden das Triumph-Obst überreichen? Paris’ Schicksal mahnt... Da kommt ihm die rettende Idee: Er überlässt kurzerhand die drei Damen den Kräften des Musikmarktes und schlägt selber genussvoll die Zähne ins saftige Fruchtfleisch. Das mag zwar nicht gerade gentlemanlike sein - aber die beste Prophylaxe für ein langes Leben: Damit man auch morgen noch kraftvoll zubeißen kann.

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