Kultur : Die Liebe zum Beton

Ironie und Bekenntnis: Der Schriftsteller Christian Kracht verteidigt in Berlin Nordkorea

Daniel Herbstreit

Jetzt ist er also auch in Nordkorea gewesen. In dem kommunistischen Land, das man nur in Begleitung eines staatstreuen Führers bereisen darf und das, laut George W. Bush, zur „Achse des Bösen“ gehört. Daraus hat der Schriftsteller Christian Kracht, der für seinen Erzählungsband „Der gelbe Bleistift“ schon einmal quer durch Asien gereist ist, zusammen mit seinen beiden fotografierenden Begleitern Eva Munz und Lukas Nikol, gleich einen ganzen Bildband gemacht.

Am Montagabend sitzen die drei in Rafael Horzons juxhaft „Wissenschaftsakademie“ genannten Talkclub in der Torstraße. Über ihren Köpfen prangt, vom Beamer an die Wand geworfen, das Cover-Foto des Bandes: Ein Denkmal in Pjöngjang ist da zu sehen, eine monumentale Betonscheibe, auf der drei riesige graue Fäuste Hammer, Sichel und Pinsel zum Himmel strecken – die Symbole der nordkoreanischen Staatsideologie „Juche“ (sprich „Dschutsche“). Wie sie da unter diesen Insignien sitzen, wirken sie nicht gerade, als würden sie besonderen Wert auf Distanz zum totalitären Regime Kim Jong Ils legen.

Ähnlich im Buch: Anstelle von Bildunterschriften sind die Fotos mit kunsttheoretischen Zitaten des Diktators angereichert – beziehungsweise „rhythmisiert“, wie Kracht es nennt. Etwa damit: „Da die Gefühle und Farben des Lebens spezifisch sind, dürfen sie nicht nur allgemein bestimmt werden.“

Zu Beginn bittet Christian Kracht um eine Schweigeminute für die Opfer von 9/11. Unsichere Blicke ringsum. „Nicht wirklich jetzt, oder?“, fragt einer. Doch, wirklich. Tatsächlich hat da eben der Mann um eine Gedenkminute gebeten, der in einem Interview kurz nach den Anschlägen von 2001 den Talibanführer Mullah Omar als camp bezeichnet hat. Anschließend liest Kracht mit seiner weichen, warmen Stimme den kleinen Essay, den er dem Buch vorangestellt hat: „Die totale Erinnerung“.

Es ist Krachts alte Provokationspose. Das bizarre Schauspiel, das der nordkoreanische Staat Bürgern und Besuchern bietet, nennt Kracht eine „herrliche Inszenierung“, gar „größtes Kunstwerk“ der Menschheit. Das mag eine Form von Ironie sein, wie sie Kracht auch in „1979“, seinem Roman über den vorrevolutionären Iran, übte – nur dass sie da durch den Blick der Hauptfigur gebrochen war. Den Umstand, dass Touristen in Nordkorea nichts zu Gesicht bekommen sollen, was nicht eingeplant ist, nimmt er nun mit einem Verweis auf das Prinzip der „Gesichtswahrung“ in Schutz.

Größere argumentative Anstrengungen unternimmt der Text nur, um die Berichterstattung über Nordkorea in westlichen Medien als haltlose Propaganda zu denunzieren. Als Kronzeugin dient Kracht dabei die Schriftstellerin Luise Rinser, die in den frühen achtziger Jahren mehrmals Nordkorea besuchte – und sich vom Regime um den Finger wickeln ließ. Eine interessante Idee immerhin blitzt auf: Weil in der übrigen Welt so wenige Bilder von Nordkorea existieren, könnte das Land zur Projektionsfläche abendländischer Albträume geworden sein. Weiter entwickelt Kracht diese Idee aber nicht.

Danach ein Diavortrag. Lukas Nikol liefert einen groben Abriss der neueren Baugeschichte Pjöngjangs und führt durch eine gespenstisch menschenleere Stadt voller Betonungetüme. Eines davon ist das May Day Stadion, eines der größten Stadien der Welt. Regelmäßig wird dort das „Arirang-Festival“ abgehalten, bei dem zehntausende Schülerinnen und Schüler in perfekt einstudierten Formationen auftreten. Eva Munz versucht anschließend, die Pyramidenform einer monströsen Bauruine im Zentrum Pjöngjangs zu interpretieren. Sie zitiert Orwell und zeigt Bilder anderer Pyramiden. Aber was erklärt das?

Zum Schluss ein Präventivschlag gegen mögliche Kritiker: In der Ausgabe vom Juni 2005 hatte das italienische Architekturmagazin „domus“ Pjöngjang auf dem Cover, woraufhin ein Leser der Redaktion einen empörten Brief schrieb. Eva Munz liest zuerst den Leserbrief vor, der das komplette Arsenal politisch korrekter Rhetorik abfeuert, dann das Antwortschreiben des Chefredakteurs.

Der zeigt sich stolz, das Schwarz- Weiß-Denken seiner Leser herausgefordert zu haben und bezeichnet Nordkorea als „Albtraum“ und „Dystopie der westlichen Welt“ und beruft sich dabei auf die Architektur, die unter Umständen mehr offenbart als Diplomatie und Spionage. Unter günstigeren Umständen, ja. Aber nicht in diesem Buch.

Christian Kracht/ Eva Munz / Lukas Nikol: Die totale Erinnerung. Kim Jong Ils Nordkorea. Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins. 136 Seiten, 24,90 €.

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