Kultur : „Die Menschen hassen Kompliziertes“

Der Schriftsteller Wilhelm Genazino über Humor, den Büchner-Preis und das Ende des Wohlstands

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Herr Genazino, in Ihrem neuen Essayband „Der gedehnte Blick“ heißt es, dass „Schriftsteller, die sich für einen Literaturpreis bedanken, selten einen beschwingten Eindruck machen“. Mit welchen Gefühlen sehen Sie der Verleihung des GeorgBüchner-Preises am morgigen Samstag in Darmstadt entgegen?

Das ist insofern merkwürdig, weil es mit dem Büchner-Preis als Höhepunkt jetzt so aussieht, als würde es sich bei mir um einen ganz gewöhnlichen bürgerlichen Aufstieg handeln. Und das war mitnichten der Fall. Da gab es die beinahe schriftstellertypischen flauen Phasen, die sich über viele Jahre hinzogen. Und natürlich kann ein solcher Preis oder können Preise überhaupt nicht vergessen machen, in welch einem Schleuderleben man sich in Wahrheit befindet, auch wenn sich das nun fast golden verklärt. Aber das Leben geht ja hoffentlich noch ein bisschen weiter, und es hat schon etliche Schriftsteller gegeben, die auch nach dem Büchner-Preis noch abgestürzt sind.

Sind Sie mit Ihren Außenseiterfiguren, deren Archetypus Abschaffel, der Held Ihres Debüts von 1977 darstellt, jetzt im Zentrum der Gesellschaft angekommen?

Ich glaube nicht, dass man da überhaupt ankommen kann. Denn im Zentrum meines Werks steht ja immer die Angst vor der Entdeckung der Kompliziertheit des menschlichen Lebens. Und diese Angst teilt das Publikum. Es möchte nicht mit dieser Kompliziertheit bekannt werden. Und da genau das mich interessiert, werde ich sozusagen naturwüchsig immer am Rande verbleiben, was mir imÜbrigen nichts ausmacht. Ich bin dort ganz gerne, weil mich das auch individuiert. Das Zentrum sorgt für pausenlose Angleichung aller an alle, nur der Rand gibt Individuierungschancen frei.

Gerade ist die „Abschaffel“-Trilogie neu erschienen, Ihr Debüt über das so genannte falsche Bewusstsein der Angestellten im Geiste Siegfried Kracauers. Darin ist vom „mannigfachen Betrug“ an den Lohnempfängern die Rede. Wie aktuell ist das in den Zeiten von Hartz IV?

Es ist inzwischen eingetreten, was Abschaffel an die Wand gemalt hat. Wovor er immer Angst hatte, ist jetzt ein Massenschicksal geworden, auch die Depersonalisierung, also das eigenartige oder auch gar nicht so eigenartige Herauskippen aus an sich festen Biografien, die dann plötzlich erodieren, wenn die Menschen nicht mehr wissen, wo sie morgens hingehen und was sie eigentlich tagsüber machen sollen. Diese Zustände sind in „Abschaffel“ schon angelegt. Ich habe sowieso damit gerechnet, dass irgendwann das Wohlstandszeitalter zu Ende gehen wird, was man sich noch in den Achtziger- und Neunzigerjahren zu meinem Erstaunen nicht vorstellen konnte. Die Menschen hassen eben die Entdeckung der Kompliziertheit.

„Wahngebiet, Wohngebiet“ heißt eines Ihrer Hörspiele. Ein stiller, menschenfreundlicher Irrsinn bietet sich Ihren solipsistischen Helden als Ausweg aus der allgemeinen Überforderung an. Was bedeutet dieser Rückzug in die private Opposition?

Die laufende Vereinfachung spiegelt sich auch im Feuilleton und in den Rezensionen wider, worüber ich nicht so furchtbar böse bin, denn man kann dieses Bündel von Momenten und Motiven, in dem auch der Wahn beziehungsweise das Entgleiten eine Rolle spielt, oft nur schwer fassen. Man kann nicht sagen, an welchem Punkt eine gemodelte Perspektive auf die Welt einen gewissen wahnhaften Anteil annimmt oder einen übertrieben subjektiven. Das ist vielleicht auch gar nicht nötig. Man muss nur im Auge haben, dass das auch mitmischt. Das Distanzbedürfnis ist ein sehr einsames Bedürfnis, und in der Nähe eines Ticks herrscht immer eine starke Einsamkeit.

Seit dem Erfolg Ihres Romans „Ein Regenschirm für diesen Tag“, der 2001 im Literarischen Quartett hymnisch gelobt wurde, haftet Ihnen das Klischee des Flaneurs an, der Augenblicke sammelt. Mit „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“ scheint noch das Klischee des Humoristen hinzugekommen zu sein.

Dass ich da und dort als Humorist gehandelt werde, hat mich entsetzt. Denn meine Perspektive ist der Mensch, der das Vermögen hat, einen komischen Zusammenhang als solchen für sich zu entdecken. Und das ist aber das Gegenteil von Witzeerzählen und Humor, weil diese komische Relation ganz nah mit Ironie verschwistert ist, als eine der Techniken, wie man dem eindimensionalen Leben entfliehen kann. Wenn man die Möglichkeit hat, einen ironischen Eskapismus für sich zu entwickeln, dann ist man schon halb gerettet. Ironie hat mit Humor nichts zu tun, sie ist etwas Verborgenes und eigentlich sehr Feines.

In dem Essay „Eine Gabe, die fehlgeht – Über literarische Erfolglosigkeit“ beanspruchen Sie das Recht des Scheiterns. Es fördere sogar die Kreativität. Wie gehen Sie damit um, dass Ihre letzten beiden Romane im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, während die früheren nicht die angemessene Beachtung fanden?

Ich überlege mir auch zuweilen, woran die starke Zweiteilung in der Rezeption liegen mag. Und ich finde keine plausiblen Gründe dafür. Ich fürchte, dass es eben doch das außerliterarische Kriterium des Literarischen Quartetts ist, das das Interesse sich auf den Regenschirm-Roman gelenkt hat. Von da ab ging es in eine andere Richtung, was für keinen meiner früheren Romane galt. Diese Phase fällt eben ganz raus, was ein bisschen schade ist, denn schon der Roman davor, „Die Kassiererinnen“, der noch bei Rowohlt erschienen ist, hätte genauso gut eine größere Aufmerksamkeit finden können.

Tragen daran womöglich auch die Titel Ihrer Bücher eine gewisse Schuld?

Ein Titel wie „Das Licht brennt ein Loch in den Tag“ ist in der Tat für jene, die die Kompliziertheit fürchten, sehr abschreckend. Oder „Die Obdachlosigkeit der Fische“: Unter 50 können sich da zwei was denken, alle anderen wissen nichts und sind überfordert. Und das eine oder andere Buch hatte keinen Publikumsappeal. Worüber ich mich im Übrigen nicht beklagen will. Ich hatte immer meine 3000, 4000, 5000 Leser. Und genau genommen haben die mir gereicht. Das sind meistens qualifizierte Menschen, die mit einer gewissen literarischen Bildung lesen, die das zu schätzen wissen und mich vor großen Missverständnissen bewahrt haben.

Das Gespräch führte Katrin Hillgruber

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