Kultur : Die Missgünstigen

Dresden tut sich schwer mit Uwe Tellkamp und seinem preisgekrönten Wenderoman „Der Turm“

Robert Schröpfer

Diese Stadt hätte allen Grund, geschmeichelt zu sein. Da schreibt ein Schriftsteller einen großen Roman von fast tausend Seiten, der sie zum Schauplatz einer vielschichtigen Handlung macht, und hat damit auch noch viel Erfolg: Er bekommt den Deutschen Buchpreis und steht seit sieben Wochen ganz oben auf den Bestsellerlisten. Sein Roman ist kunstvoll gearbeitet, er erfasst eine ganze Gesellschaft und Epoche, und er rückt eine Stadt, die sich schon immer als etwas Besonderes, als Nabel der Welt gar gefühlt hat, ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Doch anstatt stolz und dankbar zu sein, begegnen die Bürger der Stadt dem Schriftsteller, der ihnen mit seinem Roman ein Denkmal setzt, mit einer seltsamen Mischung aus Misstrauen, Missgunst und Miesepetrigkeit.

Oft sind in den letzten Wochen Parallelen zwischen Thomas Manns „Buddenbrooks“ und Uwe Tellkamps Wenderoman „Der Turm“ gezogen worden: die Schilderung einer Epoche, eine traute, bürgerliche Familie im Zentrum des Geschehens, das Raunen des Imperfekts, der Bildungs- und Motivreichtum, der Mut und die Größe dieses Wurfs. Aber so wie die Kaufmannsstadt Lübeck ihrem Sohn den Roman über den „Verfall einer Familie“ und wohl auch dessen Erfolg zunächst verübelte, will auch Dresden in die Bewunderung für „Der Turm“ nicht ungeteilt miteinstimmen. Lob und Ehrerbietung gibt es für Tellkamp nur „Außer Raum Dresden“, wie man einst die Abkürzung für die im Elbtalkessel nicht zu empfangende ARD übersetzte. Die Schöne an der Elbe aber schmollt.

„Eine Stopfgans und ganz große Oper“ nannte die Rezensentin der „Sächsischen Zeitung“ Uwe Tellkamps Roman. Einzelne Szenen überzeugten, so die Rezensentin, das Ganze aber stimme nicht. Bei einer Lesung im Deutschen Hygiene-Museum Dresden ist „Einseitigkeit“ ein wichtiges Schlagwort der Diskussion. Ständig angegriffen gefühlt habe sich ein „verkrampft“ wirkender Autor, berichtet tags darauf ebenfalls die „Sächsische Zeitung“. Und mokiert sich über Ingrid Biedenkopf, Ehefrau des Ex-Ministerpräsidenten, die dem Bedrängten beizuspringen versucht: Offenbar habe sie das 1000-Seiten-Buch sehr schnell gelesen

Vom Lob des „Großfeuilletons“ (lies: Westpresse) ist weiter die Rede. Tellkamp brauche, heißt es, gleich eine halbe Seite, um die Farbe abblätternden Putzes heraufzubeschwören. Immerhin: Für die Entscheidung, Tellkamp den Deutschen Buchpreis zu verleihen, gibt es Beifall, er erschließe den Lesern wie kaum jemand zuvor Aromen, Redeweisen und Mentalitäten der späten DDR. Dann aber folgt noch ein rätselhafter Satz: „Gegen die anderen Bücher der Shortlist spricht das nicht.“ Punkt. Ende der Einlassung. Was hat Uwe Tellkamp getan, so möchte man fragen, dass man in Dresden glaubt, so skeptisch und unlustig mit ihm umspringen zu müssen?

Im Lübeck der Jahrhundertwende kursierten Entschlüsselungslisten. Auch im Dresden der Gegenwart gibt es inzwischen Stadtführungen nach der Vorlage des Romans, wird „Der Turm“ mit dem virtuellen Archiv eigener Erinnerungen gelesen. Aber da sind nicht nur authentische Orte wie etwa das Turmviertel, der Weiße Hirsch. Dessen DDR-Grau übermalt Tellkamp verschattet-romantisch, wenn er den Straßen Namen wie „Mondleite“ und „Planetenweg“ gibt, wenn er aus dem Luisenhof einen viel sibyllinischeren Sibyllenhof macht und aus der Talsperre Malter ein kühl-tiefes „Kaltwasser“. Da sind nicht nur die Literaturprominenz und die Parteinomenklatur von Franz Fühmann über Hans Modrow bis zu Manfred von Ardenne, Dresdens Rotem Baron. Vielmehr legen Tellkamps reich ausgestatteten Szenerien und vor allem seine präzisen Personenschilderungen den Gedanken nahe, dass das gesamte Personal seine Entsprechung in der Wirklichkeit hat.

Weil dieser Roman, der auch ein Schlüsselroman ist, im Individuellen seiner Figuren jeweils Typisches zeigt, fühlen sich weit mehr als nur die mutmaßlich konkreten Vorbilder angesprochen: Nachbarn, Mediziner, Panzersoldaten, Mitschüler, Spitzel. Es geht also um die Deutungshoheit über die eigene (Ost-)Biografie. Hier schreibt jemand, wie es gewesen ist, und man ist nur allzu bereit, ihm zu glauben. Das alles ist ein mit viel Scham verbundener Vorgang des Ausgestellt-Werdens.

Auch trägt die Innerlichkeit, der Rückzug ins Private, den der Roman spiegelt, eine eigene Aufladung: Vielfach wird der Glanz des Alten Dresden mit der Gegenwart, der Untergang der Stadt im Bombardement der Alliierten mit der Schmach der eigenen nationalsozialistischen Vergangenheit verrechnet. „Sie sagen nie ,die Nazis!’, sondern ,die Tiefflieger’, reden vom ,Morgenstern der Jugend’ und ,wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Untergang Dresdens’“, lässt der Autor einmal seinen Meno Rohde fluchen.

Tellkamps Roman zielt eben nicht nur auf die heile Bildungsbürger-Welt, auf Goethes „Wilhelm Meister“ oder E. T. A. Hoffmanns Dresden-Märchen „Der goldne Topf“, dessen Autor mit der Familie Hoffmann des Romans nicht zufällig den Namen teilt. Nein, „Der Turm“ blendet auch jenes Dresden nicht aus, das Victor Klemperer in seinen Tagebüchern beschreibt. Der jüdische Dresdner rettete sich im Chaos der über Nacht zerstörten Stadt vor der Deportation in die Vernichtungslager. „Dresden ... in den Musennestern / wohnt die süße Krankheit Gestern.“ Aus diesen bei Tellkamp leitmotivisch wiederkehrenden Versen spricht Ambivalenz.

Das aber sollte die porträtierte Stadt, die im Roman für ein ganzes Land steht, doch erkennen: Zu dem Bild von der „süßen Krankheit gestern“, man spürt es in jeder Zeile, gehört auch die tiefe Zuneigung des in der Stadt Geborenen und Aufgewachsenen. Nicht umsonst trug Uwe Tellkamp im Moment seines Triumphs bei der Buchpreisverleihung in Frankfurt einen schwarzen Anzug und eine alberne gelbe Krawatte – Dresdens Stadtfarben – und dazu eine „Winzermütze“. In seinem so überaus erfolgreichen Roman wird Dresden doch noch zur heimlichen, zur gefühlten Hauptstadt der DDR. Vielleicht stört die Stadt sich genau daran.

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