Kultur : Die Musikdiktatur

Eine Tagung an der FU Berlin untersucht die Rolle der Reichsmusikkammer im NS-Staat.

Tomasz Kurianowicz

Schon 1933 gründete Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, die Reichsmusikkammer, mit dem Auftrag, das deutsche Musikleben dem reaktionären Musikgeschmack der Nazis unterzuordnen. Nur wer Mitglied dieser Organisation war, durfte im Dritten Reich als Musiker tätig sein. Zehntausende Musiker und Komponisten, vor allem jüdischer Herkunft, blieb die Mitgliedschaft verwehrt: Sie bekamen Berufsverbot und mussten ihre Positionen minderbegabten „Ariern“ überlassen. Das Musikleben erlebte eine Provinzialisierung, von der sich Deutschland lange nicht erholte. Auch führende Köpfe der Musikwissenschaft beteiligten sich an dem Feldzug gegen künstlerische Vielfalt.

Nun hat die Freie Universität unter Federführung von Albrecht Riethmüller und Michael Custodis (Universität Münster) zu einer Tagung geladen, um die bislang ungenau erforschte Rolle der Reichsmusikkammer zu untersuchen („Musik unter dem Hakenkreuz: Die Reichsmusikkammer im Zeichen der Begrenzung der Kunst“). In den Vorträgen zeigte sich, dass die Kammer eine strikt organisierte Propaganda- und Kontrollmaschine war, deren Agenda auf rassistischen Prinzipien basierte: Gleichschaltung, Unterdrückung, Auslöschung.

Wie aber standen einzelne Persönlichkeiten dem Unterfangen gegenüber? Wie ist zum Beispiel das Engagement von Richard Strauss zu bewerten, dem ersten Präsidenten der Reichsmusikkammer? Der weltberühmte Komponist war nie Parteimitglied der NSDAP – und doch hat er sich auf den Posten aus Überzeugung beworben. Erst ein Brief an den jüdischen Dichter Stefan Zweig, in dem Strauss seine Distanz zu den Nazis hervorhob, kostete ihn 1935 die Stelle. Das machte Gerhard Splitt (Universität Erlangen-Nürnberg) in seinem Vortrag deutlich. Als Ausdruck oppositionellen Protests lässt sich dieser Brief trotzdem nicht bewerten. Vielmehr ist davon auszugehen, dass der Einwand ein Versuch war, konträr gegenüberstehende, also vor allem karrieristische Motive zu verbinden. Bis zuletzt blieb es der Wunsch von Strauss, auf den „gesamten französischen und italienischen Opernkram“ eines Tages verzichten zu können.

Die Distanz, die Richard Strauss speziell nach dem Krieg den Nationalsozialisten gegenüber betonte, konnte auch Albrecht Riethmüller nicht überzeugen. Das hat der Musikwissenschaftler unlängst mit Verweis auf die von Richard Strauss an Hitler geschriebenen Briefe gezeigt, die von Verehrung nur so strotzen. „Ihr treu ergebener Dr. Richard Strauss“, heißt es am Ende eines Geburtstags- und Dankesschreibens an Hitler. Auch seine Besuche beim Führer verliefen immer reibungslos. Riethmüllers Urteil: „Es klingt nicht so, als ob der Künstler und Präsident der Reichsmusikkammer Strauss seinen obersten Chef 1935 zum Suizid hätte überreden wollen.“

Keynote-Redner Oliver Rathkolb von der Universität Wien zog ähnliche Schlüsse. In seinem Vortrag machte er bewusst, dass die Nationalsozialisten mit der Reichsmusikkammer von Anfang an eine rassistische Agenda verfolgten. Einerseits knüpften sie an die deutsche Musiktradition an – Beethoven, Wagner, Brahms –, andererseits löschten sie all jene Einflüsse aus, die in die neue Rassentheorie nicht passten: Das traf die Sinfonien von Mendelssohn Bartholdy ebenso wie die Zwölftonmusik von Schönberg oder die vom Jazz inspirierten Kompositionen Hindemiths. Richard Strauss mit seinem eher konservativen Musikgeschmack kam den Nazis in seinem Selbstverständnis als Fortsetzer und Erneuerer der deutschen Romantik und der Dur- und Moll-Tonalität verpflichteten Musiktradition gerade recht.

Fortan sollte die Musik dem propagandistischen Feldzug der Nazis dienen: Hausmusiktage wurden mit dem Ziel eines kollektiven, völkischen Kunstgenusses organisiert. Zudem sollten Bach-Händel-Schütz(en)-Feste den Volkscharakter deutscher Kompositionen unterstreichen. Musik wurde zum manipulativen Instrument degradiert, um die Bevölkerung von der politischen Realität abzulenken und zu betäuben. Dabei wurde nach 1939 vor allem die Unterhaltungsmusik immer wichtiger: Als in Stalingrad die Soldaten an der Ostfront starben, verbreiteten in Deutschland Radiosender auf Befehl der Reichsmusikkammer mit Operetten und Schlagern gute Stimmung. „Je hoffnungsloser die Lage, desto wichtiger wurde die Unterhaltungsmusik“, so das Resümee von Historiker Rathkolb. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs blieb Deutschland eine minutiös kontrollierte Musikdiktatur. Tomasz Kurianowicz

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