Kultur : Die Nacht der gleitenden Leichen

Rüdiger Schaper

Baby one more time - Martin Kusej motzt das Hamburger Thalia-Theater aufRüdiger Schaper

Strindberg glaubte an das zweite Gesicht, an Dinge und Zusammenhänge, die sonst keiner sah. Aus seiner alchemistischen Phase, die er im "Inferno" durchlitt, stammt folgende Geschichte. Einmal fand der Dichter auf der Straße zwei Papierfetzen mit den Zahlen 207 und 28. Dem Atomgewicht nach, so dachte er, sind dies Blei und Silizium. Und daraus sollte er Gold machen. Jemand hatte ihm ein geheimes Zeichen gegeben.

Es kommt auch im Theater auf das Kleingedruckte an. Es verbirgt manchmal die großen Katastrophen. Hier ist es ein dünner Schrägstrich, der alles verändert. "Gespenstersonate" von August Strindberg / Martin Kusej: Der viel beschäftigte, erfolgreiche österreichische Regisseur schreibt sich als Co-Autor ein. Das ist einerseits ehrlich - und längst banale Theaterpraxis. Regisseure fügen einem Dramentext hinzu, was ihnen so in den Sinn kommt. Andererseits fragt man sich, warum sie das systematisch tun. Warum ein Martin Kusej glaubt, dem Meister des subtilen Horrors auf die Sprünge helfen zu müssen. Kusej dichtet und schichtet das zarte Drama um, er redigiert und injiziert, er reißt auf und schüttet zu. Und das Perfide ist: Wer Strindbergs magisch-psychologische Visionen nicht kennt, könnte das schwedische Genie für einen brüllenden Elch, eine tumbe Holzfäller-Seele halten.

1907, fünf Jahre vor seinem Tod, schrieb August Strindberg eine Serie von vier Kammerspielen, von denen die "Gespenstersonate" das berühmteste ist. Ingmar Bergman arbeitet sich sein Leben lang schon an dem enigmatischen Drama ab. Die schuldvolle Verstrickung der Alten in das Leben der nachfolgenden Generationen, hochgezüchteter Hass, vergiftete Liebe: Die Leitmotive des älteren Ibsen geistern hier wie lose Partikel durch die Atmosphäre. Es sind Traumspiele der Moderne, surreal und mystisch eingefärbte Angstphantasien, die hinter der realen Welt aufkeimen, an der wir uns notdürftig festklammern. Strindberg, Jahrgang 1849, war schon unser Zeitgenosse - von technischen Neuerungen besessen, dem Unsichtbaren, Virtuellen auf der Spur.

Doch Kusej zwingt ihn zum Offenbarungseid. Kusej will Schlagzeilen, keine Zwischentöne. Er spielt keine Sonate, sondern eine scheppernde Sinfonie. Bei Strindberg beispielsweise ist das "weiße Mädchen" stumm, eine Erscheinung. Bei Kusej plappert es sogleich drauf los. Bei Strindberg verliebt sich der Student in die entrückte, ophelienhafte Tochter des Gespensterhauses. Bei Kusej wird lauthals gestöhnt, brutal gevögelt. Strindbergs Albtraumgestalten diffundieren durch schimmelige Wände. Kusejs Typen schlagen Scheiben ein. Kusejs Monstren kotzen grünen Tee, während Strindberg, der "Erfinder" des Kammerspiel-Theaters, ihnen mit Geisterhand das Leben aussaugt, sie verdorren lässt.

Alles wird groß und grob in der Aufführung des Hamburger Thalia-Theaters, die in Zusammenarbeit mit dem Theater Klagenfurt entstand. Kusej schwingt die Keule. Langweilig wäre es, eine müßige Philologenübung, das (imaginäre) Original Punkt für Punkt mit Kusejs Konzept abzugleichen. Es traut sich ja kaum ein Theater an Strindbergs bahnbrechende Kleinodien heran. Nur: Kusej zertrümmert seine Entdeckung sogleich wieder. Er macht Strindberg zum dummen August. Er lässt ein großartiges Ensemble alt aussehen. Am ärgsten fällt es auf bei Elisabeth Schwarz - ihre gequälte Künstlichkeit als Mumienfrau schmerzt. Den alten Rachegott Peter Roggisch holt Kusej aus dem Rollstuhl heraus - aber nun steht dieser mächtige Schauspieler verloren in Bergen von Werbeprospekten, ein Fels in faden Tanztheater-Tableaus. Karoline Eichhorn, das Mädchen, muss eine Ewigkeit verkrampft auf einem Tisch hocken, und dem jungen Mann, dem Fremden, fällt zur ihrer Rettung nur eine Vergewaltigung ein. Andreas Schlager stapft durch diesen Horrorfilm, als wüßte er nicht wohin mit seiner Kraft. Soll er jemanden umbringen? Ein Verbrechen aufklären?

Kusej ergötzt sich an den Details eines rituellen Mordes, einer Mädchen-Zerstückelung, an pornographischen Zwangsvorstellungen, die selbstverständlich nicht bei Strindberg stehen, aber auch für sich genommen keine Wirkung entfalten. Einmal traut er sich, in die andere Richtung zu gehen. Beim Eintritt in das Totenhaus dreht er die Beleuchtung weg. Schwarze Finsternis im Zuschauerraum. Zwei, drei Minuten lang hört man Stimmen aus weiter Ferne. Bedrohlich. Verlockend. Man wacht auf, die Nerven sind gespannt. Doch schon rufen die ersten Zuschauer dazwischen, halten Feuerzeuge hoch, Türen knallen. Und das Licht geht wieder an. Die Schauspieler gehen die Wände hoch. Sie stehen wie die Ölgötzen. Einer kippt um. Und jetzt ist Party. Die fette Köchin (Hildegard Schmahl) bringt Sekt und Tischfeuerwerk. Sie tanzen: "Burning down the house" von Tom Jones. Weil in Strindbergs Kammerspielen immerzu Häuser abbrennen und zerfallen. Sie schwoofen mit Britney Spears: "Baby one more time". Noch einmal? Bitte nicht.

Sebastian Huber, Kusejs Dramaturg, schreibt im Programmheft (auch das gehört zum Kleingedruckten) einen klugen Aufsatz über Strindberg und seine Häuser. Es geht um das Schicksal der scheinbar toten Materie, die der Mensch beseelt mit seinen Qualen, seinen Träumen, seiner Schuld. Es dreht sich um die Frage der Zivilisation, um das Göttliche, das die Neuzeit mit materiellen Werten ersetzt hat. Das Bühnenbild von Martin Zehetgruber spiegelt diesen Gedanken, die Szenerie nimmt Motive aus "Scheiterhaufen" und "Brandstätte" auf, aus Strindbergs Kammer-Serie. Fassaden weichen zurück, Mauern stürzen ein, ein Haus verbrennt, kalt, ohne Feuer. Asche überall, wie nach einem Vulkanausbruch. Der Junge und das Mädchen haben überlebt. Ein Wunder. Ein erlösender Moment der Stille. Ein Anfang. Endlich.Wieder am 15., 21., 27., 28. März

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