Kultur : Die Nacht des Schicksals

Hans Kresnik kehrt an die Volksbühne zurück und sucht mit „Villa Verdi“ noch einmal den Kulturkampf.

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Alte Meister unter sich. Jochen Kowalski schwingt das Tanzbein. Foto: dpa
Alte Meister unter sich. Jochen Kowalski schwingt das Tanzbein. Foto: dpaFoto: dpa

Bei dieser Idee kann wenig schiefgehen, oder? Der amtliche Tanztheater-Berserker Johann Kresnik kehrt, 73-jährig, an die Berliner Volksbühne zurück und wuchtet mit namhaften Altersgenossen ein Stück über Künstler-Rentner auf die Bühne. Als Inspirationsquelle dient Daniel Schmids Dokumentarfilm „Il Bacio di Tosca“, ein Porträt des von Giuseppe Verdi gestifteten Altersheims Casa di Riposo per Musicisti für mittellose Sänger, Komponisten und Musiker. Dieses feinsinnige Mailänder Sozialprojekt soll Verdi ja selbst als sein „bestes Werk“ bezeichnet haben. Lässt man sich auf Schmids fast dreißig Jahre alte Filmvorlage ein, begreift man tatsächlich viel über Künstlerbiografien und Theater-Zeiten, über das zusehends lockere Diffundieren zwischen Interpret und Bühnenrolle und über sympathisch-schrullige, bisweilen auch ernsthaft starrsinnige Altersrealitätsverluste.

Idealer Theaterstoff eigentlich, zumal Kresnik für sein Volksbühnen-Comeback nach elfjähriger Berlin-Abstinenz handverlesene Mitstreiter aktivieren konnte. Die Schauspielerinnen Hildegard Alex, Annekathrin Bürger und Ilse Ritter etwa verkörpern prägende Jahrzehnte deutsch-deutscher Film- und Theatergeschichte, auch dezidiert Berliner Zuschnitts. Aufseiten der Musik tritt die mit 86 Jahren mutmaßlich betagteste Mitwirkende Jutta Vulpius, Koloratursopranistin und DDR-Nationalpreisträgerin, im Duett mit dem Countertenor Jochen Kowalski auf, der (Geburtsjahr 1954) den Altersdurchschnitt auf dem Szenario bereits um einiges senkt.

Kurzum: Wohin man auch blickt in Marion Eiseles hinten von einem riesigen Regal begrenzten Bühnenrund, in dem eine für den direkten Handlungsverlauf erhaben irrelevante Marx-Büste verstaubt, steht eine derart geballte künstlerische Kompetenz, dass man sich als Nachgeborene eigentlich nur still verneigen kann. Was hätte jeder einzelne dieser Ausnahme-Protagonisten zu erzählen!

Doch statt dieses Potenzial auszunutzen, hat Kresniks Librettist Christoph Klimke der titelgebenden „Villa Verdi“ lieber eine plakative Rahmenhandlung verpasst, die individuelle Erfahrungswelten auf den kleinsten austauschbaren Nenner schrumpft und den hundertminütigen Abend damit geradezu ärgerlich in Richtung Putzigkeit verschiebt. Der Villa droht der Subventionsentzug. Also bereiten sich die Insassen, in wilden Kostümen aufgeschreckt durcheinanderwuselnd, auf eine Gala vor, auf der die üblichen holzschnitthaften Politiker-Nichtsnutze von deren künstlerischem Wert überzeugt werden sollen. Großartige Schauspieler wie Roland Renner sprechen bei dieser Gelegenheit Sätze à la „Die Villa Verdi ist ein Symptom. In diesen Zeiten werden nach und nach alle Kulturinstitutionen geschlossen!“. Dabei wäre jeder x-beliebige frühere Bühnenmonolog ein tausendmal eindrücklicheres Plädoyer gegen kulturelle Kahlschlagsbedrohungen gewesen. Dass der von Andreas Seifert gespielte Altenpfleger Karl Grün in einer Art Hawaiihemd zwischen den Villenbewohnern herumhüpft und den Furor permanent befeuert, macht die Sache nicht besser: „Aus der Villa können die ja einen Handyshop machen. Es ist zum Kotzen. Und wir sollen uns das gefallen lassen? Nein!“

Zunächst droht allerdings – was mit aktuellen Beispielen belegt wird – noch nicht der Handyshop, sondern die Abschaffung insbesondere der Tanz- und Musikabteilung an Mehrspartenhäusern; von Kresnik in der ihm eigenen Direktheit bebildert. Nach der tollen Einlage eines klassischen Tanzpaars der Staatlichen Ballettschule Berlin (Nemu Kondo und Ryosuke Morimoto) zerrt die Tänzerin Yoshiko Waki eine lustige Pappmaché-Kreissäge auf die Bühne und entledigt sich unter illustrem Kunstblutspritzen des spitzenbeschuhten rechten Fußes. Anschließend hüpft sie als personifiziertes ausblutendes Tanztheater an Krücken einher; begleitet von der ihrerseits ebenfalls vermeintlich amputierten „Musik“, die die Sängerin Sarah Behrendt mit weggebundenen Unterschenkeln im Rollstuhl versinnbildlicht.

Punktuell interessant wird der Abend allenfalls dann, wenn er die Rahmenhandlung verlässt und die Akteure tatsächlich nummernrevueartig ihre Kunst ausüben können. Wobei es die Sänger in der Regel besser getroffen haben als ihre Sprechtheaterkollegen, die sich an „Hamlet“ und „Macbeth“ erinnern und denen nur Ironie geblieben ist. Christine Wahl

Nächste Vorstellungen am heutigen Freitag sowie am 3.5., 19.30 Uhr.

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