Kultur : Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da

BASTIAN BRETTHAUER (32) hat ein Buch über die Nacht und ihre Schwärmer geschrieben: "Die Nachtstadt.Tableaus aus dem dunklen Berlin" (Campus Verlag, Frankfurt am Main, 220 Seiten, 39,80 Mark).Philosophische und historische Erkundungen, Interviews und eigene Beobachtungen verdichten sich zu einer Hymne an die Nacht, die zwischen Wissenschaft und Literatur schillert.Bretthauer hat Europäische Ethnologie an der Humboldt Universität studiert, "Die Nachtstadt" ist seine Magisterarbeit.Am Sonntag stellt er das Buch zusammen mit der Filmemacherin Sophie Heldman und der Schauspielerin Teresa Harder im Reingold (Mitte, Novalisstraße 11, 20.30 Uhr) vor.Das Interview führte Christian Schröder.Foto: Mike Wolff

TAGESSPIEGEL: Es ist ein sonniger Maivormittag, wir sitzen in einem Straßencafé.Wie war die letzte Nacht?

BRETTHAUER: Gut.Ich war mit einer Freundin beim Italiener.Wir haben bis kurz vor 1 Rotwein getrunken und geredet.

TAGESSPIEGEL: Was glauben Sie: Würden wir eine anderes Gespräch haben, wenn es jetzt nicht Tag wäre, sondern Nacht?

BRETTHAUER: Wir wären in einer ganz anderen Stimmung.Wer nachts ausgeht, will etwas erleben und aus der Tagesroutine aussteigen.Die Bereitschaft ist dann viel größer, sich vom Zufall treiben zu lassen.Es kommt stärker auf Blicke an, aufs Sich-Zeigen und Beobachten.Worte sind nachts nicht mehr so wichtig.Die Wahrnehmung ist schärfer, die Welt ist ein bißchen verwandelt.Um es mit Novalis zu sagen: "Hin floh die irdische Herrlichkeit und meine Trauer mit ihr - zusammen floß die Wehmut in eine neue unergründliche Welt - du Nachtbegeisterung."

TAGESSPIEGEL: Wann haben Sie begonnen, sich wissenschaftlich für die Nacht zu interessieren?

BRETTHAUER: Das fing vor ungefähr fünf Jahren an, als ich das Buch "Nachts in der großen Stadt" von Joachim Schlör las, eine brilliante kulturhistorische Studie über das Nachtleben von Paris, New York, Berlin und London.Leider endet das Buch 1933, und in einem Epilog warnt Schlör vor den Gefahren, denen das heutige Nachtleben ausgesetzt sei: Kommerzialisierung, Überbelichtung, Kriminalisierung.Dabei spielt etwa das Licht im Nachtleben schon eine Rolle, seitdem der Adel im Barock begann, Feste mit aufwendigen Lichtspielen zu inszenieren.Und je mehr Licht dann später in die Nacht kam, desto mehr sind die Menschen ausgegangen.Den zeigefingernden Kulturpessismus von Schlör teile ich überhaupt nicht, und deshalb beschloß ich, selber ein Buch zu schreiben: eine Verteidigung der Nacht.Schließlich bin ich selber ein begeisterter Nachtschwärmer.

TAGESSPIEGEL: Sie haben dann im "Tip" und im "zitty" Kleinanzeigen aufgegeben: "Nachtschwärmer? Bist du nachts gerne unterwegs, rufe bitte an, mich interessieren deine Erfahrungen." Wie waren die Reaktionen?

BRETTHAUER: Ich habe drei mal annonciert und etwa zwanzig Antworten bekommen.Es gab jemanden, der angeboten hat, mit mir "Weiber aufreißen" zu gehen.Und ein Schwuler wollte sich mit mir nachts im Park treffen.Darauf bin ich natürlich nicht eingegangen, ich wollte ja seriöse Interviews führen.Mit sieben Leuten habe ich mich schließlich getroffen, und diese sieben Gespräche bilden das Zentrum meines Buches.Es waren sehr unterschiedliche Begegnungen.Mit einem Sozialhilfeempfänger habe ich in einer Wilmersdorfer Eckkneipe gesessen und heimlich Dosenbier getrunken, das er aus seinem Rucksack holte, weil ihm das Kneipenbier zu teuer war.Mit einer jungen Frau war ich auf einem Friedhof, wo sie von schwarzen Messen erzählt hat.Und im Roten Salon der Volksbühne habe ich einen Schwulen getroffen, der mir erklärte, warum helle Kleidung in seiner Szene etwas mit Sex zu tun hat.Ich habe ihre Erzählungen mit meinen Beobachtungen kombiniert und daraus Tableaus gemacht, die jeweils die Stimmung einer Nacht wiedergeben.Jede Nacht ist anders, und für jeden hat die Nacht eine andere Bedeutung.

TAGESSPIEGEL: Berlin gilt als Hochburg des Nachtlebens.Viele Leute kommen nur deswegen hierher.Ist die Nacht in Berlin grundsätzlich aufregender als in Hamburg, Leipzig oder Detmold?

BRETTHAUER: Natürlich kommt es immer darauf an, was man aus der Nacht macht.Aber es gibt in Berlin eine besondere Qualität des Nachtlebens, die ja auch schon lange genug auf Postkarten verheizt wird: Die Stadt ist rund um die Uhr geöffnet, es existiert keine Sperrstunde.Das ist ein Privileg, das die Berliner dem Kalten Krieg zu verdanken haben.Nach 1945 brach zwischen den Besatzungsmächten eine Art Wettkampf aus, wer seine Kneipen am längsten auflassen konnte.Die Berliner sind dann immer in den Sektor gezogen, in dem die Polizeistunde am weitesten hinten lag.Als die Amerikaner schließlich 1949 bei 23 Uhr angelangt waren, hat der Präsident des Berliner Gaststättenverbandes den amerikanischen Kommandanten gefragt, ob man nicht testweise die Sperregelung ganz fallen lassen könnte.Das wurde 14 Tage lang gemacht, es gab keine Krawalle oder Zusammenraufungen, und deshalb blieb es dann auch anschließend bei der Aufhebung.Das wurde als Triumph des freien Westens gefeiert.Das hatte es nie vorher gegeben, selbst in den zwanziger Jahren endete die Nacht spätestens um 23 Uhr.

TAGESSPIEGEL: Das Nachtleben der zwanziger Jahre wird heute gerne verklärt: Ist das ein Berlin-Mythos?

BRETTHAUER: Nicht nur.Da war schon wahnsinnig viel los.Es gab in den zwanziger Jahren innerhalb einer kurzen Zeit eine radikale Modernisierung, die alle Bereiche des Lebens betraf.Dazu gehörte auch eine gewisse Sittenlockerung.In den Tingeltangeltheatern blühte der Nackttanz, der eigentlich verboten war.Eine Sensation jagte die andere, alles hatte ein ungeheures Tempo.Und heute ist es natürlich verlockend, in einer Stadt, die sich ständig nach ihrer Geschichte erkundigt, auf diesem Mythos aufzubauen.

TAGESSPIEGEL: Bei den Recherchen für Ihr Buch waren Sie in der ganzen Stadt unterwegs.Gibt es beim Nachtleben Unterschiede zwischen Ost und West?

BRETTHAUER: Der Hauptunterschied hängt damit zusammen, daß das Berliner Nachtleben in den Jahren nach der Wende sozusagen ins Zentrum zurückgekehrt ist.Wenn man sich die Topographien großer Städte anschaut, dann ist das Nachtleben in der Regel immer zentral.Auch hier.Bis 1989 waren Kreuzberg und Schöneberg die bevorzugten Ausgehgebiete, jetzt sind es Mitte und Prenzlauer Berg.Als sich gleich nach der Wende das Nachtleben in Mitte einnistete, profitierte es vom Charme des Morbiden.Es gab kaputte Häuser, in denen oben noch die Einschußlöcher aus dem Krieg zu sehen waren und unten supermodern designte Bars installiert wurden.Diese Kontraste hat der Osten dem relativ gleichmäßig gewachsenen Nachtleben im Westen voraus.Im Osten konnte das Nachtleben auf die subversiven Traditionen der Vorwendezeit aufbauen.Ich bin selbst in Mitte aufgewachsen, wo man in den achtziger Jahren vor allem auf Privatparties gegangen ist, weil es nicht so viele Diskos gab.Es gab riesige Feste auf Dachböden und heimliche Bars.Solche Etablissements gibt es immer noch - die Montags-, Mittwochs-, Freitagsbars -, aber die Privatparties werden seltener.Leider.

TAGESSPIEGEL: Als Westler staunt man immer wieder darüber, daß die Oranienburger Straße, heute die Kapitale der Berliner Ausgehkultur, vor der Wende ein Niemandsland gewesen sein soll.

BRETTHAUER: Bis 1989 war die Oranienburger Straße uninteressant, ganz klar.Das Tacheles war eine Ruine, in der es ein Kino gab.Außerdem existierten noch ein paar Gaststätten, in denen aber nie was los war.Gleich nach der Wende ist dann dieser Hype losgegangen.Natürlich spielte die Aufwertung der innerstädtischen Quartiere eine Rolle, aber man versuchte auch, an die jüdische Tradition der Zeit vor 1933 anzuknüpfen.Es wurde im Scheunenviertel eine Art Pseudo-Stetl installiert, das jetzt vor allem Touristen anlockt.Berliner gehen da aber kaum noch hin.

TAGESSPIEGEL: Die Karawane der Nachtschwärmer ist weitergezogen.Wohin?

BRETTHAUER: Zum Beispiel zum Prenzlauer Berg, wo es ein riesiges Angebot an Nachtgastronomie gibt.Aber auch Friedrichshain ist im Kommen.Ich war dort neulich in der Wühlischstraße unterwegs.Die Straße war menschenleer, aber in einem Kino gab es einen Hinterraum, wo 200 Leute hockten, abgefahrene LSD-Filme guckten und viel Spaß hatten.Es war wirklich nett.

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