Die Naturgeschichte von Lukrez : Von der Schönheit des Denkens

Für Lukrez sind Geist und Seele körperlich: Wie Psychisches und Physisches zusammenhängen, erklärte er in seinem Lehrgedicht "De rerum natura".

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Ein vor Zeiten ungeheurer Gedanke: „Das Universum ist aus zweierlei zusammengesetzt: aus Körpern und Leere.“ Kein Gott und keine Götter mehr im Himmel, und die uns sichtbaren Körper im leeren Raum bestehen aus unsichtbar kleinen Teilchen. Eine Welt der Atome.

Der das vor über 2000 Jahren gedacht und geschrieben hat, war der römische Dichter, Philosoph und Forscher Titus Lucretius, genannt Lukrez. Um das Jahr 60 v. Chr. verfasste er in sechs „Büchern“ (heute Kapiteln) und 7400 Versen sein großes Lehrgedicht „De rerum natura“, eine erste umfassende Naturgeschichte. Die antike Schrift, schon früh von Cicero gerühmt, galt lange als verschollen. Um 1418 hat sie der italienische Humanist Poggio Bracciolini in einem deutschen Kloster wiederentdeckt – zur Zeit, als der Ketzer Johannes Hus auf dem Konstanzer Konzil auf dem Scheiterhaufen endete.

Eine Welt ohne Gott. Später hat sich Giordano Bruno sehr unvorsichtigerweise auf Lukrez berufen. Er wurde im Februar 1600 in Rom gleichfalls als Ketzer verbrannt. Doch der Einfluss von Lukrez, der in Abschriften durch ganz Europa kursierte, war enorm. Machiavelli verehrte ihn, aber zitierte ihn lieber nicht, anders als etwa Montaigne. Dessen berühmte Formel „Philosophieren heißt sterben lernen“ sollte keine Trostlosigkeit lehren, sondern mit Bezug zu Lukrez dem Leben selbstbewusst einen Sinn geben, mit dem Mut zur Erkenntnis, dass alles einmal vergehen muss.

Nachdem er schon Ian Kershaw, Stephen Greenblatt und Neil McGregor (lauter Lukrez-Liebhaber) ins Deutsche übersetzt hat, verdanken wir Klaus Binder nun eine fabelhafte Prosa-Neuübertragung von Lukrez „Über die Natur der Dinge“ (Galiani Verlag, Berlin 2014, 405 Seiten, 39, 99 €), die auch ein Jahr nach ihrem Erscheinen noch immer emphatisch zu empfehlen ist. Ich habe sie erst kürzlich gelesen, mit dem Echo der ersten Lobpreisungen im Kopf. Und doch ganz frisch gestaunt. Über die Schönheit des Textes (und Denkens) – und die enorme Wirkungsgeschichte. Botticelli nimmt Lukrez in seine oft rätselhaft allegorisch Bildwelt auf, Shakespeare muss ihn gelesen haben, Wieland verfasste erst einen „Anti-Lukrez“, um sich dann später zu widerrufen, Goethe war durch die Radikalität der Weltsicht bei aller Bewunderung eher irritiert, Nietzsche oder Deleuze waren dagegen fasziniert, wie auch Albert Einstein und Albert Camus. Den Sinn des begrenzten Lebens ohne Hoffnung auf ein jenseitiges ewiges Leben zu erfahren, ist tatsächlich eine Voraussetzung allen modernen, säkularen Denkens – und begründet auch die Würde des Absurden, sogar das Glück im Unglück des Camus’schen Monsieur Sisyphos. Und apropos Ketzer: Der furchtbare IS hätte Lukrez noch heute geköpft und verbrannt.

Man kann bei Lukrez den Kosmos so gut ergründen wie die Natur der Steine, das Lebensrecht der Tiere (er ist ein früher Grüner: gegen Schlachtopfer), er studiert den Liebesakt und die vermeintlich besten Stellungen für Genuss oder Zeugung, er ist überhaupt ein Epikureer: ein Mann der Sinnesfreude. Lukrez will den Menschen die Furcht vor Katastrophen nehmen, vor Donner und Blitz und den Gewalten der Natur, die er wie keiner vor ihm (und lange niemand nach ihm) als eben natürliche Phänomene beschreibt. Nicht als Ausdruck von etwas Übernatürlichem, das uns in Todesangst oder – zur Erklärung – in Gottesfurcht halten müsse. Zumal der Mensch und seine Erde hier nicht mehr den Mittelpunkt der Welt bedeuten.

Ein erstaunlicher Beobachter, dessen prometheisches Denken in der Renaissance und der – zuerst naturwissenschaftlichen – Aufklärung, etwa bei Galilei und Kopernikus, buchstäblich seine Wiedergeburt erfährt. Auch eine der modernsten, bis heute von der Hirnforschung nicht beantworteten Fragen spiegelt sich im Ansatz schon bei Lukrez. Es ist der Leib-Seele-Dualismus, mit dem Problem, dass das Gehirn als physische Masse auch psychische Qualitäten erzeugt und das organisch basierte Denken sich selber zu reflektieren und zu imaginieren vermag. Für Lukrez sind, wie alle Dinge, „Geist und Seele körperlich“, darum sterblich, aber im Leben doch eine Einheit. Das schönste Wunder der Natur.

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