Kultur : Die Neuköllner Oper spielt wieder Ullmanns "Kaiser von Atlantis"

Isabel Herzfeld

Es war nicht zuletzt die Inszenierung von Viktor Ullmanns "Der Kaiser von Atlantis", die den Ruf von Winfried Radeke und seiner Neuköllner Oper begründete. Elf Jahre ist das her. Seitdem ist nicht nur Berlins beweglichste Off-Oper gewachsen, sondern auch dieses in Theresienstadt entstandene Werk des in Auschwitz ermordeten Komponisten hat seinen Platz im Musikleben gefunden. Gegenüber manchem neueren ehrgeizigen Regieversuch beruft Radeke sich auf die Authentizität, die sich aus seiner auf dem Original-Manuskript fußenden Fassung ergibt. Sie betont schärfer das große Welttheater im unzulänglichen Rahmen einer Aufführung von Lager-Insassen, ohne in fatales "Ghetto-Flair" zu verfallen.

In Marion Strohscheins kargem Bühnenbild spricht eine farb- und gesichtslose Menschenmasse angsterfüllt-sehnsüchtige Gedichte des Librettisten Peter Kien zu verwehenden Ullmann-Klavierklängen - eine atmosphärisch starke Einstimmung. Das Spiel um den tyrannischen Kaiser Overall, in dessen totalem Krieg sich selbst der Tod verweigert und dadurch eine Revolte auslöst, entfaltet sich so als Allegorie, durch deren Brüche die Realität des Lagers immer wieder hindurchschimmert. Das kann sich szenisch mit Andeutungen begnügen und trägt auch Qualitätsunterschiede in der kaum veränderten alten Besetzung. Ullmanns komplexe, freitonale Musik, von der kleinen Kapelle unter Radeke klangschön-fragil vorgetragen, ist eben schwer zu singen. Jörg Gottschick nimmt als Kaiser allerdings allein durch noble Haltung und edlen Bariton für sich ein, eher ein Haider als ein Hitler. Margrit Dürr, Hartmut Kühn und Andreas Schön bringen wohltönend die Utopie von Liebe und Frieden ins Spiel.Nächste Vorstellungen: 5., 10. - 12. Februar.

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