Kultur : Die Oper bebt

Nepper, Schlepper: Verdis „Don Carlos“ in Freiburg und Basel

Georg Rudiger

Zwischen „Don Carlos“ und „Don Carlo“ liegt mehr als ein Buchstabe. Giuseppe Verdi veränderte sein 1867 ursprünglich für die Pariser Oper entstandenes Musikdrama immer wieder. Die am spanischen Hof Philipps II. angesiedelte, düstere Familiengeschichte nach Schillers dramatischem Gedicht erschien auf Französisch (Don Carlos) wie auf Italienisch (Don Carlo), in fünf oder vier Akten, mit und ohne Ballett: ein work in progress.

Beide Fassungen kamen nun an einem Wochenende nur einen Steinwurf voneinander entfernt zur Aufführung: In Freiburg (Regie Barbara Beyer) wie in Basel (Regie Calixto Bieito) – und beide Male zeigte sich das Publikum im beschaulichen Südwesten irritiert. Buhkonzerte im Freiburger Theater, tumultartige Szenen in Basel. Beide Häuser stehen unter einer neuen Intendanz, in beiden Städten wurde die Arbeit des Theaters in den letzten Jahren von der Politik massiv hinterfragt (und in Freiburg auch mit konkreten Sparvorgaben konfrontiert): zwei Theater unter verstärkter Beobachtung.

In Basel gestaltete sich der Saisonstart von Georges Delnon nach der Ära Schindhelm mit Prokofiews „Liebe zu den drei Orangen“ und Bernsteins „On the town“ eher gemächlich. In Freiburg startete Barbara Mundel mit einem ambitionierten, kapitalismuskritischen „Rheingold“ von Frank Hilbrich recht glücklich in die Opernsaison. Und jetzt wird kräftig gemurrt, hüben wie drüben.

In beiden Carlos-Adaptionen ist die Hauptfigur nicht gerade ein jugendlicher Held. In Freiburg drückt er sich in einer Ecke herum, in Basel hockt er in einem Stahlkäfig. Was beide Produktionen überdies miteinander verbindet, ist die überragende musikalische Qualität. Und der sehr freie Umgang mit der Schiller-Verdi’schen Vorlage. Barbara Beyer siedelt ihre vier Akte in einem roten Salon an (Bühne Oliver Brendel). Philippe II. ist in diesem Kammerspiel nicht das autoritäre Familienoberhaupt, sondern eher ein frustrierter Geschäftsmann, der seinen Liebeskummer auch mal an der Schulter Posas ausweint. Sohn Carlo (nicht ganz höhensicher: Alexey Kosarev) trägt eine grüne Trainingsjacke und ist suizidgefährdet. Ab und zu latscht jemand durchs Bild, stets weden die Szenen ironisch gebrochen. Bei der großen Aussprache zwischen Eboli (Anna Smirnova) und Elisabeth (Victoria Nava) im dritten Akt wischt gar eine Putzfrau den Boden. Beyer duldet weder Intimität noch Pathos. Verdis Musik aber will genau das. Sie sucht das Intime – und sie mobilisiert die Masse, wie beim Autodafé im zweiten Akt. Von diesem Fest bleibt bei Beyer hinter einem silbrigen Streifenvorhang nur die Party übrig. Patrik Ringborg dagegen zeigt mit den Freiburger Philharmonikern, wie Verdis Orchesterklang zuschlagen kann – und versöhnt.

Auch in Basel gelingt die musikalische Interpretation hochdifferenziert. Balázs Kocsár verbindet mit dem Sinfonieorchester Basel dramatische Kraft mit lyrischem Innehalten und entwickelt eine Düsternis im Ton, der die gesamte Inszenierung Calixto Bieitos grundiert. Der Katalane lässt die fünfaktige Fassung in einer Bahnhofshalle spielen. Zu Beginn laufen auf den Monitoren die Bilder des Terroranschlags von Madrid. Ganz am Ende kehren sie wieder, und Don Carlos bekommt einen Bombengürtel umgeschnallt: Der Infant als Selbstmordattentäter. Auf dem Weg dorthin radikalisiert Bieito in gewohnter Manier die theatralischen Mittel. Am Anfang muss man noch schmunzeln, wenn Carlos sich bei seiner ersten Begegnung mit Elisabeth an deren linker (Plastik-)Brust labt. Der rechte Busen hingegen ist für das königliche Baby reserviert. So stillt die Königin Liebhaber und Sohn – ein starkes Bild. Anstatt des Mönchs jedoch, der Carlos an seinen Vater Karl V. erinnern soll, kommt zu Beginn des zweiten Aktes der Gekreuzigte auf die Bühne. Mit Dornenkrone, Wundmalen und einer Peitsche, mit der er den Infanten auf einer Schulbank züchtigt.

Spätestens hier ist klar, dass Verdis Oper Bieito nur als Vorlage dient. Es geht ihm – wie immer – um seine Darstellung von Macht und Gewalt, von Opfern und Tätern. Jeder quält hier jeden. Elisabeth reißt Eboli die Augen aus und verspeist sie, Philipp vergewaltigt seine Gattin, Eboli schlachtet Posa. Lyrisches findet sich nur mehr in der Musik. Mardi Byers ist eine Elisabeth, in deren warmem Sopran so gar nichts von jenem Sadismus liegt, den Bieito ihr im großen Duett mit Eboli (überragend: Leandra Overmann) überstülpt. Keith Ikaia-Purdys Carlos hat große Gestaltungskraft, Stefan Kocán ist ein potenter Philipp. Die Autodafé-Szene schließlich erweist sich als Höllenspektakel. Nackt knien die Gefangenen auf dem Boden, bevor sie einzeln abgestochen werden. Dazu amüsiert sich das Chorvolk nach Kräften – im Gegensatz zum Theatervolk unten im Saal, wie gesagt.

Aber vielleicht ist dieser „Don Carlos“/„Don Carlo“ jenseits seiner irrwitzig schönen Musik ja auch einfach Verdis unfertigstes, widerspenstigstes Stück.

Informationen unter www.theater.freiburg.de und www.theaterbasel.ch

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