Kultur : Die Preisheiligen

Vor dem Deutschen Buchpreis: eine Orientierungshilfe im Dickicht der Literatur-Auszeichnungen

Steffen Richter

„Rühmen, das ists!“, jubelt Rilke in den „Sonetten an Orpheus“. Doch gerade das Rühmen fällt deutscher Nüchternheit schwer – nicht einmal das Schiller-Jahr hat eine merkliche Pathos-Dividende gebracht. In sonderbarem Kontrast dazu steht das allgegenwärtige Dichter-Rühmen. Kaum ein Tag, an dem nicht eine Zeitungsmeldung einen neuen Literaturpreisträger verkündet. Kein Wunder, gibt es doch allein in Deutschland mehr Literaturpreise, als das Jahr Tage hat.

Derzeit geht eine regelrechte Lawine über uns hinweg. Nach den internationalen Ehrungen wie den gerade vergebenen Booker- und Nobel-Preisen wird morgen erstmals der Deutsche Buchpreis verliehen. Und in einer Woche erhält Orhan Pamuk den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Doch wer – außer eingeschworenen Literaturbetriebs-Junkies – könnte schon die etwa zwei Dutzend wichtigsten deutschen Preise aufzählen, geschweige denn die aktuellen Preisträger? Das Terrain ist unübersichtlich, zahlreiche Auszeichnungen stehen sich in der öffentlichen Wahrnehmung gegenseitig im Wege. Während Frankreich auf den Prix Goncourt schaut und in Großbritannien der Booker Prize das Maß der Dinge ist, fehlt es hier zu Lande an einem wirklich repräsentativen Preis. Das hat auch mit der föderalen Verfasstheit der Bundesrepublik zu tun. Grüppchen kochen Süppchen?

Natürlich, da ist der Georg-BüchnerPreis. Der wird jedes Jahr im Herbst für ein Lebenswerk vergeben und gilt zu Recht als gebremst wagemutig. Meist wird ausgezeichnet, was ohnehin sanktionierte Literaturgeschichte ist. Die letzte große Ausnahme war 1995 der 33-jährige Lyriker Durs Grünbein. Wo man sich nicht aufs Gesamtwerk verlegt, steht ein einzelnes Buch im Mittelpunkt – wie etwa beim Bremer Literaturpreis. Mal bedarf es eines regionalen Bezugs (Literaturpreis Ruhrgebiet), mal wird ein unveröffentlichtes Manuskript prämiert (Döblin-Preis), dann soll das preiswürdige Werk von einem Autor nichtdeutscher Sprachherkunft stammen (ChamissoPreis). Ganz zu schweigen von den Dutzenden Genre-Preisen, etwa für Krimis (Friedrich-Glauser-Preis), Gedichte (Lyrikpreis Meran) oder Hörspiele (Hörspielpreis der Kriegsblinden). Häufig sind einzelne Auszeichnungen zusätzlich nach Sparten von Roman über Sach- bis Jugendbuch aufgefächert. Robert Gernhardt etwa darf sich mit dem Satirepreis Pantheon in der Sektion „Reif und bekloppt“ schmücken. Als wäre das nicht genug, sind an viele Auszeichnungen kleinere Förderpreise gekoppelt.

Dabei bemisst sich die Bedeutung von Preisen durchaus nicht nur an ihrer Dotierung. In Deutschland gibt es das meiste Geld für den Joseph-Breitbach-Preis (120000 Euro). Und doch reicht sein Ansehen bei weitem nicht an den französischen Goncourt heran, der dem Gewinner einen Scheck in Höhe von 10 Euro einbringt. Meist bewegen sich deutsche Preissummen im Bereich zwischen 1500 und 10000 Euro. Mal kann man sich bewerben, mal wird man vorgeschlagen.

Aber Geld ist eben nicht alles. Neben der temporären materiellen Absicherung von Schriftstellern haben Preise auch eine Orientierungsfunktion im Dickicht des Buchangebots. Es geht um Hierarchisierung, literaturgeschichtliche Kanonisierung und Akkumulation von kulturellem Kapital – das mittelfristig auch die Kasse klingeln lässt. Und natürlich sollen Leser auf Bücher aufmerksam gemacht werden. Dabei ist der Zusammenhang von Preisvergabe und Produktwerbung – wenn etwa eine Liste von Auszeichnungen auf dem Buchcover zum Kaufargument wird – nicht per se kulturell fragwürdig. Wer sich allerdings wie die Münchner „Corine“ den Kommerz gleich auf die Fahnen schreibt, muss sich vorwerfen lassen, mit Literatur wenig am Hut zu haben.

Nicht zuletzt geht es bei Preisen – wie bei den meisten Formen von Literaturförderung – auch um Politik. Ganz wie Literaturkritiker würdigen Juroren oft nicht das Literarische an sich, sondern soziale, ethische oder eben politische Wertungen, die das Literarische transportiert. Beinahe zum Staatsakt wird die Verleihung, wenn beim prestigeträchtigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ein amtierender Bundespräsident oder Michael Naumann als ehemaliger Staatsminister für Kultur die Laudatio hält.

Ein (Kultur-)Politikum ersten Ranges stellen die Querelen um einen nationalen Preis mit tatsächlicher Breitenwirkung dar. Der Deutsche Bücherpreis, der 2002 bis 2004 auf der Leipziger Buchmesse vergeben wurde, hätte diese Funktion übernehmen können. Doch eine lächerliche Fernsehgala mit Show-Einlagen samt MDR-Fernsehballett hat dem Projekt schon im dritten Jahr den Garaus gemacht. Böse Zungen behaupten, die erste Preisträgerin Christa Wolf habe ihre Trophäe, einen von Günter Grass modellierten „Bücher-Butt“, jahrelang im Kofferraum spazieren gefahren.

Mittlerweile hat der Dachverband der Buchbranche, der Börsenverein, Leipzig den Preis entzogen und stattdessen einen Deutschen Buchpreis ins Leben gerufen, der nun erstmals am Montag, am Vorabend der Frankfurter Buchmessen-Eröffnung vergeben wird. Der Buchpreis soll, angelehnt an Booker und Goncourt, deutschsprachiger Literatur größere internationale Aufmerksamkeit verschaffen – was angesichts ihres chronischen Exportproblems eine lohnende Aufgabe sein kann. Über die literarische Qualität des prämierten „besten“ Buchs des Jahres ist damit noch nichts gesagt. Für ebendiese Qualität bürgt indes der neue Preis der Leipziger Buchmesse, den die Stadt gemeinsam mit dem Land Sachsen und dem Literarischen Colloquium Berlin vergibt – auch um dem Affront des Börsenvereins gegen den Standort Leipzig etwas entgegenzusetzen.

Wenn Akademien, Städte, Bundesländer, Stiftungen, Zeitungen oder Radiosender Preise vergeben, ehren sie damit immer auch ein bisschen sich selbst. Über manchen Entscheidungsprozess wäre man freilich gern genauer informiert. Transparenz, wie seinerzeit bei der Verleihung des Preises der Gruppe 47, ist durchaus keine Normalität. Nobelpreis-Juroren wird gar eine Schweigepflicht von 50 Jahren auferlegt.

Leider setzen viele dieser Preise – wie soeben der Nobelpreis für Harold Pinter – auf Bekanntes und Bewährtes. Und gerade einen neu geschaffenen Preis etabliert nichts besser als ein Preisträger mit klangvollem Namen. Außerdem zieht ein Preis unweigerlich den nächsten nach sich. Die auf diese Weise vielfach geehrten Autoren stehen im strahlenden Licht des Betriebs – und die im Dunkeln sieht man nicht. Das heißt allerdings nicht, dass für den literarischen Nachwuchs nicht etliche Brosamen abfallen würden. Der bei den Klagenfurter Tagen der deutschsprachigen Literatur verliehene Bachmann-Preis und der Berliner Open Mike sind nur die Spitzen vom Eisberg. Zudem hat der Literaturbetrieb vor den Preis oft das Stipendium gesetzt – und die Bundesrepublik gilt vielen als „Stipendienwunderland“. Allen Klagen zum Trotz beneidet man uns jenseits der Grenzen um das vergleichsweise dichte Netz der Literaturförderung. Dass flächendeckende Versorgung in Einzelfällen zu erstaunlichen Stipendien- und Literaturpreis-Karrieren, ergo: subventionierter Realitätsabstinenz führen kann, monieren nicht nur knallharte Neoliberale.

Manchmal treffen Literaturpreise auch die Richtigen. Allzu oft aber machen sie um diese einen Bogen. Albert Vigoleis Thelen etwa, der bis heute nahezu verschwiegene Autor des grandiosen Exil-, Schelmen- und Liebesromans „Die Insel des zweiten Gesichts“, hat es gerade mal zum „Doctor humoris causa“ der Dülkener Narren-Akademie gebracht – und zum „Ritter des jungen Lichts“ der Academica Equitans Dulceniae. Der formidable Thelen musste sich als Hausmeister in einem Reiche-Leute-Haushalt durchschlagen, lebte in einem markerschütternden Neubaublock und bis zu seinem Tod 1989 in einem Seniorenheim. Ein Trost bleibt den ungerühmten Literaten: Kein noch so renommierter Preis garantiert den Einzug in den Olymp der Unvergessenen. Das besorgen immer noch wir, die Leser.

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