Kultur : Die Reha-Falle

„The Dorine Chaikin Institute“: eine medizinische Performance-Installation im Berliner Ballhaus Ost

Sandra Luzina

„Schön, Sie wieder bei uns zu haben“, begrüßt mich der junge Arzt. Und auch der Security-Mann in olivgrüner Uniform winkt mir zu. Aber ich kann mich partout nicht erinnern, schon mal hier gewesen zu sein im „Dorine Chaikin Institute“. Der Eingang liegt unauffällig in der Pappelallee, die Einrichtung macht einen eher obskuren Eindruck. Ich bin angemeldet. Mit professioneller Freundlichkeit werde ich von einer Krankenschwester in Empfang genommen. Aber ich wüsste nicht, was mir fehlt. Deswegen bin ich ein Fall für Doktor Dorine Chaikin, die hier das Regiment führt.

Die nächsten Stunden werde ich auf dieser schäbigen Krankenhaus-Station verbringen – als Patientin. Meinen Namen und meine Identität musste ich ebenso ablegen wie meine Kleider. Wie alle trage ich einen kratzenden Krankenhauskittel und prähistorische Unterwäsche. Mir wird eins der altmodischen Betten zugewiesen – und dann beginnt die Behandlung. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: Dies ist eine psychiatrische Anstalt, die auf Amnesie spezialisiert ist, auf Formen des Gedächtnisverlusts, die eine psychologische Ursache haben. Daraus resultiert ein asymetrisches Verhältnis: Ich weiß nicht, was mit mir geschah, während die Ärzte und Pfleger vorgeben, alles von mir zu wissen und diese Identitätsbehauptung auch um jeden Preis aufrecht erhalten. So diktieren es die Spielregeln.

„The Dorine Chaikin Institute“ ist eine Performance-Installation des dänisch- österreichischen Künstler-Duos Signa und eines der kuriosesten Projekte des Nordwind-Festivals. Der kollektive Umgang mit Krankheit soll untersucht werden, wie immer bei Signa geht es auch um Machtstrukturen. In erster Linie ist dies aber eine gigantische Simulation, die sich vor meinen Augen abspielt – und an der ich wohl oder übel mitwirke.

Signa ist auf site-specific-performances spezialisiert. Sie haben bisher in einem leerstehenden Hotel, in einem Gefängnis oder in Kellerverliesen ihre unheimlichen Paralleluniversen errichtet. Mit dem „Dorine Chaikin Institute“ verfolgt das Paar eine ähnliche Strategie: Die Grenzen zwischen Realität und Inszenierung sollen immer mehr verschwimmen; der Zuschauer soll sich in der Fiktion verstricken, die er zugleich mitgestaltet. Was nur bedingt funktioniert.

An meinem Bett lösen sich die Schwestern ab – von wegen Pflegenotstand! Schwester Rosenberg erinnert an Oberschwester Mildred aus „Einer flog übers Kuckucksnest“. Ich stehe unter lückenloser Beobachtung – selbst wenn ich mit den anderen Patienten Puzzle spiele. Wer von den Mitinsassen Performer und wer echter Autist ist, kann ich nur erraten.

Der Objekt-Assoziations-Test bedeutete schon emotionalen Stress, danach werde ich noch einer Berührungs-Therapie unterzogen, während die Patientin im Nachbarbett mit Flötenklängen ruhiggestellt wird. Der Höhepunkt des Abends ist erreicht, als die Schwestern in Tier- und Monster-Masken auftreten und dabei auf Wunsch schon mal Twist tanzen. Nach all den Tests bin ich ein wenig mitgenommen. Die Diagnose erfolgt dann überraschend schnell und erscheint mir doch auf skandalöse Weise leichtfertig. Überhaupt: Die Pfleger-Performer agieren zwar ziemlich undurchsichtig, doch gibt es Momente des Zögerns, die die perfekte Krankenhaus-Illusion zerstören.

Eine beklemmende soziale Erfahrung war dies nicht – aber ich hatte ja auch Glück, die Gruppentherapie blieb mir erspart. Nach drei Stunden darf ich die Anstalt verlassen. Das altmodische Telefon läutet wiederholt – wie es aussieht, hat Doktor Chaikin in Berlin alle Hände voll zu tun. Bitte beachten: In diese Anstalt begibt man sich freiwillig – und hier wird keiner als geheilt entlassen. Sandra Luzina

Ballhaus Ost, bis 1.12., 12–24 Uhr. Besuch nur mit vorheriger Anmeldung möglich unter signa@nordwind-festival.de oder Tel.: 440 49 57

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