Kultur : Die Reisende

Spiritualität und Aufklärung: zum Tod der Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel

Thomas Lackmann

Der Skandal kam wie bestellt. Die Kandidatin für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels gilt als große Erforscherin, ja Verehrerin des Islam, als führende Orientalistin ihrer Generation. Die mystischen Überlieferungen der zweitgrößten Weltreligion sind ihr Spezialgebiet. Als Professorin an der Bonner Universität soll Annemarie Schimmel sehr leise, mit geschlossenen Augen, ohne Manuskript ihre Vorlesungen gehalten haben. Der Ruf einer Agitatorin eilte ihr eher nicht voraus.

Doch nun, im Vorfeld der Frankfurter Preisverleihung 1995, äußert sie während eines Interviews Verständnis für die Empfindlichkeit jener Millionen von Muslimen, deren religiöse Gefühle Salman Rushdie „auf eine sehr üble Weise“ durch seine „Satanischen Verse“ verletzt habe. Ihre später nachgereichte Erklärung, damit keineswegs die iranische Todesdrohung gegen den Dichter rechtfertigen zu wollen, geht in der Empörung feuilletonistischer Gedankenpolizisten unter. Ein polemischer Diskurs über die Chancen des Dialogs der Kulturen hebt an. „Wenn wir uns, wie Frau Schimmel das zeigt, in eine andere Kultur hineinversetzen, dann heißt das nicht, dass wir darin versinken,“ lobt Bundespräsident Herzog in der Paulskirche das Lebenswerk der Unpolitischen. Die Buhrufe verebben. Der Tagesspiegel kommentiert: Frau Schimmel, die romantischerweise in der Poesie das „Mittel der Weltversöhnung“ sehe, verdanke ihre Ehrung eigentlich dem Amerikaner Samuel Huntington und seiner drohenden Formel vom „Clash of Civilisations“.

Sechs Jahre später, der zweite Afghanistan-Krieg ist in vollem Gange, erscheint ein langer Reisebericht Annemarie Schimmels aus Saudi-Arabien („FAZ“ vom 10.11.). Sie hat in Riad, auf Einladung des Kultusministeriums, vor begeisterten Studenten über den deutschen Dichter und Übersetzer aus dem Arabischen, Friedrich Rückert, gesprochen, der ihr selbst einst orientalische Horizonte eröffnet hatte. Sie notiert pittoreske Banalitäten, akademische Beobachtungen – ohne einen politischen Gedanken zuzulassen. Der Text irritiert: Hat die alte Dame nach dem 11. September noch nichts begriffen?

An solch einer interkulturellen Konservativen im akademischen Elfenbeinturm muss sich der säkulare, sozialwissenschaftliche Welterklärer offenbar die Zähne ausbeißen. Dabei hält sich die Lehrende selbst keineswegs für unpolitisch; ihr Einsatz für Oppositionelle in islamischen Ländern findet freilich nicht auf der Spektakel-Bühne statt. Ihr Verhältnis zur Öffentlichkeit der Mediendemokratrie jedenfalls scheint gestört; oder umgekehrt. Um so heftiger verteidigt diese Kennerin des Islam die Intimität ihrer Arbeit. Häufig spricht sie von „Liebe“, um den eigenen Ansatz und Einsatz zu umschreiben: von der „Liebesgeschichte zwischen mir und dem Orient“. Wie jeder Liebende ist sie leidenschaftlich, parteiisch. In der Mystik, der liebenden Suche der Seele nach Gott, erkennt sie den besten Schlüssel zum Verständnis der Religion. Die Ignoranz vieler Muslime gegenüber der eigenen Kultur entsetzt sie ebenso wie die Ahnungslosigkeit Gebildeter hierzulande. Das größte Problem für den Dialog sei die Sprachunkenntnis. „Wie kann man von islamischer Kultur sprechen, wenn man die poetische Qualität eines persischen Gedichts nicht zu würdigen weiß?“

„Sie rasen und beißen im Kampf sich fast tot./Du zeige ein Stückchen vertrocknetes Brot:/Wie schlucken sie jede Mißhandlung, erschrecken,/Die Elenden,die fast vor Hunger verrecken!/Erhöben sie, bedrückt, ihr Haupt nur frei,/Wie bald verging des Menschen Tyrannei!“ Das pakistanische Gedicht „Die Hunde“ von Faiz Ahmad Faiz (1911–1984) hat Annemarie Schimmel übersetzt: „Die Wolke wird sich auftun, die Nacht wird auch verschwinden – sei nicht, sei nicht betrübt, /Es ändern sich die Zeiten ...“ Übertragungen islamischer Lyrik aus 1000 Jahren hat sie ebenso publiziert wie spezielle, auch populärwissenschaftliche Untersuchungen (Hauptwerk: „Mystische Dimensionen des Islam“). Immer wieder konzentriert sie sich auf ihr Lieblingsgebiet, die kulturellen Traditionen der feindlichen Nachbarn Indien und Pakistan.

Geboren in Erfurt – die Mutter entstammt einer Seefahrerfamilie, der Vater ist ein philosophierender Postbeamter – hat die Fünfzehnjährige bereits begonnen, Arabisch zu lernen; Persisch, Türkisch, Urdu, Paschtu, Sindhi, Pundschabi kommen später hinzu. 1941 bis 45 ist sie Übersetzerin im Auswärtigen Amt. Ihre Hochschulkarriere führt von 1967 bis 92 nach Harvard. Die evangelische Christin bezeichnet sich selbst als „tiefreligiös“.

Auf die aktuell oft gestellte Frage, wie Spiritualität und Aufklärung, Tradition und Moderne, zu versöhnen seien, hat die passionierte Lernende ihren altmodischen eigenen Weg als Antwort gegeben. Ihre Kritik am oberflächlichen Auswendiglernen der fanatischen Taliban, denen sie die wahre Kenntnis der Tradition absprach, trifft nicht weniger den indifferenten Multikulturalismus der Globalisierung. War sie eine Spinnerin, Träumerin, die provokante Gegenfigur zur Schlagzeilen-Kompetenz der Scholl-Latouristischen Welt-Anschauung? Vor allem wohl: eine gründliche Reisende, die sich fürs Land ihrer Neugierde Zeit genommen hat, das ganze Leben lang. Wenn „der Weg zu Ende“ sei, schrieb Annemarie Schimmel 1995 über „Ort“ und „Ortlosigkeit“ im islamischen Denken, werde „der Teppich von Raum und Zeit aufgerollt“. Am Sonntag ist sie in Bonn im Alter von 80 Jahren gestorben.

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