Kultur : Die Revolution küsst ihre Kinder

WETTBEWERB Wang Quan’ans grandioses Historiengemälde „White Deer Plain“.

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Sturz in die Geschichte. Im Dorf der Weizenbauern – Szene mit Zhang Fengyi. Foto: Berlinale
Sturz in die Geschichte. Im Dorf der Weizenbauern – Szene mit Zhang Fengyi. Foto: Berlinale

Wogender Weizen, bis an die Ränder der Welt. Und sein Geräusch im Wind. Keine Musik. Das ist der Anfang: Vollkommenheit, Fülle – und Unschuld.

Manche stellen sich so das Paradies vor. Dann kommt der jähe Sturz, aus der Ruhe ins Unbeschränkte, in die Bewegung, die Geschichte. Längst im Bilderstrudel von Wang Quan’ans Historiengemälde gefangen, flackert immer wieder die Frage auf: Wann beginnt er genau, der Absturz in die Geschichte? Als plötzlich der ausgeraubte Weizenwagen mitten im Dorf Bai Lu Yuan in Nordwestchina steht, weil die jahrhundertealte Getreidesteuer für den Kaiser nicht mehr bewacht werden konnte. Auch der Kaiser war nicht mehr zu schützen gewesen, wie die Weizenbauern erfahren. Oder war es später, als der Sohn des Bauern Lu seinem Vater das Undenkbare sagt, den schlimmsten Satz, den Kinder ihren Eltern sagen können: Ich will dein Leben nicht! Heiwa sagt ihn inmitten des Weizens, inmitten der Arbeit.

Oder war es ein dritter Moment? Heiwa (Duan Yihong) erntet nun den Weizen eines fremden Herrn, der viele Arbeiter und viele Frauen hat. Im Schoß der jüngsten versenkt der reiche Alte Datteln anstelle seines ermatteten Selbst, um die Frucht dort reifen zu lassen. Altchinesisches Ersatz-Viagra.

Egal, welcher Moment es war: Die Bewegung ist längst unaufhaltsam, ob man sie nun Fortschritt oder Verfall nennt oder Geschichte. Zerstörung ist sie allemal. „White Deer Plain“ dauert drei Stunden; von den 188 Minuten ist keine zu viel. Wann hätten wir zuletzt eine ähnlich zwingende, hellsichtige Verschmelzung von Liebes- und Historienfilm gesehen, von Sex- und Geschichtskino? Die Gewalt der Geschichte spiegelt die des Geschlechts und umgekehrt. Ort: China. Zeit: Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts bis zum Einmarsch der Japaner.

Nichts ist hier Bebilderung, und die Liebesgeschichte ist nicht Ornament, sondern treibende Kraft des Geschehens. Die jüngste Frau des reichen Weizenbauern will irgendwann statt einer Dattel doch einen Mann, sie nimmt sich Heiwa. Beide können froh sein, mit dem Leben davonzukommen, sie kehren zurück nach Bai Lu Yuan. Aber die Heirat mit dieser Frau aus der Fremde, aus der Stadt, ist vor den Ahnen nicht zu rechtfertigen. Aus Heiwa und der schönen Xiaoe – voller Anmut, Kraft, Widerständigkeit: Zhang Yuqi – werden zwei Beinahe-Ausgestoßene, die ersten modernen Menschen von Bai Lu Yuan.

Der moderne Mensch aber ist zugleich der universell verführbare Mensch. Ausgerechnet Heiwas Kindheitsfreund, dessen Vater der Herr des Ahnentempels ist, hört von einem Land, das alle Ahnentempel abgeschafft hat: die Sowjetunion. Was für ein Szenario der unauflöslichen Verschränkung von Fortschritt und Barbarei entfaltet Wang Quan’an. Der Berlinale gebührt das Verdienst, alle Filme dieses Regisseurs gezeigt zu haben. „Tuyas Hochzeit“ gewann 2007 den Goldenen Bären. Schon damals wollte er „Bai Lu Yuan“, den berühmten Roman von Chen Zhongshi, verfilmen. Was so lange währt, wird im Kino selten gut. Wang Quan’an beweist das Gegenteil.

16.2., 10 Uhr (Haus der Berliner Festspiele), 16.2., 14.15 Uhr und 19.2., 18 Uhr (Friedrichstadt-Palast)

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