Kultur : Die schlangenförmige Wohnanlage von Georg Bumiller und andere Bauten

Robert Kaltenbrunner

Der Moabiter Werder, jenes zentral gelegene, seit Menschengedenken von einer Spedition (unter)genutzte Gelände unweit von Schloss Bellevue und Kongresshalle, hat in den letzten zwölf Jahren eine überaus wechselvolle Planungsgeschichte durchlebt. Das ist nun ausgestanden. Frei nach dem Motto "Nicht kleckern, sondern klotzen" ist hier, im Regierungsviertel, ein im Wortsinne einprägsames Bauwerk entstanden. Wer heute auf der Stadtbahn das Terrain passiert, dem sticht eine langgestreckte, gewellte, eigentümliche Wohnanlage ins Auge.

Dem schlangenartigen Gebilde haftet etwas Widerborstiges an. das ist nicht nur seiner - mit mehr als 700 Wohnungen für Bundesbedienstete und Parlamentarier recht beachtlichen - Dimension geschuldet. Alles andere als gefällig, rangiert die halbkilometerlange Raumskulptur in der Meinung der Öffentlichkeit nicht eben ganz oben. Man sollte sich indes nicht vom ersten Eindruck leiten lassen. Denn der junge Berliner Architekt Georg Bumiller hatte es hier mit Vorgaben zu tun, die zu meistern einem Husarenstück gleichkam.

Im Rahmen seiner Planungen zum "Zentralen Bereich" beschloss der Senat von Berlin 1987 die Neuordnung des Geländes des ehemaligen Hamburg-Lehrter Güterbahnhofs. Zwischen der Parklandschaft des großen Tiergartens und dem verdichteten, mit Freiflächen unterversorgten gründerzeitlichen Wohnquartier Moabit bildete dieses Areal lange Jahre eine öffentlich nicht zugängliche Barriere. Ein städtebaulicher Ideenwettbewerb im Jahr 1988 lieferte die Basis für ein Strukturkonzept, das rund 1200 Wohneinheiten in Form einer Hochhauskette als Fortsetzung des nahegelegenen Hansaviertels vorsah.

Doch im Zuge der Wiedervereinigung und der Entscheidung für Berlin als Hauptstadt und Regierungssitz der Bundesrepublik änderten sich die Rahmenbedingungen grundsätzlich. Im Sommer 1994 beauftragte das Bundesbauministerium ein Alternativkonzept, das die bisherige Planung über den Haufen warf. Nunmehr sollte entlang der Hochbahntrasse ein sieben- bis achtgeschossiger Riegel entstehen, dem U-förmige Wohnhöfe vorgelagert werden. Das war auch die Basis für den Realisierungswettbewerb von 1995. Mit keinem Wort allerdings wurde das mittlerweile siegreiche Spreebogenkonzept von Axel Schultes und Charlotte Frank in der Auslobung erwähnt. Und damit kehrte man die wichtigste Orientierungsachse schlicht unter den Teppich.

Das provozierte Kritik. Zu Recht, lag doch der Verdacht nahe, dass hier ein mittelmäßiges Ghetto für Regierungsbeamte entstehen sollte. Umso überraschender das Ergebnis - in doppelter Hinsicht: zum einen der stupende entwurfliche Ausbruch von Georg Bumiller, der die Auslobung souverän missachtete, indem er auf das verbindende "Band des Bundes" Bezug nahm; zum anderen, dass er damit Gnade fand vor den Augen des Preisgerichts. Ungewöhnlich, wenn nicht spektakulär war die einstimmige Jury-Entscheidung, den nicht mit einem ersten Preis ausgezeichneten Entwurf von Bumiller zur Ausführung zu empfehlen. Die beiden Bauherren, die Deutschbau und die FSG, schlossen sich diesem Votum an.

So weit, so mutig. Selbstbewusst steht er nun da, dieser mäandernde Kontrapunkt zur Rekonstruktionswut der jüngeren Berliner Baugeschichte. Doch ist es mitnichten städtebauliche Willkür oder der bloße Hang zur großen Geste, die den Architekten hier geleitet haben. Vielmehr versuchte er, einen vorgegebenen, aber zwischenzeitlich sinnlos gewordenen Rahmen zu sprengen. Statt lediglich die bereits vorgestanzten städtebaulichen Formen zu beleben, hat er neu interpretiert, modifiziert, arrangiert und verformt. Einen eigenständigen, wiewohl korrespondierenden Baustein wollte er in diese widersprüchliche Stadtlandschaft einfügen. Heraus kam die Großform der Schlange.

Beunruhigend nackt bohrt sich die die inzwischen hochgezogene Mauer des Kanzlergartens in den Moabiter Werder. Die vielgetürmte Geste von Schultes verliert sich hier etwas im Raum - und an Überzeugungskraft. Gleichwohl bildet das betonierte Halbrund einen Angelpunkt, der das Planungsgebiet in zwei dreieckige Baufelder teilt. Vom Bauherrn gewünscht war kein gemischtes Stadtviertel, sondern ein nahezu reiner Wohnungsbau für eine ganz bestimmte Zielgruppe. Es nimmt nicht Wunder, dass Bumiller deshalb an die Tradition großmaßstäblicher Wohnungsbaus der zwanziger und dreißiger Jahre anknüpfte: In der Form - kubisch und klar, frei von Ornamenten, mit betonter Horizontale -, aber auch in der Absicht, gleiche Bedürfnisse und Funktionen auch gleich auszudrücken und auf scheinbar individualisierte bauliche Aperçus zu verzichten.

Verschachtelte Hofkonstruktionen mit ihren bevorzugten und weniger bevorzugten Lagen sind Bumillers Sache nicht. Weitaus plausibler schien es ihm, alle Wohnungen auf den Panoramablick auf Spree und Tiergarten auszurichten und gleichzeitig ideal zu besonnen. Vom westlichen Kopf zum östlichen Schwanz von acht auf fünf Geschosse abgetreppt, windet sich sein Baukörper in zunächst weit ausholendem, dann enger werdendem Schwung. Was aus der Vogelschau wie eines jener vielgeschähten monolithischen Relikte des Großsiedlungsbaus wirkt, erweist sich aus der Nähe als ein kunstvoll-kurzweiliges Spiel mit Volumetrien und Perspektiven. Ein Entwurf, dessen Verdienst nicht zuletzt darin liegt, Öffentlichkeit herzustellen, und nicht, wie ursprünglich geplant, ein umzäuntes Kondominium für Bundesbedienstete.

Mittel zum Zweck ist die merkwürdige Vertauschung von Außen und Innen, von Hof und Straße. Man darf sich angezogen und abgestoßen zugleich fühlen von diesem Spiel der Kräfte, dynamisch und einladend, aber auch karge und formelhafte Geometrie. Die horizontale Wucht schier endloser Fensterbänder prägt den Bau zum uferbegleitenden Grünzug. Die Nordseite der Serpentine offenbart dagegen eine belebte Fassade: Durch Einschnitte rhythmisiert, vom Wechsel liegender und stehender Fensterformate geprägt, schließlich durch eine Oberflächentextur, die ihren subtilen Effekt erzielt, indem die Ziegel mit der - weniger regelmäßigen - Rückseite vermauert wurden, und deren Farbgebung freundlich zwischen Gelb und Rot changiert.

Wohlproportioniert und in sich schlüssig ist der an der Paulstraße gelegene Kopf der Schlange, dem man nicht sofort ansieht, dass er von einem anderen Berliner Architekten stammt, von Jörg Pampe. Hochgradig formalisiert hingegen die vier Atriumhäuser von Urs Müller, Thomas Rhode und Jörg Wandert auf dem nördlichen Baufeld, deren strikte Ausrichtung und herber Charme dem unbefangenem Betrachter doch einiges abverlangen. Komplettiert wird das Ensemble durch einen Backsteinbau der zwanziger Jahre in sachte expressionistischem Gewand, der vordem die Spedition Hamacher beherbergte und nun denkmalpflegerisch behutsam in eine Grundschule umgebaut wurde. Daneben sind eine Kita und eine Sporthalle entstanden, die allerdings mit ihrer Umgebung wenig harmonieren.

Überhaupt blieb in der Ausführung viel Qualität auf der Strecke: So wurden die begehbaren Dachgärten, das Alleenhaus und die Wintergärten ersatzlos gestrichen. Schande! Umso wichtiger nun, dass die Anbindung verbessert wird: Das Aufbrechen und Beleben des Bahnviadukts im Nordwesten und die Brücke über die Spree im Osten sind unverzichtbar für die Integration des gesamten Moabiter Werders.

Man mag die Serpentine als umstrittenes Vorhaben werten. Mut jedenfalls haben die Beteiligten bewiesen. Aber auch Weitsicht? Das wird sich zeigen, handelt es sich hier doch um eine Stück Architektur, das im Laufe der Zeit zum Stadtbild gehören wird. Überlange Bauten haben in Berlin oftmals anfängliches Unbehagen hervorgerufen, ausgedrückt in Begriffen wie "langer Jammer", die mit der Zeit einen eher liebevollen Klang angenommen haben. Wer weiß, ob das nicht auch bei der "Beamtenschlange" der Fall sein wird.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben