Kultur : Die Seele rauslassen

Ohne Schonung, ohne Scheu: Wie die Schauspielerin Steffi Kühnert die Filme von Andreas Dresen zum Leuchten bringt

 Christiane Peitz
Mutterwitzig. Steffi Kühnert, 47, wohnt in Prenzlauer Berg. Ab Donnerstag ist sie im Film „Halt auf freier Strecke“ zu sehen. Foto: Thilo Rückeis
Mutterwitzig. Steffi Kühnert, 47, wohnt in Prenzlauer Berg. Ab Donnerstag ist sie im Film „Halt auf freier Strecke“ zu sehen....

Hirntumor, nicht operierbar. Die Frau schaut stur geradeaus, als der Arzt die Diagnose für ihren Mann erläutert. Der Unterkiefer bebt, eine Träne bahnt sich den Weg, dann fragt sie: „Sagt man das den Kindern?“ Später in „Halt auf freier Strecke“, dem neuen Film von Andreas Dresen, öffnet sie die Balkontür, als der Mann gerade gestorben ist, draußen fällt Schnee.

„Die Tür habe ich aufgemacht, damit die Seele rauskann,“ sagt Steffi Kühnert. „Und wenn man selber Mutter ist, liegt die Frage nach den Kindern doch nahe: Man denkt, ich selber schaffe das vielleicht, wenn der Mann stirbt, aber die Kinder möchte man schützen.“ Steffi Kühnert ist berühmt für ihre resoluten Figuren, das Lebenspraktische, Ungeschminkte. In „Halt auf freier Strecke“, der am Donnerstag startet, spielt sie die Straßenbahnfahrerin Simone, Mutter zweier Kinder, die ihren Mann (Milan Peschel) beim Sterben begleitet. Eine, die sich fordert und überfordert, die schuftet und lacht, die verzweifelt, sich aufrafft und weitermacht, jeden Tag neu.

Wer die Wirklichkeit spielt, hat keine Scheu, sich zu blamieren. Im Kino sieht man Steffi Kühnert oft unverblümt, vom Leben gezaust. In Dresens Kult-Tragikomödie „Halbe Treppe“ von 2002 läuft sie mit Steppjacke überm Morgenrock, Winterstiefeln und Vogelkäfig in der Plattenbausiedlung in Frankfurt/Oder herum, auf der Suche nach dem entflogenen Wellensittich. „Müsste doch gut zu erkennen sein, so gelb“ – ein großartiger Satz.

Kühnert wohnt mit Familie in Prenzlauer Berg, in der Kneipe trinkt sie heiße Schokolade mit Sahne, hat es ein wenig eilig und bittet um Verständnis. Gleich muss sie zum Zug, nach Görlitz, dort steht sie für die Verfilmung von Uwe Tellkamps Wende-Roman „Der Turm“ vor der Kamera. Also redet sie schnell, forsche Stimme, ansteckendes Temperament, ständig blitzt der Mutterwitz durch.

Bei Dresen gibt es keine Drehbücher. „Jeder macht Vorschläge, die werden an die Wand gepinnt, die Zettel werden vertauscht, es ist wie ein Workshop.“ Das Schweigen, die Träne, die Kinderfrage, alles improvisiert. Wo nimmt sie das her? Weil das Improvisieren gut vorbereitet sein muss, hat sie vorm Dreh stapelweise Bücher über den Tod gelesen, Sterbebegleitung, Palliativmedizin. Aber vor allem schöpft sie aus sich selbst: „Man hat ja eine Biografie, ist mit Erfahrungen behaftet. Ich lasse mich in die Situation fallen, und dann entsteht etwas.“ Aber ein Film über das Sterben war auch für Steffi Kühnert eine Mutprobe, eine Rolle, die sich nicht leicht abschütteln ließ.

Sie mag das, so ohne Schonung, dicht am Abgrund. Die notwendige Erdung dafür hat sie aus Berlin-Wilhelmshagen. Kühnert, 1963 geboren, ist ein Stadtgrenzenkind, der Bus fuhr alle 20 Minuten. Der Vater war Konzertmeister im Großen Rundfunkorchester Berlin, eine engagierte Lehrerin brachte den Kindern das Theater nahe, Leander Haußmann wohnte in der Nähe, so fing es an. Man traf sich in der Schauspielschule Ernst Busch wieder, bis heute arbeiten die beiden zusammen. Das Ensemble um Haußmann formierte sich am Weimarer Theater, nach der Wende gingen sie nach Westberlin und Bochum.

In seiner Shakespeare-Inszenierung „Der Sturm“ steckte sie als Luftgeist Ariel in aufgepumpten Gummischläuchen: ein zauberhaft plumpes Michelin-Männchen. In „Sonnenallee“ spielte sie eine FDJ-Funktionärin, in „Herr Lehmann“ war sie die Betrunkene, die in Lehmanns Kneipe die Nachricht vom Mauerfall verkündet. Dass sie in Haußmanns „Hotel Lux“ nun als Gefährtin von Ulbricht „Machst’n da?“ fragt, als der eine Mauer aus Würfelzucker baut, ist eine schöne Pointe in eigener Sache.

Aber vor der Schauspielschule, vor den Theaterengagements von Eisenach bis Zürich lag eine Hürde. Ohne Abi oder Facharbeiterabschluss kam man in der DDR auf keine Kunsthochschule. Da es kaum Modisches für junge Menschen gab, lernte Kühnert zwei Jahre lang Herrenmaßschneiderei: „Ich nähte wie eine Irre.“ Und kaum hatte sie bei Ernst Busch angefangen, holte Christoph Schroth sie ans Schweriner Theater. Er brauchte eine Iphigenie, Kühnert sprang für die schwangere Ulrike Krumbiegel ein. „Ich war 18, unausgebildet und enorm aufgeregt,“ erinnert sie sich, und dass sie auch Andreas Dresen in Schwerin kennenlernte. Dresen ist Christoph Schroths Ziehsohn. Schroth besetzte die Studentin in weiteren Stücken, so stand sie früh auf der Bühne, vor der Zeit sozusagen. Das Konsternierte und Unerschrockene hat sie sich bis heute bewahrt: Ihre Figuren wirken trotzig und schutzlos zugleich.

Ihren ersten Triumph feierte sie als hochnervöse Nora, 1991, in Haußmanns Weimarer Ibsen-Inszenierung. Dafür erhielt sie beim Theatertreffen den allerersten Alfred-KerrPreis. „Wir kamen wie die Provinzdeppen nach Berlin, ich hab’ vor dem Auftritt geschlottert, ich dachte, die werfen mit Tomaten!“ Die Aufführung wurde bejubelt, Bernhard Minetti persönlich sprach ihr den Preis zu. Und Peter Iden verglich ihre Nora mit einer Figur aus einer frühen Max-Ernst-Collage: „Ein heftiges Temperament, etwas Panisches in den Augen, den Gesten, den Gängen.“

Steffi Kühnert bedauert es, dass sie in ihrer kurzen Zeit am Berliner Schiller Theater zwar noch mit Minetti zusammentraf, aber nie gemeinsam mit der Theaterlegende auf der Bühne stand. Das Schiller Theater wurde bald geschlossen, so hat die Wiedervereinigung auch sie ein wenig gebeutelt. Aber ansonsten war der Fall der Mauer ein Segen für sie, stand ihr doch plötzlich die gesamte deutschsprachige Theaterwelt offen. Sie trat in Ost wie West auf, eine gesamtdeutsche Karriere, die ihr das Bundesverdienstkreuz eintrug.

Sie ist ein Gruppenmensch, ein Ensembletier, eine Vielspielerin, im Theater, im Film, im Fernsehen. Wobei man ihr Unrecht tut, wenn man sie auf eine tapfere Heldin des Alltags reduziert. „Privat rede ich gern, wie mir der Schnabel gewachsen ist, aber ich kann auch Hochdeutsch“, lacht sie. Die Sprache von Shakespeare, Kleist, Tschechow, das sei das Vergnügen an ihrem Beruf. „Und selbst bei Dresen spiele ich eine Figur, und wenn sie noch so realistisch wirkt.“

Mittlerweile lehrt sie selbst an der Ernst Busch. Sie redet nicht lang, probiert lieber, mit der behüteten Generation von heute. „Die Studenten kennen kaum noch existenzielle Nöte, aber Leben und Tod bestimmen, was wir sind. Die Schwierigkeit ist, da gefühlsmäßig ranzukommen.“ Sie berlinert, prustet los – und spricht im nächsten Moment von den Leidenstiefen der menschlichen Seele. Die Seele wird etwas sehr Konkretes, wenn Steffi Kühnert über sie spricht, ein Körperteil, ein Organ.

Als der Fotograf kommt, zerstreut sie dessen Bedenken. Draußen ein Foto mit Kran, ist doch gut, wir leben auf einer Baustelle. Da ist er wieder, der konsterniertunerschrockene Blick. „Man kann sich gegen den Tod nicht wehren,“ hatte sie eben noch zu Dresens Film bemerkt und dass die Pausen ihr wichtiger werden. Wenn sie Pause hat, geht sie auf ihre eigene Baustelle, ein Haus in Mecklenburg, da werkelt sie mit der Familie, geht Pilze sammeln, „Maronen, Rotkappen, Steinpilze, Pfifferlinge, Hallimasch“. Unglaublich das Tempo, in dem sie die Sorten aufsagt.

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