Kultur : "Die Sorgen und die Macht" feiert am Sonntag Premiere

Das Deutsche Theater entdeckt Peter Hacks wieder. Erinnerungen an einen unnahbaren, großen Dichter

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Kühler Kopf. Peter-Hacks-Büste in seinem Landhaus in Groß Machnow. Am Sonnabend hat „Die Sorgen und die Macht“ Premiere. Das legendäre Stück wurde auf Druck der Partei 1963 am Deutschen Theater abgesetzt. Foto: Wolfgang Stahr/laif
Kühler Kopf. Peter-Hacks-Büste in seinem Landhaus in Groß Machnow. Am Sonnabend hat „Die Sorgen und die Macht“ Premiere. Das...Foto: Wolfgang Stahr/laif

Das sind so Sätze: „Kunst lebt von den Fehlern der Welt. / Im Anfang war die Welt poetisch. / Die Schauspielhäuser unseres Jahrhunderts versagen vor aller Klassik. / Es geht die Kunst einen Dreck an, was andere Erkenntnisbereiche für wichtig halten.“ Sätze von Peter Hacks. Ungezählte Seiten könnte man mit solchen Gedanken füllen, deren Scharfsinn, Witz und Eleganz ihresgleichen suchen. Peter Hacks begründete mit diesen und anderen Überlegungen zu den „Maßgaben der Kunst“ seinen Anspruch auf Einzigartigkeit.

Er ist ein großer Vergessener, an den das Deutsche Theater nun zum Saisonauftakt erinnert. Premiere ist am 4. September. Tom Kühnel und Jürgen Kuttner inszenieren Hacks’ „Die Sorgen und die Macht“ neu, als ein „Stück über die Zukunft von gestern.“

Hacks (1928 bis 2003) war Dramatiker, Lyriker, Erzähler, er erfand Märchen und Geschichten für Kinder, mit Heiterkeit und Witz. Klassizität als Ausdruck geistiger Überlegenheit, sprachlicher Meisterschaft und bewusster Ordnung galt ihm dabei als Voraussetzung künstlerischer Arbeit. Er maß sich mit Goethe, fühlte sich dem Weimarer Olympier als Dichter der Gegenwart eng verwandt. Die Romantiker dagegen verspottete er, das Dunkle, Ungeerdete, Übersinnliche stieß ihn ab, widersprach seinem kühlen Intellekt.

Wer Hacks liest, gerät schnell in Gefahr, vom provokativen Furor und der bestechenden Logik seiner Beweisführungen überwältigt zu werden. Der Dichter weiß um diese Wirkung, er schlägt Haken, hat Freude an der Verführung und Verwirrung seiner Leser, von denen er mehr oder weniger voraussetzt, dass sie ihm nicht gewachsen sind. Er unterhält mit dialektischen Spitzfindigkeiten, die er durch die Luft wirbelt wie ein Jongleur seine Bälle.

Es gibt einen kurzen Text, an dem das ablesbar ist, er heißt „Autobiographie“: „Der heilige Benedictus, der, wie man mir sagt, im Jahre 480 geboren wurde, befasste sich vornehmlich mit der Lösung des Problems, wie einer auf Erden möglichst glücklich leben und doch eben noch in den Himmel kommen könne. Ich, der ich, wie man mir sagt, im Jahre 1928 geboren bin, befasse mich (das zu Ändernde geändert) ganz mit demselben Problem.“

In die DDR kam der in München ausgebildete promovierte Geisteswissenschaftler Anfang der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts auf Anregung von Brecht. Er hielt diesem Staat die Treue und schuf in fast fünf Jahrzehnten ein Werk, das bis heute noch nicht gänzlich erschlossen ist. Die Ausgabe im Eulenspiegel Verlag umfasst 15 Bände mit 5344 Seiten, wobei viele tausend Briefe und umfangreiche theoretische Bemühungen im Rahmen von Arbeitstagungen der Akademie der Künste der DDR in dieser Edition nicht berücksichtigt sind. Allein die Dramatik mit politischen Stücken zum Zeitgeschehen, mit historischen und mythologischen Stoffen, mit Bearbeitungen klassischer Vorlagen ist kaum überschaubar.

Überhaupt: Je mehr man in die besondere Welt des Peter Hacks einzudringen versucht, desto rätselhafter wird sie. Das gilt besonders für seine Äußerungen zu Politik und Zeitgeschehen. Hacks fährt Achterbahn, geriert sich als Stalinist, lobt Ulbricht, greift Biermann an, Dubcek, Gysi. Eine Art rein geschliffener Kommunismus scheint ihn geradezu erotisch anzuziehen. Ist das nur Attitüde? Immerhin erklären solche politischen Bekundungen die starken Schwankungen, denen das Ansehen des Dichters und dabei besonders die Rezeption seiner Stücke in beiden deutschen Staaten stets unterworfen war.

Dabei ließ sich Hacks nur ungern in Auseinandersetzungen hineinziehen, die ihn und sein Werk betrafen. Wurden Stücke in der DDR abgesetzt, verworfen, diffamiert, schrieb er einfach weiter, wechselte das Genre, blieb gelassen und überlegen. Ganz erklärlich ist das bis heute nicht, und die Vorgänge um das 1958 entworfene Stück „Die Sorgen und die Macht“ mögen dafür als Beispiel dienen. Wolfgang Langhoff hatte Hacks als Dramaturg ans Deutsche Theater geholt, fand in ihm endlich den wortmächtigen Dichter, nach dem er sich lange gesehnt hatte. Mit fatalen Folgen, denn die Bevorzugung des Westimports Hacks gegenüber den so viel dürftigeren DDR-Dramatikern konnte nicht lange gut gehen.

Die SED-Funktionäre hielten still, solange es um historische Stoffe ging. Aber dann, gerade als Hacks einer leidenschaftlichen Forderung der DDR-Kulturpolitik an ihre Stückeschreiber nachkam, sich dem Alltag industrieller Produktion zu stellen, kam es zum Konflikt. Die Vieldeutigkeit des Titels „Die Sorgen und die Macht“ mochte noch unbemerkt geblieben sein, nicht aber, dass Hacks seine Meinungen hatte zur Dialektik gesellschaftlicher Prozesse.

Er ließ Arbeiterklasse gegen Arbeiterklasse antreten: Während die Brikettfabrik Roter Hammer eine fantastische Überbietung der angeordneten Produktionsziele feiert und ihre Werktätigen großzügig entlohnen kann, sind in der von ihr abhängigen Glashütte karger Lohn und miese Stimmung angesagt. Denn die Briketts des Roten Hammer sind Pfusch und für die Glasherstellung nicht zu gebrauchen. Auf dieser Diskrepanz zwischen Masse und Güte und dem damit heftig gefährdeten heiligen Prinzip sozialistischer Solidarität beruht das Stück. Es ist heiter, feiert die Liebe und bringt sinnenfrohe Feste auf die Bühne. Kämpferischen Ernst aber vermisste die Partei, sie bemängelte voller Zorn, dass die SED-Funktionäre im Stück nicht Herr der konfliktgeladenen Vorgänge zwischen den Arbeitern und Arbeiterinnen der beiden Betriebe sind. Hacks durfte sich verstanden fühlen.

Dabei gab es 1960, bei der Uraufführung von „Die Sorgen und die Macht“ in Senftenberg, einer Stadt mitten in der Braunkohle, noch keine alles infrage stellenden Einwände. Erst mit der Berliner Premiere am Deutschen Theater zwei Jahre später begannen die erschreckenden, boshaften Vorgänge um das Stück. Hacks lieferte eine zweite und dritte Fassung, die Aufführung unter Langhoffs Regie, im Angesicht der drohenden Katastrophe etwas steif und gewollt geraten (so wenigstens empfand ich es damals) hatte durchaus Erfolg. Langhoff und das Ensemble kämpften um die Inszenierung und gaben dem immensen Druck der SED schließlich doch nach. Das Stück wurde auf Beschluss des Theaters abgesetzt, Wolfgang Langhoff musste 1963 „aus gesundheitlichen Gründen“ als Intendant zurücktreten.

Peter Hacks verließ das Theater. Zur Absetzung der „Sorgen und die Macht“ äußerte er sich nicht.

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