Kultur : Die Sprache der Peitsche

Thomas Bischoff inszeniert Bernhards „Macht der Gewohnheit“ am Deutschen Theater Berlin

Günther Grack

Ist eine Reitpeitsche das taugliche Werkzeug, ein Violoncello erklingen zu lassen? Zirkusdirektor Caribaldi, Protagonist von Thomas Bernhards Komödie „Die Macht der Gewohnheit“, übt seit 20 Jahren das Cellospiel als vom Arzt verordnete Therapie gegen einen Mangel an Konzentration – die Pferde hatten auf seinen Peitschenknall nicht mehr mit der erforderlichen Präzision reagiert. „Ein Künstler, der eine Kunst ausübt, braucht eine andere zweite Kunst“, bestätigt dem Direktor sein Jongleur, der Violine spielt. Und so proben die beiden und drei weitere Mitglieder der Truppe seit Jahren ein und dasselbe Stück. „Wenn es nur einmal, nur ein einziges Mal gelänge, das Forellenquintett zu Ende zu bringen; ein einziges Mal eine perfekte Musik“, räsoniert Caribaldi, die Unzulänglichkeit seiner Mitspieler beklagend, und gelangt doch selber nicht über einen einzelnen tiefen Ton hinaus, den er von Mal zu Mal auf dem Cello streicht. Selbstverständlich mit dem Bogen, nicht mit der Peitsche.

Eine Peitsche aber ist es und sonst gar nichts, was der Darsteller des Caribaldi in der Aufführung des Deutschen Theaters Berlin mit sich führt. Dieter Mann, angetan mit roter Frackjacke zu schwarzer Reithose, lässt, wenn es die Truppe zu tadeln gilt, die Peitsche schwingen, knallen oder bedrohlich beben, nur nicht Musik machen. Und so wie er keinen Bogen in der einen Hand hält und kein Cello in der anderen, so hat der Jongleur keine Violine, die seiltanzende Enkelin keine Viola, der Spaßmacher keinen Kontrabass und der von seinem Löwen angegriffene Dompteur kein Klavier, auf das er mit seiner bandagierten Hand draufschlagen könnte. Kurz, von diesem Quintett sind keinerlei musikalische Kunststücke zu erwarten.

Dafür von einem anderen Quintett, vier Herren und einer Dame, die im Zentrum der Drehbühne ein Akkordeon-Bandoneon-Ensemble bilden und prompt mit der Ouvertüre loslegen: Franz Schuberts Forellenquintett in freier Fassung für Ziehharmonikas, variabel in Tempo und Lautstärke, so wie auch die vielen roten Lämpchen über ihnen mal heller, mal dunkler leuchten. Regisseur Thomas Bischoff und seine Ausstatterin Uta Kala haben das Stück aus dem Wohnwagen Caribaldis in dessen Zirkus transponiert, allerdings ohne die Manege mit Sand zu füllen. Wenn die Musikanten mit den Quetschkommoden ihre Pflicht getan haben, werden sie einmal um die Achse gedreht, wo sie bis zu ihrer nächsten Aufgabe mit dem Rücken zu Schauspielern wie Zuschauern ausharren müssen – unser Mitgefühl für die Geduldsprobe, die ihnen das Regieteam abverlangt.

„Diese tagtägliche Quintettprobe ist keine Marotte“, herrscht Caribaldi seine Truppe an – umso sonderbarer wirkt es, dass hier niemand einen Finger rührt. Mit dem bequemen Verzicht darauf, das Ensemble auf handfesten Instrumenten dilettieren zu lassen, ist das eigentliche Agens dieser musikalischen Komödie entfallen. Was auf den fünf Stühlen zu verhandeln übrig bleibt, sind die Malaisen der fahrenden Leute unter der Knute ihres Direktors. Der Jongleur würde gern einem Ruf des Zirkus Sarrasani folgen, wird von Caribaldi jedoch kalt abgefertigt: Das briefliche Angebot sei eine Fälschung. Peter Pagel steigert den Protest seines Jongleurs zu einem fulminanten Ausbruch gekränkter Gefühle, worauf Dieter Manns Caribaldi, ein Standbild der Selbstgerechtigkeit, lediglich mit einem Peitschenhieb reagiert.

Ausnahmsweise einmal nicht unter Aufsicht des Chefs, tragen Sven Lehmanns Dompteur, ein verdrossener Typ, und Peter Ehrlichs Spaßmacher, näselnd durch die rote Nase, ihren Streit über einen Betriebsunfall aus, bei dem der Löwe zugebissen hat. Der baumlange Clown darf dabei einen sehenswerten Kopfstand hinlegen; gestrichen ist dagegen die hübsche Slapstick-Nummer, die den Tierbändiger dem Spaßmacher Wurststücke und Rettichscheiben hinwerfen lässt, als wäre der Kollege eine seiner Raubkatzen. In der Rolle der seiltanzenden Enkelin Caribaldis fällt Isabel Schosnig auf durch das Ungestüm, mit dem sie sich blitzenden Auges dem großväterlichen Gebot, ihren Tanz zu üben, unterwirft – Opa verrät ihr gegenüber dann doch, dass unter der befrackten Brust ein Herz schlägt.

Regisseur Thomas Bischoff, ein Zuchtmeister auch er, nimmt Dieter Mann am Ende die Gelegenheit zur letzten Pointe, die Bernhard Minetti 1974 bei der Salzburger Uraufführung unter Dieter Dorn stumm, doch mit beredter Miene auskosten konnte: dass da aus dem Radio unvermutet das Forellenquintett erklingt, in makelloser Interpretation fünf Takte lang. In den DT-Kammerspielen ist Caribaldi schon abgetreten, als die Quetschkomödianten wieder das musikalische Wort nehmen. Nach 75 Minuten erlöschen über dem Bernhard-Verschnitt die roten Lichter – keine Sternstunde fürs Deutsche Theater.

Wieder am 26. März, am 1., 3. und 16. April.

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