Kultur : Die Toskana kann warten

Kunst und Geld (5): Wie Berliner Lesebühnen-Autoren sich über Wasser halten. Drei Selbstauskünfte

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Immer mehr Menschen können sich nicht mehr auf sichere Erwerbsverhältnisse verlassen. Die Soziologie spricht vom „Prekariat“. Sehen Sie sich als Prekarier?

MICHA EBELING: Das klingt nach römischen Legionären.

SPIDER: „Hast du einen Prekarier-Nachweis?“ (lacht) Naja, wie jeder Selbstständige sind wir als Künstler abhängig von Aufträgen. Nur dass wir in einem nicht florierenden Sektor arbeiten.

ANSELM NEFT: Noch nicht mal stagnierend.

EBELING: Eher rückläufig sich gebärdend.

Ihre Lesebühnen haben wöchentlich bis zu 200 Zuschauer. Kann man davon leben?

EBELING: Es hängt vom Bekanntheitsgrad ab. Wenn du jeden Monat ein, zwei gut bezahlte Auftritte hast, geht es.

SPIDER: Ich kenne 30 oder 40 Leute, die schreiben und vorlesen, die wenigsten können davon leben. Viele fahren nebenbei Taxi, kellnern, programmieren oder machen Werbung. Ich selbst bin ein Glücksfall, mit einer Zeitungskolumne und Auftritten, die alle paar Monate richtig Geld bringen. Von Lesebühnenauftritten allein kann niemand leben.

Wie viel verdienen Sie derzeit?

NEFT: Etwa 1000 Euro im Monat.

SPIDER: So viel?

NEFT: Davon muss ich noch Schulden abbezahlen. Meine Fixkosten liegen bei 900 Euro.

SPIDER: Ich habe ungefähr 800 Euro monatlich, aber weniger Ausgaben. Ich fühle mich nicht superarm, bis vor zwei Jahren habe ich von viel weniger gelebt.

EBELING: (rechnet) 360 Euro Ich-AG-Förderung, dann etwa noch mal so viel durch Lesungen. Wenn was fehlt, borge ich mir was, am liebsten von meiner Bank. Freundlicherweise versteht sich meine Schwester in begrenztem Rahmen als meine Mäzenin.

Auf der Bühne ist man ja vor allem Unterhalter. Macht man da auch Literatur?

EBELING: Wir sind Geschichtenerzähler in der Tradition der Barden und Minnesänger. Es kann auf der Bühne zu Literatur kommen, aber zwingend notwendig ist es nicht.

Wer ist der typische Lesebühnenbesucher?

EBELING: Studenten, Arbeitslose und viele Leute, die selbst schreiben und sich vergleichen möchten. Viele teilen unseren Humor bei der Art, wie wir den Alltag aufbereiten. Wir treten auf wie eine Band, und vielen gefällt das.

Herr Neft, Sie sind im letzten Jahr von Bonn nach Berlin gezogen. Warum?

NEFT: Ich hatte in Bonn keine richtige Arbeit, und in Berlin bin ich nicht so allein. Hier haben viele keine richtige Arbeit.

Ist die Lesekultur in der alten Hauptstadt eine andere?

NEFT: Unsere Bonner Lesebühne hat teilweise recht lange Texte, auch surreale. Wenn ich solche Texte in Berlin vortragen würde, wäre die Aufmerksamkeitsspanne vermutlich schnell überdehnt.

Spider, im März ist Ihr erstes Buch erschienen, „Im Arbeitslosenpark“. In der Titelgeschichte bekommen alle Arbeitslosen Ein-Euro-Jobs – als Arbeitslosendarsteller. Sie stellen selbstironische Verlierer vor. Ist das typisch für Berliner Bühnenliteratur?

SPIDER: Viele Erzähler gehen ja auch als Sieger hervor, zum Beispiel dieser Arbeitslosendarsteller, der feststellt, dass sein Leben sinnvoller ist, seit er Schulklassen in einem Erlebnispark vorführt, wie das früher war mit der Arbeitslosigkeit.

EBELING: Auf der Bühne machen sich Verlierertypen lustig über ihr eigenes Scheitern, so kommt ein Wiedererkennungseffekt im Publikum zustande.

SPIDER: Verlierer sind unterhaltsamer. Trotzdem haben wir auch manchmal anklagende Texte. Die Surfpoeten nehmen die Politik ernst, haben aber beschlossen, das zu trennen: Die Kunst auf der Bühne und die Demonstration auf der Straße.

Die Surfpoeten riefen am 2. Mai zum zweiten „Internationalen Kampftag der Arbeitslosen“ auf. 60 Demonstranten protestierten gegen neue Arbeitsplätze. Der Beginn einer revolutionären Bewegung?

SPIDER: Wir sind alle ein bisschen zu träge für die Revolution, aber mal sehen. Wir fordern, dass jeder, der arbeiten will, arbeiten können soll, und dass jeder, der es nicht will, nicht muss. Es geht darum, das öffentliche Bewusstsein zu schärfen etwa für die Frage, wieso man auf die Arbeitskraft von fünf Millionen Leuten verzichten kann und wahrscheinlich noch auf sehr viel mehr. Man könnte auch die Arbeit der Leute einsparen, die nutzlose Produkte herstellen und sagen: Gebt trotzdem Geld aus. Lebt trotzdem in Würde.

Aber was ist nutzlos? Die Mehrheit hält den kapitalistischen Wettbewerb für das optimale Mittel der Bedarfsermittlung …

NEFT: Mit Epikur gesprochen sind die Bedürfnisse das optimale Mittel der Bedarfsermittlung. Im Ernst: Wir haben keine Angst zu verhungern, sondern marginalisiert zu werden. Man muss ja nicht unbedingt in die Toskana fahren …

EBELING: Das würde ich schon mal gerne machen …

NEFT: Das Problem ist der Druck, sich auf dem Affenfelsen behaupten zu müssen. Da ist auch viel Angst im Spiel.

Sollte der Staat Künstler und Denker finanzieren, damit sie nicht arbeiten müssen?

EBELING: Nein, alle, die nicht arbeiten wollen. Die müssen ja nicht unbedingt Kunst machen. Es gibt so viele Möglichkeiten, etwas Sinnvolles für die Gesellschaft zu tun, ohne dass es Lohnarbeit ist.

NEFT: Ich würde noch einen draufsetzen. Einige, die jetzt Arbeit haben, schaden dem Staat mehr als die Arbeitslosen. Ich war zweieinhalb Jahre Unternehmensberater. Da wird man mit Zügen, Autos und Flugzeugen in der Gegend herumgeschickt, um anderen Firmen Beratungsleistungen aufzuschwatzen. Die Firma zahlt am Ende meist wesentlich mehr als ausgemacht, entlässt 20 Prozent der Arbeiter und hat ein neues Softwareprodukt, das auch nicht viel besser ist als das alte. Deine Firma hat was verdient, aber der Gesamtwirtschaft ist damit nicht genutzt. Das ist oft sogar eine schädliche Tätigkeit.

Wie können Sie jetzt in Ruhe am Schreibtisch sitzen, wenn der Kühlschrank leer ist?

NEFT: Ich habe gemerkt, dass ich mich nicht nur nach der Arbeit mit dem Roman beschäftigen will, sondern den ganzen Tag. Ich dachte: Wenn du machst, was du willst, wird sich das mit den finanziellen Problemen schon irgendwie regeln. Ja, so naiv kann man sein.

Ist eine Veröffentlichung in Aussicht?

NEFT: Bei einem Verlag wird der Text gerade geprüft. Aber wenn es veröffentlicht würde, heißt das nicht, dass meine finanzielle Situation sich langfristig ändert. Es gibt vielleicht 1000, 2000 Euro und, wenn ich Glück habe, eine Lesereise oder ein Radiofeature. Dann musst du das zweite Ding raushauen, das dritte …

EBELING: Ein Teufelskreislauf.

NEFT: Wie bei einer Drückerkolonne. Nur dass man das mit sich selbst veranstaltet.

Was werden Sie tun, wenn Sie 64 sind?

NEFT: Schreiben und Alkohol trinken.

SPIDER: Schwer zu sagen, in 29 Jahren …

EBELING: Nach meinen chinesischen Horoskop fängt bei mir mit 64 der berufliche Erfolg an. Wahrscheinlich fahre zum ersten Mal in die Toskana.

Das Gespräch führte Kolja Reichert von der Freiluft-Bühne „Lesedüne“ (www.leseduene.de). – Als Nächstes in der Serie „Kunst und Geld“: Wie man in Berlin kleine, feine Autorenfilme verleiht.

Andreas „Spider“ Krenzke, 35, ist gelernter BSMR-Techniker. 1996 gründete er „Liebe statt Drogen“. Er liest bei den „Surfpoeten“. Sein Buch„Im Arbeitslosenpark“ erschien bei Voland & Quist.

Micha Ebeling, 40, arbeitete als Taxifahrer und studierte Geisteswissenschaften. Er liest dienstags bei „Liebe statt Drogen“, freitags bei der „Lokalrunde“ und gibt Schreibkurse.

Anselm Neft, 33, studierter Geisteswissenschaftler, gibt Deutschkurse. Er liest bei der „Sonntagsshow“ im Schokoladen und ist Mitherausgeber des Magazins „Exot. Zeitschrift für komische Literatur“ (www.exot-magazin.de).

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